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Xanten

8. Siegfried der Drachentöter

Aus Wieland der Schmied.
(Amelungenlied I.)

»Drei Söhne zeugte Wate, der älteste war ich,
Der andere hieß Eigel, der dritte Helferich. – –
An ihm war viel versäumet, des war er sich bewußt,
So wollt' er an den Söhnen doch schauen seine Lust!
Die sollten alles lernen, das deucht' ihm keine Schmach,
Sich jeder Kunst befleißen, an der ihm selber gebrach.

Nun wußt' er wohl die Märe, daß an des Rheines Strand
Der Schmiede bester wäre, Mime genannt;
Auch hatte Nordlands König, sein Bruder Nordian,
Eckarten den getreuen zu diesem Meister getan.

Im Kriege braucht man Waffen, zu Schutz und Trutz gesellt,
Wer die sich mag verschaffen, das ist der beste Held:
So dachte König Nordian, drum sandt' er seinen Sohn
Zu Mimen in die Lehre und verhieß ihm reichlichen Lohn,

Wenn er dem Jungen hülfe zu seiner Meisterschaft.
Nun hatte bei Waten dies Beispiel große Kraft:
Er sandt' auch mich zu Mimen: das war dem König lieb,
Daß Eckart da, der Treue, nicht ohne Gefährten blieb.

Wir wurden Schwurbrüder, Eckart und ich,
Wie wir schon Vettern waren; von meiner Seite wich
Der treue Knabe nimmer, er war mein fester Schild.
Viel mußte meine Jugend von den zwölf Gesellen wild

Und Siegfrieden dulden. Denn oft zu Mimen kam
Der junge Frankenkönig und niemand war ihm gram,
Obwohl er alle neckte und die Gesellen schlug.
Mich ließ er lang' in Frieden, weil es Eckart nicht ertrug,

Wenn seinem Notgestallen das kleinste Leid geschah:
Wie oft an den Gesellen er ihn das rächen sah!
Doch konnt' er's einst nicht lassen in seinem Übermut
Mich Elfensohn zu schelten: da geriet Eckart in Wut

Und warf seine Zange Siegfrieden hinters Ohr,
Daß der Knabe blutete und schier den Sinn verlor;
Doch kam er bald zu Kräften: Mit seiner linken Hand
Griff er Eckarten ins Haar und warf ihn in den Sand.

Da lief ich ihm zu Hilfe und die Gesellen all',
Wir sparten nicht der Schläge: das war ihm eitler Schall:
Er zog doch bei den Haaren Eckarten vor die Tür.
Da trat aus seinem Hause der alte Mime herfür.

Mit strafenden Worten sprach der zu Siegfried:
»Was schlägst du meine Burschen, unnützer Störefried?
Wenn sie was Nützes schaffen, läßt du sie nie in Ruh',
Nichts schaffen kannst du selber, nur Unfug sinnst und schaffest du.

Dein Sinn ist unbändig, hier kann sich niemand mehr
Vor deiner Wildheit fristen. Was läufst du stets hierher?
Wir mögen wohl entraten so ungestümen Gast:
Fürwahr du lägest besser den Hundingen so zur Last,

Die deinen Vater schlugen, und rächtest seinen Tod,
Als daß du meine Leute schindest ohne Not.
Er ist doch nun gewachsen über Manneslänge schier:
Zu Felde sollt' er liegen, nicht in der Schmiede bei mir.«

Da sprach mit lautem Lachen König Siegmunds Kind:
»Da seht ihr einmal wieder, wie töricht Greise sind:
Ich weiß es auswendig, das ew'ge, alte Lied,
So oft hab' ich's vernommen von dem verloffnen Fahnenschmied:

So schmiede mir die Fahne, so schmiede mir das Schwert!
Du hast es längst verheißen: wann wird mir das gewährt?
Kann ich Hundings Söhne zerkloben mit der Faust?
Du aber sollst erproben, wie stark sie hämmert und saust,

Wird nicht das Schwert geschmiedet in dreier Tage Frist:
Die meine Rache fühlen, du dann der erste bist.
Du fährst zu Hels Reiche, zu Siegmund kommst du nicht,
Sonst könntest du ihm sagen, ob ihm Siegfried Rache verspricht.«

Da ließ nicht mit sich scherzen Siegfried, Siegmunds Sohn:
Er war in hohem Zorne, im Zorn ging er davon.
Dem Meister ward, dem alten, doch vor dem Knaben bang;
Er mocht' es nicht gestehen, er trällerte, pfiff und sang,

Doch hub er an zu schmieden und schlug ein gutes Schwert
In den dreien Tagen, wohl eines Helden wert:
Das gab er Siegfrieden und sprach: »Da nimm es hin
Und strafe Hundings Söhne, daß ich dein nur ledig bin.«

»Erst will ich es versuchen,« sprach der junge Held,
»An diesem Amboße, ob es die Probe hält.«
Da tat er auf das Eisen einen ungefügen Schlag,
Daß das Schwert zerbrochen ihm halb zu den Füßen lag.

