Katharina Elisabetha Goethe
Briefe – Band I
Katharina Elisabetha Goethe

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93. An die Herzogin Anna Amalia

Durchlauchdigste Fürstin!

Das schrieftliche Zeugnüß das Ihro Durchlaucht mich noch immerfort mit Dero gnädigem Andencken begnadigen erfreute mich über allen ausdruck. Mitten in der großen Welt – in dem kreiß Dero Hohen und Vortrefflichen Anverwanden – unterm Genuß der herrlichsten Freuden denckt Unsere Beste Fürstin an die so gantz im stillen dahinlebende Frau Aja! Gnädigste Fürstin! Mein gantzes Verlangen, begehren und wünschen geht einzig dahin, mich dieser großen Gnade nur in etwas würdig zu machen – Aber was kan eine Frau wie ich anders thun, als aus der fülle ihres Hertzens dancken, und um die Fortdauer solcher Gnade Demüthist ansuchen – In vollem Glauben, daß diese Bitte gnädige Erhörung finden wird – will ich mit frohem Muthe und fröligem Hertzen das was Ihro Durchlaucht zu wißen verlangen, auf das treulichste und bestmöglichste vortragen und berichtigen. So tief wird mich doch der liebe Gott nicht herabsincken laßen um an einem Journal zu schreiben – Behüte und bewahre! Ich weiß dem Himmel sey Danck, die langeweile beßer zu verjagen – und ohne mich zu prostituiren meine Tage vergnügt durchzuleben – Überhaubt wüßte ich von dem gantzen dummen gezeugs nichts – wenn nicht Frau Max Brentano mir den Plan zugeschickt hätte – Ich würde die gantze sache vor eine Satire halten, wen es nicht der Printzseß Elisabeth zugeeignet – und alle Postämter mit geplagt würden. Wir haben hir so etliche arme Schlucker, die wird der böße Feind und ihr Magen wohl zu so einem geschreibe verführt haben – das ist alles was ich von der schönen Rarität weiß. Daß mein Sohn dem Durchlauchdigsten Herzog von Braunschweig wohlgefallen – thate mir gar sanfte an meinem Mütterlichen Hertzen – Beynahe gehts mir wie dem alten Ritter, den Geron der Adelich in einer Höle antraf, und der mitunter bloß davon lebte, weil ihm die Geister so viel gute Nachrichten von seinem Enckel Hecktor überbrachten – Was habe ich nur dieße Meße über wieder vor Lebens Balsam gekriegt. Nun Gott sey ewig davor geprießen!

Da Ihro Durchlaucht die Gnade haben mich zu fragen, was ich mache, wie ich mich befinde? so gehts bey mir immer den alten gang fort – Gesund, vergnügt, lustig und fröhlich – zumahl bey dem herrlichen Herbst und vortrefflichen Wetter den 3ten war das große Bachus Fest – Es war ein Jubel, eine Lust, ein gejauze – Trauben! wie in Canaan – und noch obendrein, die Hüll und Füll – in meinem kleinen Weinberg weit über ein Stück – Aber da gabs auch unendlichen Schweinebraten!!! Phillipp war so glücklich die gantze Lust mitzugenüßen u.s.w. Aus dieser Relation, können Ihro Durchlaucht ersehen, daß es mir gantz behaglich zu muthe ist. Zum vollen Maß meiner Glückseligkeit – erbitte von Ihro Durchlaucht unserer Besten Fürstin, die Fortdauer Dero Huld und Gnade vor diejenige, die zeitlebens ist

Durchlauchdigste Fürstin
Dero
Unterthänige, treugehorsambste Dienerin
Goethe

Franckfurth d 5ten October 1783


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