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Bodensee

220. Des Fischers Haus am Bodensee

Sein buntes Haus hat der Fischer gebaut,
Es stehet dicht an den Wellen,
In der blauen Flut sich's beschaut,
Als sprach' es: Wer kann mich fällen?

Die Mauern, die sind so dicht;
Voll Korn und Wein sind die Räume,
Es zittert das Sonnenlicht
Herunter durch Blütenbäume.

Und Reben winken herein
Von grünen, schirmenden Hügeln,
Die lassen den Wind nicht ein,
Die umhaucht nur der West mit den Flügeln.

Und am Ufer der Fischer steht,
Es spielt sein Netz in den Wellen;
Umsonst ihr euch wendet und dreht,
Ihr Karpfen, ihr zarten Forellen!

Sein frevelnder Arm euch zieht
Im engen Garn ans Gestade;
Kein armes Fischlein entflieht,
Das kleinste nicht findet Gnade.

Aufsteiget kein Wasserweib
Euch zu retten, ihr stillen, ihr guten!
Und lockt mit dem seligen Leib
Ihn hinab in die schwellenden Fluten.

»Ich bin der Herrscher im See,
Ein König im Reiche der Wogen!«
So spricht er und schnellt in die Höh'
Die schwere Angel im Bogen.

Und euer Leben ist aus;
Der Fischer mit frohem Behagen,
Er tritt in das stattliche Haus,
Auf den harten Stein euch zu schlagen.

Er legt sich auf weichen Pfühl,
Von Gold und Beute zu träumen;
O Nacht, so sicher und kühl,
Wo Hamen und Angel säumen!

Da regt sich das Leben im Grund,
Da wimmelt's von Karpf' und Forelle.
Da nagt's mit geschäftigem Mund
Und schlüpft unters Ufer im Quelle.

Und frühe beim Morgenrot
Der Fischer kommt mit den Flechten;
Am Tage drohet der Tod,
Die Rache schafft in den Nächten.

Von Jahr zu Jahr sie nicht ruht,
Die Alten zeigen's den Jungen,
Bis daß die schweigende Flut
Ist unter das Haus gedrungen,

Bis daß in sinkender Nacht,
Wo der Fischer träumt auf dem Pfühle,
Das Haus, das gewaltige, kracht,
Versinkt in der Wogen Gewühle.

Ausgießet sich Korn und Wein,
Es öffnet der See den Rachen;
Es schlingt den Mörder hinein,
Er hat nicht Zeit zum Erwachen.

Die Gärten, die Bäume zugleich,
Sie schwinden, sie setzen sich nieder,
Es spielen im freien Reich
Die Fische, die fröhlichen, wieder.

G. Schwab.


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