»Das ist nun dein Geschmiede,« sprach da Siegfried,
»Mime, greiser Prahlhans, du unnützer Schmied:
Kannst du nichts Beßres wirken als solch ein gläsern Ding,
So bist du zum Erschlagen, zum Hängen selbst zu gering.«

Da schritt aus der Schmiede der junge Recke stark.
Das wurmte nun den Alten und zehrt' ihm an dem Mark,
Daß er ihn so gescholten vor der Gesellen Schar:
Er hatte doch gegolten für den besten Meister immerdar.

Er setzte sich zu schmieden und wirkte Tag und Nacht
An einem Schwert so schneidig, wie er noch keins erdacht;
Auch war es ungefüge, von mächtigem Gewicht:
Er sprach zu Siegfrieden: »Dies Schwert zerklobst du mir nicht.

Es wird schon Mühe kosten, wenn es dein Arm erschwingt.« –
»So will ich nur versuchen, wie der Amboß klingt.«
Sprach der junge Degen und schwang es, daß es pfiff:
Da zerbrach auf dem Eisen die Klinge dicht an dem Griff.

»Das geht schon besser,« sprach er, schrecklich war sein Ernst.
»Schmiedst du noch tausend Jahre, vielleicht, daß du es lernst.
Ich hätte Lust und würfe dir ins Gesicht das Heft.«
»Dir schmieden,« sprach Mime, »das ist ein übles Geschäft:

Es lebt kein Schmied auf Erden, dem es gelingen mag;
Schmiede du dir selber, ich tu' keinen Schlag
Für dich mehr auf den Amboß.« Er sprach: »So ist es recht,
Ich will mir selber schmieden, ihr Affen könnt es gar zu schlecht.

Nun will ich euch das Handwerk lehren aus dem Grund:
Schaut mir zu, Böhnhasen, ich weiß manch seltnen Fund.
Da glüht schon eine Stange in der Esse Glut,
Die reicht mir her, ich fange nun an, mein Schmieden wird gut.«

Aller Hämmer schwersten nahm er in die Hand.
»Achtung, daß ihr was lernet,« rief er zornentbrannt.
Da schlug er auf die Stange einen Schlag, der war nicht krank,
Der Stein zerbarst, der Amboß in der Erde Grund versank;

In Funken war zerstoben der glühen Stange Last,
Zerbrochen lag die Zange, mit der er sie gefaßt,
Der Schlegel brach in Stücken nieder von dem Schaft,
Das Haus begann zu zücken von des Schmiedes kindischer Kraft.

»So sollt ihr mir schmieden,« sprach Siegfried, »fortan:
Morgen komm' ich wieder, und wer es da nicht kann,
Den schweiß' ich auf den Amboß.« So ging er aus dem Haus:
»O weh des Geschmeides,« rief unser Meister da aus,

»O weh mir, immer wehe, daß ich den Tag erlebt,
Wo mir das Herz in Ängsten vor diesem Knaben schwebt.
Nun leb' ich siebzig Jahre und drüber manchen Tag,
Und nimmer sah ich, nimmer einen fürchterlichern Schlag,

Als den auf diese Stange ein Kind hat geführt.
Und kommt er zu Jahren, daß ihn der Blitz nicht rührt
(Das steht allein zu hoffen), so halte dich nur fest
In deinen Fugen, Erde, sonst gibt sein Arm dir den Rest.

Nun gönn' uns Godan gnädig vor seinem Ingrimm Ruh',
Und werd' ich sein nicht ledig, ich weiß nicht was ich tu'.«
So sprach der greise Meister in seines Herzens Not:
Er sann das Kind zu töten, da fand er selber den Tod.

Derweil zu seiner Mutter ging Siegfried der Held.
Da ward er wohl empfangen: sie sah nichts auf der Welt
So gern als seine Augen. Sie bot ihm lautern Trank
Und hieß ihn niedersitzen, des sagt' ihr der Junge Dank.

»Ich komme nur zu fragen, ob ich recht vernahm,
Daß Siegmund, meines Vaters, Schwert Euch überkam?
Mich dünkt, ich hörte sagen, er gab's in Eure Hand,
Als er von Godans Neide den Tod und den Unsieg fand.« –

»Wohl hast du recht vernommen, es brach an Godans Speer:
Von Godan ist sie kommen, die gute Waffe hehr.
Als er bei Signes Hochzeit sie in die Eiche stieß,
Heraus zog sie Siegmund, kein andrer vermochte dies.

Die Godan hat verliehen zerging an Godans Kraft;
Er mochte wohl beneiden des Helden Siegerschaft.
Mir blieben nur die Stücke; doch Siegmund sprach im Tod,
Durch Helm und Panzer zücke damit ein Held noch Wunden rot.«

»So gebt mir her die Splitter,« fiel ihr Siegfried ein,
»Und schlagen sie noch Wunden, laßt mich den Helden sein.
Hier ist ein Schmied, heißt Mime, ein Stümper seiner Kunst,
Jedennoch soll er's schmieden; vielleicht gerät's durch Godans Gunst.«

Da gab sie ihm die Stücken und sprach: »Du bist es wert
Und wisse, dir bestimmte Siegmund im Tod das Schwert.«
Am Morgen ging der Junge, wo er den Alten fand.
Er sprach: »Ich lass' Euch leben, voraus zwar ist mir bekannt,

Daß Ihr den Schlag nicht könnet, den ich Euch gestern wies
Und bei schwerer Buße mir nachzuschlagen hieß;
Doch wenn Ihr in drei Tagen mir ein gutes Schwert
Aus diesen Stücken schmiedet, so wird Euch Gnade gewährt.

