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Frankfurt

137. Die Kabbala

14. Januar 1711.

Der Rabbi saß vor den Schülern da,
Er will sie lehren die Kabbala.

»Dies Holz verlangt ihr gezündet? Wohlan,
So sprech' ich den Geistern der Flut den Bann.« –

»Die Geister der Flut? was sollen die?
Der Glut wohl meinet ihr, Naphtali?« –

»Nicht doch, die Scheite geraten in Brand,
Sind erst die Geister des Wassers gebannt.«

Und er winkt mit dem Stab und er spricht das Wort:
Da gehorchen die Geister und ziehen fort,

Zur Tür, zum Kamin, zum Fenster hinaus:
»Wir kommen sobald dir nicht wieder ins Haus.«

Der Rabbi sprach zu den Jüngern stolz:
»Die Geister der Feuchte verließen das Holz.

So scheine die Sonne nun freundlich darauf:
Gleich prasselt in mächtigem Feuer der Hauf'.«

Jetzt weicht die Wolke, die Sonne glüht:
Da knistert's im trockenen Holz und sprüht.

Schon wallt der Dampf und die Flamme zückt:
Das Werk ist gelungen, der Zauber geglückt!

»Ungläubige Jünger, nun tretet heran
Und seht wie die Kabbala Wunder getan.

Die züngelnde Flamme, sie lodert empor
Und schlüge wohl droben ans Himmelstor.

Das wehrt ihr mein Wort und die Decke des Saals.
Ihr raschelnden Flammen,« der Meister befahl's,

»Schlagt nicht aus den Fenstern, des Hauses schont:
Gehorchet dem Meister, so bin ich's gewohnt.«

Fern schütteln die Geister der Feuchte das Haupt,
»Du hast uns verbannt, dich der Hilfe beraubt.« –

»Hilf, Naphtali, hilf! es sengt uns das Haar:
Nun wehre dem Brande, der Todesgefahr!

Die Sparren erschlagen uns: hemme die Brunst
Mit dem Zauberstab und der Kabbalakunst.«

Da ruft er die Geister der Glut in der Angst
Und vermeint sie zu bannen, – »Herr, wie du verlangst!

Wir haben das Haus dir in Asche gelegt;
Nun sieh auch die Gasse von Flammen durchfegt.«

Er sucht nach dem Wort und findet es nicht;
Die Geister, sie stehn in des Wortes Pflicht:

»Du hast uns gerufen, wir tun dein Gebot
Und wäre der Welt mit Verderben gedroht.« –

»Wohl ist mir bewußt, wohl blieb mir nicht fremd,
Ach könnt' ich nur finden das Wort, das sie hemmt!

Ja, statt sie zu bannen, berief ich sie her,
Und spräch' ich, der Wütigen kämen noch mehr.«

Dort stehn vor den Kirchen die Christen und flehn:
»Ach Heiland, wehre dem glühenden Wehn!

Wend ab von den Deinen den feurigen Wind,
Eh' wir alle verbrennen mit Kegel und Kind.«

Da kam ein Priester, der hatte Gewalt:
»Nicht weiter, Flamme, hier machst du Halt.

Ich sage dir, Feuer, bei Gottes Kraft,
Dich berief ein Mann aus der Judenschaft;

Die armen Christen sind ohne schuld:
Hier lege dich nieder bei Gottes Huld.«

Da maß die Flamme zurück die Bahn;
Um das Judenviertel war es getan.

K. S. [Karl Simrock]

138. Die 9 in der Wetterfahne

Hans Winkelsee der Wilddieb im Eschenheimer Turm
Spricht zu der Wettersahne, da sie bewegt der Sturm:
»Nun hast du neun Nächte mir den Schlaf geraubt
Mit deinem Drehn und Wirbeln immer über meinem Haupt.

Für das bißchen Schießen ist die Qual zu lang,
Und am Ende lautet's wohl gar auf den Strang.
Pfui, das leid'ge Zappeln ist ein schlechter Scherz,
Ich gönn' es keinem Tiere, ich treff' es mitten ins Herz.

Sie wissen nicht in Frankfurt, wie der Hänsel schießt,
Daß man zum Gesindel in den Turm ihn schließt.
Würd' ich heute ledig, ich ließe sie aus Gunst
Wohl eine Probe schauen meiner edeln Schützenkunst.

