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Burg Sax

227. Die seltene Kur

Ein Ritter ist der Herr von Sax,
Der reichste Mann am Rheine,
Er angelt in dem See den Lachs
Und jagt den Hirsch im Haine;
Er reitet an der eignen Saat
Vorüber meilenweit den Pfad
Und preßt die wärmsten Reben.

Warum hat er mit Mühe doch
Ein Fräulein heimgeführet?
Ist nicht sein Wuchs so schlank und hoch
Wie's einem Mann gebühret,
Die Wange braun, die Lippe warm,
Die Brust gewölbt und stark der Arm,
Wie's gern ein Mägdlein küret?

An Leib und Seel' ihm nichts gebricht,
Er wär' ein stolzer Degen,
Hätt' er zuviel nur eines nicht:
Zuviel, das ist kein Segen:
Ach, an dem wohlgestalten Kopf
Des edeln Ritters hing ein Kropf,
Der blieb wohl unterwegen!

Doch leider mit ihm wandelt er
Zu Hof und in die Städte,
Macht ihm die Liebesseufzer schwer
Und steigt mit ihm zu Bette,
Er zieht ihn auf den Boden schier
Und drückt beim festlichen Turnier
Als Spange mehr und Kette.

Da kreuzten wohl die Fräulein sich,
So gut den Speer er führte,
Bis eine endlich, tugendlich
Und arm, ein Mitleid spürte;
Dem Ritter tat es selber leid,
Als ihm den Hals die schöne Maid
Noch vor dem Mund berührte.

Er zieht mit ihr ins hohe Schloß
Im Forst auf Felsengrunde:
Dort zeiget ihr der Eh'genoß
Die Güter in der Runde:
Sie lebt in Freud' und Überfluß:
Drum trägt sie gern den Überschuß
An ihres Herren Schlunde.

Und schöne Kinder lächeln ihr,
Dem Ritter gleich gestaltet,
Nur daß der Köpfe schmucke Zier
Auf schlanken Hälsen waltet;
Doch nimmt der Vater sie aufs Knie,
Den schweren Atem fürchten sie,
Daß er die Stirne faltet.

Ein solcher Kropf verträgt sich fast
Nicht mit der Vaterwürde,

Drum wird das Leben ihm zur Last
Wie seines Halses Bürde;
Er atmet, wie er pflegte, tief
Und zog, als ihn die Fehde rief
Fern aus von Hof und Hürde.

Was soll ich länger Weib und Kind
Mit meinem Anblick Plagen?
Drum in den wilden Kampf geschwind,
Sie mögen mich erschlagen!
Er spricht's und aus dem finstern Wald
Bricht schon der Feinde Hinterhalt
Eh' es begann zu tagen.

Er ficht, umringt von seinem Troß,
Er sieget wider Willen,
Der wilde Gegner schwenkt sein Roß,
Und möchte fliehn im stillen:
Allein den Freiherrn deucht's nicht gut,
Er dürstet nach dem eignen Blut,
Er will sein Los erfüllen!

Darum erjagt er auf der Flucht
Den Führer in der Öde.
Steh! schreit er, und der Hiebe Wucht
Begleiten seine Rede;
Da hieß es ehrlich: nimm und gib,
Mit manchem Wechselstoß und Hieb
Zu Boden fielen beede.

Von seinem Beigewicht Herr Sax,
Der andre von dem Streiche;
Doch schwinget seinen Speer da stracks
Der Wunde, Todesbleiche:
Er traf den Freiherrn in den Hals,
Er freuet sich noch seines Falls,
Reckt sich und liegt als Leiche.

Und überströmt von seinem Blut
Lag auch der edle Ritter;
Leicht ist sein Atem und sein Mut,
Ihn dünkt der Tod nicht bitter.
Still grüßt er Weib und Kinder klein,
Er schläft zu sanftem Schlummer ein
Wie nach der Ernt' ein Schnitter!

Doch wacht er wieder auf vom Schlaf
In eines Bauern Hütte,
Gebettet und gepfleget brav
In seiner Knappen Mitte,
Gesund vom Fuß bis an den Kopf,
Nichts fehlt dem Ritter – als der Kropf
Dank jenem Meisterschnitte!

O Zeichen, das an ihm geschehn:
Ihn hat der Feind kurieret!
Wie stattlich ist er anzusehn,
Wie ihn jetzt alles zieret!
Das hohe Haupt, das braune Haar,
Das freie Kinn, das Schulternpaar,
Der Hals, ganz schmal geschnüret!

So reitet er vom Felsenhaus,
Das aus dem Walde blinket;
Zum Fenster schaut die Frau heraus,
Er grüßt, er nickt, er winket:
Sie sieht die herrliche Gestalt,
Die Brust von einem Seufzer wallt,
Ihr Blick zu Boden sinket.

»Ein Bot' ist's wohl von meinem Herrn,
Er bringt mir Siegeskunde!
Solch einen Boten seh' ich gern!«
Denkt sie im Herzensgrunde.
O Wunderwonne! wer in Lust
Drückt stolz und schön sie an die Brust,
Hängt ihr verschämt am Munde?

Die Kinder strecken nach ihm aus,
Dem schönen Mann, die Hände,
Und Jubel hallt durchs ganze Haus,
Durchdröhnt die Felsenwände.
Sein Stamm, der blühte reich belaubt,
Hoch trug der edle Sax das Haupt
Bis an sein selig Ende.

G. Schwab.


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