Zerbricht es aber wieder, so ist es Euer Tod:
Mit Euch schon allzulange hab' ich meine Not.«
Und Mime sprach, der Alte: »Nun sage, junger Held,
Was denkst du zu beginnen, wenn ich das Schwert dir hergestellt?«

»Siegmunds Tod zu rächen,« versetzte Siegfried.
Und wieder sprach Mime, der schlaue Waffenschmied:
»Und brauchst du einen Harnisch nicht auch zu der Fahrt?
Nicht Helm und Eisenhosen? einen Schild, der dich bewahrt

Vor Schwertern und vor Speeren? Nie zog wohl in den Krieg
Ein Held, der das nicht hatte und auch kein Roß bestieg.«
Da sprach der junge Degen: »Das mag von Nutzen sein,
Und willst du mir es schmieden, so sag' ich dazu nicht nein;

Das aber sollst du wissen: Wo man zum Streite kommt,
Da kann ein Mann nichts haben, was ihm so sicher frommt
Als ein Herz im Busen; hat er dazu ein Schwert,
Das andre wird ihm alles wohl in den Kauf noch beschert.«

Da sprach der gute Meister: »Was dir zu haben not
Will ich dir alles schmieden: du sollst nicht in den Tod
Mit einem Schwerte rennen. Nur fehlt es an der Glut;
Willst du mir Kohlen brennen, so schür' ich das Feuer gut

Und wirke dir in kurzem das blanke Rüstgerät.
Es getrauen meine Knechte sich weder früh noch spät,
Wie sehr es fehlt an Holze, so tief in meinen Wald:
Er sei der Ungeheuer und der Drachen Aufenthalt,

Und was sie sonst noch fabeln. Das wirst du wohl nicht scheun:
Du ringst mit den Wölfen und bändigst die Leun.«
Da sprach der junge Siegfried: »So macht man Kindern Graus:
Ich fälle dir die Bäume und brenne Kohlen daraus;

Nur her mit dem Geräte.« Das gab man ihm sofort,
Auch lehrt' ihn Mime finden im tiefen Wald den Ort,
Wo er holzen mög' und Kohlen brennen aus dem Holz,
Zu Walde fuhr da Siegfried, der junge Welsunge stolz.

Doch Mime war zum Walde gegangen früh am Tag,
Wo brütend über Schätzen sein Bruder Fafner lag.
Das war ein grimmer Drache, der nährte sich von Blut;
Bestehen mochte niemand des grimmen Lindwurmes Wut.

Zu Fafnern sprach da Mime: »Einen Knaben send' ich heut'
Zu dieses Waldes Tiefen, der ist sehr ungescheut
Und schafft mir eitel Ängste; den töte so du willst:
Mir ist lieb, wenn du den Hunger an dem frechen Unholde stillst.«

Da sprach sein Bruder Fafner: »Schon gut; er kommt doch bald?
Es ist jetzt gar so einsam hier in dem tiefen Wald;
Ich sehe gerne Leute bei mir auch dann und wann;
So allein ist's zum Verschmachten für den Menschenfreund in dem Tann.«

»Zu Mittag wird er kommen.« – »Das ist mir herzlich lieb.
Er ist zu Tisch gebeten, ich wünsche nur, er blieb'
Auch nicht so lange außen: mir wird das Fasten schwer;
Das Mahl verschieb' ich ungern: send ihn ja zeitig hieher.«

»Sei deshalb außer Sorgen, ich geh' und schick' ihn dir.
Mich heute zu besuchen versprach der Knabe mir:
Dann kommt er in der Frühe, das bin ich schon gewohnt.«
»So hoff ich nur,« sprach Fafner, »daß es der Mühe verlohnt.« –

Noch stand die Sonne niedrig, da fuhr zum grünen Wald
Siegfried der junge: wie fröhlich ward er bald,
Als er im lichten Scheine die Bäume grünen sah:
Vor Freuden wollt' er springen, nicht wußt' er wie ihm geschah.

Er begann ein Lied zu singen: nach sang's der Widerhall:
Da schuf ein lustig Ringen der starken Stimme Schall.
Bald freut' ihn mehr zu lauschen des Bächleins munterm Gang,
Bald wie ein wonnig Rauschen durch alle Läuber sich schwang.

Von abertausend Stimmen der Wald erfüllet war,
Von Blüten summten Immen zu Blüten immerdar;
Bald Adlerflügelschläge, bald kleiner Vögel Lied,
Bald Reh im Laube raschelnd, bald Wasservögel im Ried.

