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Augst bei Basel

205. Der arme Leonhard

Welcher Jüngling rein und unbefleckt ist
Und dazu so unerschrocknen Herzens,
Daß er dreimal küßt die Schlangenjungfrau,
Ob zwei schwarze Höllenhunde bellen:
Den erwarten in dem Schlaufgewölbe
Zwischen Augst und Basel große Schätze
Und die Hand der schönsten Königstochter!

Eines armen Schneiders Sohn, mit Namen
Leonhard, einfält'gen, schlichten Sinnes
Und der Sprache kaum, als Stottrer, mächtig,
Der ist in dem unterirdischen Gange
Weiter als ein andrer fortgeschritten
Und berichtet wunderbare Dinge,
Die er da erlebt hat und erfahren.

Ein geweihtes Wachslicht in den Händen,
Um die bösen Geister fern zu halten,
Kam er erst durch eine Eisenpforte,
Dann aus einer Wölbung in die andre,
Endlich auch in lust'ge grüne Gärten.
Aber in der Mitte hat ein herrlich,
Wohlerbautes Fürstenschloß gestanden,
Eine schöne Jungfrau in dem Schlosse,
Die zu Häupten trug die goldne Krone:
Menschlich schien sie bis zur Hüfte nieder,
Aber abwärts eine Greuelschlange.

Diese Jungfrau hieß ihn froh willkommen,
Führt' ihn hin zu einer Eisenkiste,
Wo zwei schwarze Hunde bellend lagen,
Daß den Schätzen niemand nahen durfte.
Doch gebietend stillte sie die Hunde,
Nahm von einem Schlüsselbund den Schlüssel,
Schloß den Kasten auf und gab ihm Münzen,
Silberne, die er noch nie gesehen;
Niemand kannt' auch später das Gepräge.
Und die Jungfrau sprach zu ihm, sie wäre
Königlichen Stammes und Geschlechtes,
Aber so verwünscht als Ungeheuer,
Daß sie nichts erlöse denn ein Jüngling
Reiner Sinne, der sie dreimal küsse:
Dessen Mund bewirke die Entzaubrung;
Aller Schatz, der hier verborgen liege,
Werde dem Erlöser dann zuteile,
Herz und Hand dazu und Reich und Krone.

Und der Jüngling faßte Mut und küßte,
Küßte zweimal schon die Schlangenjungfrau;
Doch zum dritten Male war's unmöglich.
In der Freude nahender Erlösung
Zeigte sie so greuliche Gebärden,
Schlug so grimmig mit des Schweifes Ringeln,
Und so heulten ihre schwarzen Hunde,
Daß er eilends aus der Höhle rannte.

Oft bereut' er später sein Verzagen,
Wäre gern zurückgekehrt, die Jungfrau
Mit dem dritten Kusse zu erlösen;
Doch da hatten lockere Gesellen
Ihn verführt zu einem Schandenhause:
Zu dem Schlaufgewölbe war der Eingang
Ihm entrückt, er konnt' ihn nicht mehr finden,
Die geweihte Kerze blies der Wind aus:
Oft beklagt' er das mit bittern Tränen!

Welcher Jüngling rein und unbefleckt ist,
Und dazu so unerschrocknen Herzens,
Daß er dreimal küßt die Schlangenjungfrau,
Ob zwei schwarze Höllenhunde bellen:
Den erwarten in dem Schlaufgewölbe
Zwischen Augst und Basel große Schätze
Und die Hand der schönsten Königstochter!

K. S. [Karl Simrock]


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