Friedrich Hebbel
Gedichte
Friedrich Hebbel

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Auf die Sixtinische Madonna

          Das hätt' ein Mensch gemacht? Wir sind betrogen!
    Das rührt nicht her von einer ird'schen Hand!
Das ist entstanden, wie der Regenbogen,
    Und auch, wie er, ein göttlich Unterpfand!

Als einst die Himmelskönigin sich zeigte,
    Als sie von ihrem Throne, sanft und mild,
Sich auf die dunkle Erde niederneigte,
    Da seufzte jedes Herz nach ihrem Bild.

Und sieh: des Äthers reinste Tropfen fallen,
    Der Sonne hellste Strahlen schimmern drein,
Und wie sie blitzend durcheinander wallen,
    So fangen sie den holden Widerschein.

Er selber aber hält sie nun zusammen,
    Und ein kristallner Spiegel bildet sich
Aus glühnden Perlen und aus feuchten Flammen,
    In dem auch keine Linie erblich.

Schau' hin! Dein Auge wird dir nimmer sagen,
    Was Tau ist oder Licht im kleinsten Punkt;
Drum soll sich keiner an dies Wunder wagen,
    Der seinen Pinsel bloß in Farben tunkt.

Viel lieber soll's die Zukunft ganz betrauern,
    Als nur zur Hälfte sich erhalten sehn:
In einer Sage mög' es ewig dauern,
    In einem Abbild nicht zugrunde gehn!

 


 


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