Hier ging ein Rudel Hirsche; Zwanzigender stolz
Wiesen den Hinden die Wege durch das Holz;
Dort schoß ein wilder Eber auf seiner Jagd vorbei,
Hier falzten Auerhähne, dort kreiste herrlich der Weih.

Wie leuchtend durch die Grüne die Morgensonne schien,
Siegfried der kühne sprang wie ein Tor dahin:
Er hatte nie die Wunder der Wildnis gekannt:
Bald an dem Orte stund er, dahin ihn Mime gesandt.

Vor einem hohlen Berge hub er zu holzen an:
Die Streiche widerhallten weithin im tiefen Tann.
Er schwang die Axt so mächtig, daß auf den dritten Schlag
Eine königliche Eiche die Krone senkend erlag.

Auch mußten sich ihm neigen der süßen Linden viel,
Mit dichtbelaubten Zweigen die Esche niederfiel.
Die Fichten und die Tannen huldigten ihm auch:
Du willst den Wald ausreuten, ist das wohl Försters Gebrauch?

Darunter macht' er Feuer: erst stieg der Rauch empor,
Dann schlug ungeheuer die Glut zum Himmelstor;
Noch schwang er eine Buche darauf mit starkem Arm:
Den Wanen und den Asen ward in den Himmelswelten warm.

Da setzt' er sich zu rasten und sah die Funken sprühn,
Die heißen Glieder kühlend unter der Linde grün.
Dann nahm er alle Speise, die er mitgebracht,
Genug für sieben Tage, so hatte Mime gedacht:

Den ganzen Wochenvorrat, den aß er auf einmal
Auf einem grünen Hügel: noch schien die Kost ihm schmal.
Dann griff er zu dem Schlauche und trank den kühlen Wein:
Bald goß er mit Behagen den letzten Tropfen hinein.

Da drang ihm durch die Glieder Gefühl der Kraft und Lust:
Er wußte sich gewaltiger als er sich je gewußt.
Da sprach er: »Abenteuer, und kommt ihr noch nicht bald?
Ihr seid doch allzu teuer in diesem verrufnen Wald.

Es ist ein rechter Jammer, wie wunderlos die Welt:
Wie soll sich da erweisen in seiner Kraft ein Held?
Thursen, Bergriesen, die sieht man gar nicht mehr:
O führ' doch aus der Wildnis ein rechtes Scheusal daher,

Daß ich erproben könnte, ob wohl mein Arm so stark
Als einem Welsung ziemet; mich dünkt, ich spüre Mark
Genug in den Gebeinen, auch schwillt mir so der Mut,
Daß mir nicht bangen sollte vor aller Ungetüme Wut.«

Nun kam zur selben Stunde Fafner der grimme Wurm
Aus des Berges Schlunde; er schoß daher im Sturm,
Die Beute zu verschlingen lechzt' ihm schon der Gaum:
Da fuhr der junge Degen empor aus seinem Heldentraum.

Er sah den Drachen fliegen und sprach: »Wie bin ich froh!
Wie ich es eben wünschte, es fügt sich völlig so:
Nun kann ich mich versuchen.« Hin lief der Recke gut
Und riß die mächt'ge Buche hervor aus des Feuers Glut.

Seine Kraft war sondergleichen: er lief den Lindwurm an
Und schlug ihm in die Weichen, daß weit erscholl der Tann.
Da sprühte Gift und Geifer des wilden Drachen Schlund;
Und wieder schlug ihn Siegfried: da ward ihm Heldenstärke kund.

Nun wandte sich der Drache, er ringelte den Schweif
Und zuckte nach dem Jüngling mit schnell entrolltem Reif;
Der aber sprang zurücke und schlug ihm auf das Haupt
Mit dem Feuerbrande: da war er Sinnes beraubt

Und stöhnte furchtbar brüllend die Lebensgeister aus,
Den Wald mit Schrecken füllend und alles Wild mit Graus.
Noch fielen schnelle Schläge herab von Siegfrieds Hand:
Da war der Wurm gestorben, sein letzter Seufzer entsandt.

Die Axt ergriff da Siegfried und tat so grimmen Schlag,
Daß gleich das Haupt des Wurmes ihm zu den Füßen lag.
Die roten Blutströme sammelten sich zum See;
Dem jungen Helden wurde von seinen Arbeiten weh.

Noch gönnt' er sich nicht Ruhe: in des Drachen Brust er brach
Und forschte da dem Herzen des Ungetümes nach.
Da verbrannt' er sich die Finger, es war zum Glühen heiß;
Nun tat er, was ein jeder tut, wenn er den Grund auch nicht weiß:

Er steckte sie zu kühlen geschwind in seinen Mund;
Da ward dem stolzen Knaben seltsame Märe kund:
Drei Nachtigallen schlugen auf dem Lindenast,
Und alles, was sie sangen, das galt dem herrlichen Gast.

