Autorenseite

 << zurück weiter >> 

6. Der kranke Hirsch

In reichbestandnem Forst erkrankt' ein Hirsch. In Haufen
Sah flugs die Freund' herbei man laufen
Zum Kranken als Besuch, als Helfer in der Not,
Als Tröster mindestens – höchst lästige Gesellen.
»Gönnt, Freund', in Ruhe mir den Tod!
Laßt in der altgewohnten schnellen
Weise die Parze mich abtun, und weinet nicht!«
Umsonst! Der Tröstung traur'ge Pflicht
Erfüllten gründlich sie trotz seinem Flehn und Dringen.
Als sie mit Gottes Hilfe gingen,
Taten sie's nicht, ohne vorher
Das vollste Weiderecht im Forst sich anzumaßen,
Indem den grünen Wald ringsum ganz kahl sie fraßen.
Der arme kranke Hirsch fand nun kein Futter mehr;
Und war er übel dran schon immer,
So ward das Übel nur noch schlimmer:
Zur Krankheit kam die Hungersnot,
Er starb zuletzt den Hungertod.

Ja, teuer, daß man's nie verschmerzte,
Seid ihr, ihr Leib- und Seelenärzte.
O Zeit! O Sitten! In der Welt
Ist nichts umsonst, alles fürs Geld.


 << zurück weiter >>