Ich weiß schon wie ich's machte: in schlafloser Nacht
Bei ew'gem Fahnenschwirren hab' ich's ausgedacht.
Ja, in diese Fahne, zum Gedächtnis meiner Pein,
Mit neun Kugeln schöss' ich den schönsten Neuner hinein.«

Das hört der Kerkermeister und bringt es vor den Rat.
Der Schultheiß spricht: »Die Schützen, was nützen die dem Staat?
Er hat so viel geschossen! es ist wohl hängenswert;
Jedennoch soll es gelten, wenn er die Rede bewährt.«

Die Schöffen, Rät' und Bürger lassen es geschehn:
»Und ist es denn beschlossen, so mag es gleich ergehn.
Bringt ihm seine Büchse und sagt ihm ohne Hehl,
Unfehlbar müss' er hangen, geh' eine Kugel nur fehl.«

Der Hänsel nimmt die Büchse und küßt sie auf den Mund:
»Nun tu mir heute wieder die alte Treue kund.
Neun Tage nichts geschossen! so schieß nun eine Neun;
Ich hoff' es wettzumachen, es soll dich nimmer gereun.«

Hier standen die des Rates und welch ein Menschenspiel:
Er richtet seine Büchse und äugelt nach dem Ziel.
Ein Schuß, ein Schuß! Getroffen und an den rechten Ort.
Seht ihr das runde Löchlein in der Wetterfahne dort?

Gib acht, da schießt er wieder! und auch nicht abgeblitzt!
Ich seh' ein zweites Löchlein, das bei dem ersten sitzt.
Ein drittes jetzt, ein viertes! der Hänsel blickt so frech:
Mit neun Kugeln schießt er den schönsten Neuner ins Blech.

Die Menge jauchzt, die Räte flüstern unter sich:
»Hans Winkelsee, wir wissen ein schönes Glück für dich.
Uns fehlt ein Schützenhauptmann, willst du der sein, so sag's
Du solltest dich nicht weigern, es gereut dich eines Tags.« –

»Stadtschützenhauptmann begehr' ich nicht zu sein:
Ich geh' durch die Wälder mit meiner Büchs' allein.
Auf den Dächern klirren die Wimpel mir zu sehr;
Ade, hier war der Hänsel, her kommt der Hänsel nicht mehr.«

K. S. [Karl Simrock]

139. Die Weismutter

Zu Frankfurt an der Brücken,
Da zapfen sie Wein und Bier,
Da haben sie ein Mädchen betrogen,
Betrogen um ihre Ehr'.

Der Vater ging über die Gassen,
Er ging nach der Weismutter hin:
»Könnt Ihr meiner Tochter nicht helfen,
Daß sie als eine Jungfer besteht?«

»Eurer Tochter kann ich wohl helfen,
Daß sie als eine Jungfer besteht:
So wollen wir das Kind umbringen,
Und legen der Magd ins Bett!«

Die Magd war waschen und scheuern,
Sie kam sich des Abends spät heim,
Ihr Bettchen wollt' sie schütteln,
Ein kleines Kind fand sie darein.

Die Magd war sehr erschrocken,
Sie rief sich die Tochter an;
Die Tochter war klug von Sinnen,
Sie rief sich den Vater an:
»Die Magd hat ein kleines Kind krieget,
Sie hat es umgebracht!«

»Hat sie ein kleines Kind krieget,
Und hat es umgebracht,
So wollen wir sie verklagen
Zu Frankfurt am hohen Gericht!«

Die Magd hatt' sich einen Freier,
Der kam sich alle Morgen daher,
Er tut sich nichts mehr als fragen,
Wo seine Herzliebste wär'.

Sie ist sich fürwahr da draußen,
Sie ist sich fürwahr nicht hier,
Sie hat ein kleines Kind krieget,
Sie hat es umgebracht.

»Hat sie ein kleines Kind krieget,
Hat sie es umgebracht,
So nehm' ich Gott zum Zeugen,
Daß ich nicht schuld daran bin.«

Er gab dem Roß die Sporen,
Und ritt nach dem Galgen zu:
»Schön Schätzchen, wie hängst du so hoche.
Daß ich dich kaum sehen kann!«

»Ich hänge fürwahr nicht hoche,
Ich sitze auf Gottes Bank,
Die Engel aus dem Himmel,
Sie bringen mir Speis' und Trank!«

Er gab dem Roß die Sporen,
Und ritt nach der Obrigkeit:
»Ihr Herren, was habt ihr gerichtet?
Ihr Herren habt unrecht getan.«

»Haben wir unrecht gerichtet,
Haben wir unrecht getan,
So wollen wir sie abschneiden,
Und hängen eine andre dran!«

Der Vater kam an den Pranger,
Die Tochter wurde geköpft,
Die Weismutter wurde geradbrecht
Zu Frankfurt am hohen Gericht.

Volkslied.


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