Da war ihm als verstünd' er der Vögel Liederschall;
Nun hört, was ihm gesungen die erste Nachtigall:
»Wenn er im Blute badete, der junge Degen wert,
Kein Eisen je ihm schadete, ihn verwundete kein Schwert.«

Die zweite sang: »Der Jüngling ist nun reich genug,
Der Hort ward sein eigen, als er den Drachen schlug,
Auf dem im hohlen Berge der arge Fafner lag.
Einen Schatz so unerschöpflich beschien wohl nimmer der Tag.«

Alsbald begann die dritte: »Nun räch' es seine Hand
An Mimen, der ihn böslich zu Fafnern gesandt.
Denn des Drachen Bruder ist der weise Schmied:
Und soll er's nicht entgelten, der Meister, der ihn verriet,

So rächt noch an ihm selber Mime des Bruders Mord.«
Das alles hörte Siegfried, ihm entging nicht ein Wort.
Nicht lang' blieb unentschlossen der teure Degen gut,
Ab riß er seine Kleider und warf sich rasch in die Flut.

Als er sich gebadet dem roten Blut entschwang,
Da begehrt' er nicht des Hortes, von dem der Vogel sang,
Er begehrte nur zu rächen König Siegmunds Tod.
Und wieder sang der Vogel vom Hort; er sprach: »Was hab' ich not

Des Golds im Drachenbette? Lachen müßten hell
Hundings stolze Söhne, wollte minder schnell
Ein Königssohn um Rache werben, denn um Gold:
Vergäß' ich so des Vaters, da wär' ich so Schätzen allzu hold.

Noch ist er ungerochen: was schaff' ich hier im Wald?
Mir tat doch nichts zuleide der Drachen Ungestalt;
Auch hab' ich noch zu rügen Mimes Verrat.«
Da rannt' er aus dem Walde und war der Schmiede schon genaht,

Als Eckart ihn erschaute, der immer Treue pflag.
Da warnt' er seinen Meister: »Euer jüngster Tag
Ist, wähn' ich, nun gekommen, wenn Ihr nicht eilends flieht:
Da rennt schon aus dem Walde der junge Recke Siegfried,

Und trägt das Haupt des Drachen in seiner starken Hand:
Er schlägt uns all' zu Tode, fliehn wir nicht unverwandt.
Wir sind hier unser zwölfe, doch ist er so im Zorn,
Und kämen ihrer hundert, die wären alle verlorn.«

Da liefen die Gesellen und bargen sich im Wald.
Aber Mime wollte nicht fliehen: »Ich bin so alt:
Soll ich mich vor dem Knaben verkriechen in den Tann,
Der kaum zwölf Jahre zählet? Gar übel ständ' es mir an.«

Da warf sich ihm zu Füßen Eckart, um sein Knie
Die treuen Arme schlingend: »Flieh, guter Meister, flieh:
Wenn Siegfried dich erschauet, ich weiß, es ist dein Tod.«
»Steh auf, ich will nichts hören,« das war des Meisters Gebot.

Da trat schon in die Türe der fürchterliche Gast.
Und Mime sprach: »Du trugest heut' schwerer Arbeit Last:
Dafür wird dir am Abend willkommner Lohn beschert:
Ich fand noch alte Kohlen und schmiedete Siegmunds Schwert.

Willst du mit Hundings Söhnen nun ziehn in den Streit,
So hab' ich Helm und Harnisch schon auch für dich bereit,
Dazu die Eisenhosen, den festen Schild zugleich:
Sie waren Ortniten bestimmt, dem Herrn in Ostenreich.

Nimm auch aus meinem Stalle das allerbeste Roß,
Das mit gewalt'gen Schenkeln wohl je ein Held umschloß;
Das soll dich immer tragen, wenn du zum Kampfe sprengst:
Grani ist sein Name, von Brunhilds Stuten fiel der Hengst.«

Da gab dem Helden Mime die Eisenhosen hin:
Die schnallt' er um die Beine, wohl kleideten sie ihn;
Dann reicht' er ihm den Harnisch: der warf so lichten Schein;
Siegfried stülpt' ihm über und fuhr mit der Brust hinein.

Da bot ihm der Meister des Helmes lautern Glanz;
Den schwang er sich zu Häupten und stand gerüstet ganz.
Nun gab ihm auch der Alte den stahlharten Schild;
Doch immer schwieg Siegfried und blickte fürchterlich wild.

Jetzt blieb ihm noch zu geben Siegmunds gutes Schwert;
»Erst will ich es versuchen,« sprach der Degen wert:
Er schwang es in den Lüften und bot so scharfen Gruß
Dem guten Amboße, daß er zerspellte bis zum Fuß.

Nicht zerbrach die Klinge, die ungeschartet blieb:
»Das Schwert ist wohlgeraten, das zeigte dieser Hieb,«
Sprach der junge Degen, »darum so weih' ich's ein,
Schächern und Verrätern ein furchtbarer Feind zu sein.

Schwer sollen Siegmunds Mörder empfinden seine Wut
Und schwer, wen je gelüstet nach seines Sohnes Blut:
Du Mime, Fafners Bruder, bist hier der erste gleich.«
Da schwang auf den Meister seine Hand den tödlichen Streich.

Mime der alte erschlagen lag da auch:
Er gab in Eckarts Hände den letzten Lebenshauch.
Dem wollte niemand folgen, wie gut er immer riet:
Wie oft das werten Helden ein frühes Ende beschied!

