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Rheinstein und Reichenstein

Schloß Rheinstein

101. Die Braut von Rheinstein

Es klingt herab aus Rheinsteins Mauern
Wie Harfenton und Flötenlaut –
Doch ach! mit Klagen und mit Trauern
Zieht langsam aus der Burg die Braut.
Und weinend richtet sie beim Scheiden
Nach Reichenstein den Blick hinab,
Denn was sie liebte muß sie meiden,
Und schwur doch Liebe bis zum Grab.

Dort von der Feste schaut mit Schmerzen
Ihr Ritter, Kuno, jetzt ins Tal,
In seinem wild durchstürmten Herzen
Des Hasses und der Liebe Qual.
Den Oheim sandt' er aus, zu werben
Für ihn um die geliebte Maid;
Der gönnte nicht die Braut dem Erben,
Hat treulos für sich selbst gefreit.

Bleich sitzt sie auf dem weißen Rosse,
Das einst Herrn Kuno zugehört,
Ach! niemand ist im lauten Trosse,
Der mild auf ihre Klagen hört.
Denn frohe Harfentöne schallen
Und durch die Berge hallt Gesang,
Und niemand sieht die Träne fallen,
Die heiß aus ihrem Auge drang.

Und horch! das helle Glöcklein klinget
Und meldet weit umher den Zug.
Daß sich kein Retter niederschwinget
Zur Erde jetzt mit Adlerflug!
Schon zweimal hat mit kühnem Streben
Herr Kuno Gerdas Raub versucht
Und brachte Freiheit kaum und Leben
Zurück in trauervoller Flucht.

Nun ist sein Hoffen ganz entschwunden,
Nun ist gebrochen fast sein Herz,
Er wähnt, es könne nie gesunden
Von seinem tödlich heißen Schmerz.
Wohl heute schaut er noch hernieder
Von seiner Burg in stiller Qual,
Doch morgen – nimmer kehrt sich's wieder
Aus frommer Klosterbrüder Zahl.

Wie blickt er in des Tales Weiten
Und nach dem Kirchlein unverwandt:
Jetzt sieht er beide Ritter reiten –
Die Braut im blendenden Gewand –
Sein Atem stockt, sein Herz klopft bänger,
Schon hält der Zug am offnen Tor:
Ha! Plötzlich durch die Reihn der Sänger
Braust Gerdas weißes Roß hervor.

Es schäumt und knirscht in seine Zügel
Und steigt mit wütender Gewalt;
Doch Gerda hält sich fest im Bügel,
Die stolze, herrliche Gestalt.
Von einer Bremse ward gestochen
Das edle königliche Tier:
Schon hat's der Diener Schar durchbrochen
Und eilt am Rhein hinab mit ihr.

Erst schmettert es mit beiden Hufen
Den alten Herrn von Rheinstein hin.
Doch Kurt sprengt nach mit lautem Rufen:
Die Zügel fester anzuziehn!
Die Braut, umwallt vom langen Schleier,
Treibt aber selbst das flücht'ge Roß:
Es trägt sie, statt zum falschen Freier,
Hinauf an des Geliebten Schloß.

Und Kurt durchglüht von Zornesflammen
Denkt kühn, er hole sie noch ein,
Da stürzt sein armes Roß zusammen
Und der Verfolger liegt am Rhein.
Doch Kuno senkt in Eil' die Brücke,
Als er, was sich begab, erschaut,
Und halb im Traum, mit sel'gem Blicke
Empfängt er die geliebte Braut.

A. v. Stolterfoth.


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