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Staufenberg in der Ortenau

188. Der Fuß an der Wand

Der Staufenberger ritt zu seiner Burg geschwinde:
Wie bald entließ der Graf sein lästig Ingesinde!

Zur Ruhe sehn' ich mich, ich bin so müd' geritten.
Er dachte: Lieb, o Lieb! da kam sein Lieb geschritten.

Sie gab ihm Kuß auf Kuß die kurze Nacht voll Wonne,
Er meint', es wär' der Mond, da schien die lichte Sonne.

Er sprach: »Du bist so schön, wie könnt' ich dein vergessen?
Den lockt kein ander Weib, der solch ein Glück besessen.« –

»So leicht ist Treue nicht, man wird dich schlau umgarnen:
Drum sei wohl auf der Hut, mein Lieb, ich muß dich warnen.

Ich bin kein sterblich Weib, ich bin der Feinen eine,
Mein Reich ist in der Flut, mein Schloß im tiefen Rheine.

Wir lieben einmal nur, die Liebe nimmer schwindet;
Der muß gar stete sein, der sich mit mir verbindet.

Bist du ein steter Mann, ich will dir Freude geben,
Und Reichtum, Ehre, Macht, dazu ein langes Leben.

Wenn du die Treue brächst, so müßt' ich ewig klagen;
Du aber siechtest hin und stürbst in dreien Tagen.

Du sähst nichts mehr von mir als diesen Fuß erscheinen,
Du hörtest auch nichts mehr als mein inbrünstig Weinen.«

Der Staufenberger schwur ihr stets getreu zu bleiben,
Er schwur dem schönen Weib sich niemals zu beweiben.

Sie gab ihm hohen Mut und volles Gut und Ehre.
Und dacht' er: Lieb, o Lieb! so stand bei ihm die Hehre.

Sie gab ihm Glück und Sieg in jedem Ritterspiele,
Wenn er die Lanze schwang, so traf er stets zum Ziele.

Wie hat er oft den Dank aus schöner Hand empfangen!
Des Kaisers Töchterlein ergriff ein süß Verlangen.

Sie sprach dem Kaiser zu, der Kaiser sprach zum Grafen:
»Mein junges Töchterlein läßt Liebe nicht mehr schlafen.

Willst du mein Eidam sein, so kommt es wohl ins Gleiche,
Ich gebe dir Tirol und Kärnten von dem Reiche.«

Er sprach: »Ich bin vermählt, Herr, laßt es Euch vertrauen,
Es ist kein sterblich Weib, die schönste doch der Frauen.« –

»So weh dir, teurer Held, mußt ewig sein verloren,
Bist du dem Geist vermählt und hast ihm Treu' geschworen.

Doch bindet nicht der Eid, der Bischof kann ihn lösen,
Geweihtes Wasser tilgt das Bündnis mit dem Bösen.«

Dem Ritter wurde bang, er nahm es sich zu Herzen:
»Nicht will ich Eure Gunst und Gottes Huld verscherzen.«

Viel Messen lasen sie, der Weihrauch stieg zum Himmel,
Und an die Brüste schlug der Graf im Volksgewimmel.

Man hat die Hochzeit schön und herrlich ausgerichtet,
Viel Rosen hingestreut und Lieder viel gedichtet.

Als es zu Tische ging, wie die Posaunen klangen!
Wie schienen rosenrot die Launen und die Wangen!

Das Pärchen saß vergnügt, die Männer und die Frauen:
Da ließ sich an der Wand ein seltsam Wunder schauen.

Die Wand blieb unverletzt, doch kam hindurchgefahren
Ein Frauenfuß so schön als jemals Füße waren.

Bloß war er bis zum Knie und weiß wie elfenbeinen,
So zarten sah man nie und nie so zierlich kleinen.

Auch ward ein Jammerlaut gehört in allen Kammern
Und in dem Saal zumeist ein Weinen und ein Jammern.

Sie konnten von dem Fuß die Blicke nicht verwenden,
Der Graf erschrak, das Glas zerbrach ihm in den Händen.

Er sah den schönen Fuß, sein Herz zerschnitt das Klagen.
Er sprach: »Das ist mein Lohn, ich sterb' in dreien Tagen.

Du edle Braut bist frei, mich tötet bald die Reue;
Wähl einen andern Mann und halt' ihm stete Treue.

Wähl einen Königssohn, der deinem Stand gebühret:
Du siehst, zu welchem Leid ungleiche Ehe führet.«

Ins Kloster ging die Braut, das schien ihr gleiche Ehe;
Am dritten Tage brach des Grafen Herz vor Wehe.

K. S. [Karl Simrock]


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