K. S. [Karl Simrock]

9. Siegfried und Brunhild

Aus Wittich Wielands Sohn.
(Amelungenlied I.)

Sie ritten eine Strecke, dann hielt der Meister gut,
Nicht länger mocht' er bergen den Groll in seinem Mut:
Er wandte sich zu Heimen und sprach: »Womit erweist
Dein Mund nun, daß du älter als ich und Herdegen seist?

Es geht dir an die Ehre, wenn du es nicht bewährst.«
»Die Sorg' ist überflüssig, wie du sogleich erfährst,«
Sprach Heime der junge; »doch reit dein Roß nur zu,
Wir traben sachte weiter, so meld' ich alles in Ruh'.

Du warst noch ungeboren, als ich das Weltlicht sah;
Nach meines Vaters Stuten Studas hieß ich da.
Nichts Liebers wüßt' auf Erden mein Vater Adelger:
Von den Fohlen, die sie warfen, kam all der Reichtum ihm her. –

Viel ist in deutschen Zungen von Brunhild der Maid
Gesagt und gesungen, wie kühn sie war im Streit.
Sie ging von Haupt zu Füßen gehüllt in blanken Stahl:
Da kürte sie Godan in seiner Schildmädchen Zahl.

Walküren reiten bewehrt durch Luft und Meer,
Auf kühnen Wolkenrossen stürmen sie einher,
Licht strahlt von ihren Spießen und Funken sprühn aus Nacht,
Wenn sie die Helden kiesen, die blut'gen Opfer der Schlacht.

Von den Mähnen ihrer Rosse befruchtend träufelt Tau,
Doch oft zerschmettern Schloßen die Hoffnung der Au:
So weben sie Geschicke und ihre Spule rauscht
Verborgen jedem Blicke, von keinem Ohre belauscht.

Wer aber Godans Mädchen im Grimm der Schlacht gefällt,
Dem küßt sie die Wangen und schön erliegt der Held.
Sie führt ihn gen Walhalla zu hoher Väter Schar,
Sie reicht mit holdem Gruße den Met im Becher ihm dar.

Als Godan Brunhilden zur Kriegsnorne kor,
Da tat sie es an Kühnheit den Schwestern all zuvor.
Sie fuhr unersättlich von Krieg daher zu Krieg
Und Königreiche zitterten, wenn sie das Schlachtroß bestieg.

Ihr stand am Friesenmeere die Burg, die Segard hieß,
Wo sie auf fetten Marschen ihre Stuten werden ließ,
Die wie die Vögel flogen, vater- und mutterhalb
Aus edelm Stamm gezogen, weiß, grau, braun oder falb,

Doch stets von einer Farbe. Da sah man auch die Zucht
Der muntern Fohlen grasen, berühmter Rosse Frucht,
Dazwischen mut'ge Hengste, beides schön und groß,
Zu allem abgerichtet, schnell wie der Habicht im Stoß.

Brunhildens Stuten pflegte mein Vater Adelger,
Mit Rossen umzugehen verstand kein Mensch wie er. –
Nie einen Hengst beschreiten wollte die stolze Maid
Eh' sie für König Gunther der kühne Siegfried gefreit.

Das schuf meinem Vater herrlichen Gewinn:
Er hatte so gedungen mit der Königin;
Was männlichen Geschlechtes von ihren Stuten fiel,
Das sollt' ihm angehören. Brunhilden deucht' es nicht viel;

Doch konnt' es ihm genügen, er ward ein reicher Mann.
Hei! was er Tonnen Goldes für manchen Hengst gewann!
Ein ganzer Hort alleine kam in der Friesen Land
Durch Brunhilds Lieblingsstute, die Disa wurde genannt.

Der erste von den Hengsten, der ihr von Godans Roß,
Dem achtgehuften Sleipner, auf Segard entsproß,
Denn oft besuchte Hnikar die schlachtenfrohe Magd,
War Grani der wilde: der wurde Mimen zugesagt

Für Fafner, seinen Bruder. Ihr hörtet von dem Schmied,
Der Siegfried den schnellen in den Wald beschied,
Wo brütend über Schätzen der gift'ge Drache lag:
Da gewann der Held den Grani und den Hort mit einem Schlag. –

In meinen ersten Tagen hört' ich von Rossen nur,
Von Stuten und von Fohlen, das war mir Muttermilch;
Noch lief umher der Knabe im groben Röckchen von Zwilch,

Da war mein erstes Lallen: Gebt mir ein Pferd, ein Pferd!
Doch erst nach manchen Jahren ward mir der Wunsch gewährt
Ein Heupferd unterdessen zum Spotte gab man mir,
Wie sie im Grase hüpfen; doch an dem winzigen Tier

Hatt' ich meine Freude: es sprang, ich sprang ihm nach
In Sätzen, glücklich war es, daß mir kein Bein zerbrach.
Und zu Brunhildens Küche hüpfte mein grünes Roß;
Ich eilt' ihm nachzuhüpfen durch all den dienenden Troß.

Da war es unterm Herde verschwunden auf einmal;
Doch hört' ich es noch zirpen. Nun blieb mir keine Wahl:
Ich nahm ein langes Eisen, das auf dem Boden lag,
Mit dem der Küchenjunge das Feuer zu schüren pflag,

Und scharrte meine Grille damit aus dem Versteck.
Doch wie ich wieder aufstand, da stieß ich, welch ein Schreck:
Zwei Töpfe um, die Brühe floß weithin durch das Haus.
Da begann der Koch zu zürnen, zum Schlage holt' er schon aus.

Als plötzlich durch ein Wunder seine Rache sich verschob:
Es konnte mich nicht treffen die Hand, die sich erhob.
Dies Wunder hatte Godan gewirkt, der starke Gott,
Brunhilden zu bestrafen für ihren frevelnden Spott.

Helmgünther hieß ein König, dem Godan Sieg beschied,
Und Agnar ein andrer, den lang' das Kriegsglück mied.
Doch jetzo half ihm Brunhild wider Godans Macht,
Helmgünther fiel bezwungen und Agnar siegt' in der Schlacht

Das ließ nicht ungerochen Godan an seiner Magd,
Dem er den Sieg verheißen, daß sie dem Sieg versagt.
Da sollte sie nicht länger Walküre sein:
Das Los ward ihr beschieden, das allen Frauen gemein,

Eines Mannes Bett zu teilen und sein Geheiß zu tun.
Sie sprach: »Du magst gebieten; doch hier gelob' ich nun,
Mich keinem zu vermählen, der Furcht empfinden kann,
Ja lieber wollt' ich sterben, als daß er würde mein Mann.«

Da stieß ihr Allvater den Schlafdom ins Haupt.
In voller Waffenrüstung sank sie machtberaubt
Dahin zu tiefem Schlafe. Und alles schlief mit ihr,
Es schlief was Odem holte auf Segard, Mensch oder Tier.

Die Küh' im Stalle bogen die Knie und nickten ein,
Die Jagdhunde streckten sich auf ihr Nagebein,
Die Tauben auf den Zinnen, die Fliegen an der Wand,
Die hatten alle Sinne zum süßen Schlummer gewandt.

Da ward es in der Küchen auch still um mich her,
Das Feuer auf dem Herde flackerte nicht mehr,
Der Bratenwender feierte, der Braten hört' am Spieß
Zu brutzeln auf, die Rechte der Koch ermüdet sinken ließ,

Die mich zerbleuen sollte; ich selber lag und schliefe
Der uns befallen hatte, der Schlaf war fest und tief.
Die Zeit stand still auf Segard, der Tag war wie die Nacht,
Der Morgen wie der Abend, sie wurden schlafend verbracht.

Doch draußen gingen Wochen dahin und Monden gar,
Aus Monden wurden Jahre, wir schliefen immerdar.
Und niemand könnt' uns wecken: dazu gehörte Mut,
Denn um das Schloß geschlagen war eine webende Glut,

Die auf und nieder wallte und niemand ließ heran.
Doch Allvater hatte den Ausspruch getan:
Wer durch das Feuer reite zu Brunhildens Saal
Und ihr den Harnisch löse, der sei ihr Herr und Gemahl.

Viel Königssöhne kamen dahin von Zeit zu Zeit,
Die alle freien wollten die königliche Maid;
Doch als sie Segard sahen von Webeglut umloht,
Da scheuten ihre Pferde und mancher fiel in den Tod.

Godans Zauberfeuer befing die Feste dicht,
Doch um die Marställe draußen brannt' es nicht,
Noch wo mein Vater wohnte; auch fiel er nicht in Schlaf.
Wohl war es ihm empfindlich, als mein Verlust ihn betraf.

Da ward aus seinem Stalle Gram, Sleipners Sproß,
Verkauft an Fafners Bruder, das windschnelle Roß;
Von dem empfing es Siegfried, als er den Schmied erschlug:
Davon ist viel gesungen, ich übergeh' es mit Fug.

Noch zornig aus der Schmiede ritt der Degen gut,
Er verhing dem Rosse Zügel und Zaum im wilden Mut,
Es durfte mit ihm rennen wohin es ihm gefiel:
Da war die liebe Heimat seines Laufes erstes Ziel.

Es trug den Unverzagten Brunhildens Burg so nah,
Daß er das Zauberfeuer um Segard weben sah
Und auf dem Turm bewegungslos das Königsbanner stehn.
Der Drachentöter konnte der Vögel Stimmen verstehn.

Da klang es in den Lüften wie Nachtigallenschlag:
»Nun lodert fünfzig Jahre die Glut und einen Tag;
Der sie löscht ist nahe. Wer zu Brunhildens Saal
Durch Webelohe reitet, der wird ihr Herr und Gemahl.«

Der teure Degen hörte, was ihm der Vogel sang:
Doch wie er durch die Flammen den wilden Gram zwang,
Da war es eine Schildburg, beglänzt von Sonnenschein:
Die Schilde schoben willig sich auf und ließen ihn ein.

Da fand er in der Feste die allertiefste Ruh',
Die Sonne schien vom Himmel, doch alles schlief noch zu.
Die braunen Jagdhunde schnüffelten im Traum,
Die Schlagtauben hatten das Köpfchen unter den Flaum

Des Flügels verborgen, und als er kam ins Haus,
Da streckte noch die Rechte der Koch nach mir aus,
Noch saß die Magd als rupfe sie an dem schwarzen Huhn,
Noch schien der Küchenjunge die schwere Arbeit zu tun.

Und in den Kammern neigten die Häupter schlummerschwer
Der Truchseß und die Schenken und der Diener zahllos Heer.
Die Fliegen an den Wänden schliefen süßen Schlaf,
Und wie er weiter eilte, schlief alles fest, was er traf.

Und rings blieb es stille, kein Lüftchen regte sich,
Er hörte seinen Atem: das deucht' ihn wunderlich.
Nun kam er zu dem Saale: da schlief im Waffenkleid
Ein Mann so voll gerüstet, als käm' er eben vom Streit.

Dem band er von dem Haupte den Helm: da war's ein Weib:
Wie angewachsen fugte der Stahl dem schönen Leib.
Ihn aufzuschlitzen dacht' er mit klugem Schwertesschwang:
Vom Haupt bis ganz hernieder und an den Armen entlang

Zerschnitt der Held die Rüstung und ritzte nicht die Haut;
Dann schält' er aus dem Eisen die wonnigliche Braut.
Sie war so schön geschaffen, o Wunder, Glied für Glied:
Da mußte sie erwecken mit einem Kusse Siegfried.

Der Kuß war ergangen, sie schlug die Augen auf:
Mit Staunen lehnte Siegfried auf seines Schwertes Knauf.
Er sah die blauen Augen und senkte Blick in Blick.
Sie frug: »Das Godan fügte, hat sich erfüllt das Geschick?

Kam hieher der kühne Siegfried, Siegmunds Sohn?
Fiel in der Grüne der Wurm der Heide schon?
Durch Webeglut zu reiten, wer hatte sonst die Macht?«
Er sprach: »Es ist ein Welsung, der dieses Werk hat vollbracht.«

Da erhob sich von dem Pfühle die schöne Königin
Und schritt an Siegfrieds Seite durch die Gemächer hin.
Der Truchseß und die Schenken, der Diener zahllos Heer
Erstanden aus dem Schlafe und Leben ward um sie her.

Da regten wiederkäuend die Kühe sich im Stall,
Die Jagdhunde sprangen empor mit lautem Schall,
Die Fliegen von den Wänden summten durch den Raum,
Die Taube zog das Köpfchen hervor aus wärmendem Flaum.

Die Magd rupfte weiter an ihrem schwarzen Huhn,
Der Küchenjunge eilte die Arbeit zu tun.
Das Feuer flammte wieder, so ward an seinem Ort
Der Bratenwender munter, der Braten brutzelte fort.

Doch auch der Küchenmeister, der vor dem Herde lag,
Erstand in seinem Zorne und gab mir einen Schlag.
Da hub ich an zu weinen und lief aus dem Haus;
Doch vergaß ich nicht des Heupferds, das nahm ich mit mir hinaus.

Schluchzend und heulend kam ich vor das Tor
Zu meines Vaters Wohnung. Der sprang erstaunt hervor:
War ich es, der Knabe, der ihm entlaufen ist?
Nun hatt' er funfzig Winter den kleinen Studas vermißt.

Die Mutter sagt', ich wär' es, kaum mochte Zweifel sein:
»Und bist du's, so bewähr es: wo warst du? sag uns fein.« –
»Ich war in Brunhilds Küche, da schlug mich der Koch,
Weil ich mein Heimchen holte; ich aber holt' es mir doch.« –

»Hat dich der Koch geschlagen? das räch' ich, wart, er soll« –
Da liefen aus dem Schlosse die Leute freudenvoll.
Er frug: »Was ist geschehen, daß ihr so lärmt und tobt?«
Da hieß es: »Brunhild wurde dem kühnen Siegfried verlobt.«

Kaum wollten ihn erkennen die Leute, die er frug,
Denn er war alt geworden, doch glich er Zug um Zug
»Dem Schaffner Brunhildens, der bei den Ställen wohnt.«
Sie waren jung geblieben, von all den Furchen verschont,

Die das Alter gerne in Stirn und Wange gräbt.
Er sprach: »Erst wird mir deutlich, welch Wunder wir erlebt;
Die in der Feste schliefen, ich hielt euch all' für tot,
Und freute mich der Fügung, daß ich nicht teilte die Not.

Hätt' ich nun mit geschlafen! so wär' ich jung wie ihr.
Doch tröstet mich der Knabe, der mit dem Heimchen hier:
Zu Brunhilds Küche hüpft' er ihm nach vor manchem Jahr;
Er soll mir Heimchen heißen, der Springinsfeld, immerdar.«

Nicht länger hieß ich Studas; mir war es anfangs leid;
Doch aus dem Heimchen wurde ein Heime mit der Zeit:
Da ließ ich mir's gefallen, der Name sagt mir zu.
Hab' ich dir nun bewiesen, daß ich älter bin als du?« –

K. S. [Karl Simrock]


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