Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Kirchenschlaf

62. Der Kirchenschlaf

An Alexander Kaufmann.

An Wunderkraft der Steine
Glaubt jetzt nur noch ein Tor,
Silber und Gold alleine
Tun Wunder wie zuvor.
Doch ist so sehr zu schelten
Der alte Glaube nicht:
Ihr laßt ihn gerne gelten,
Vernahmt ihr mein Gedicht.

Zum Abte sprach ein Ritter:
»Ich bin am Heil verarmt,
Mein eigner Leichenbitter,
Wenn Ihr Euch nicht erbarmt
Mir diesen Stein zu schenken,
Der hier im Pfeiler steckt,
So will ich Euer denken,
Bis mich das Grab bedeckt.«

Der Abt sprach mit Erstaunen:
»Was wollt Ihr mit dem Stein?
Gar wunderliche Launen
Sind das, Herr Ritter Hein.
Ich wollt' ihn gerne lassen
Und einen andern her
In diesen Pfeiler fassen,
Verständ' ich Eu'r Begehr.« –

»Herr Abt, ich kann nicht schlafen:
Das ist ein großes Leid;
Gott woll' Euch nimmer strafen
Mit Schlummerlosigkeit!
Ich lief schon längst zum Seiler,
Wenn ich bei Euch nicht traf
Gelehnt an diesen Pfeiler
Das bißchen Kirchenschlaf.

Viel weicher sind die Stühle
Im Heisterbacher Bau
Als alle Seidenpfühle
Daheim bei meiner Frau.
Ich schlief in meinem Bette
So sanft noch nie, Herr Abt,
Als hier an dieser Stätte,
Wenn Ihr gepredigt habt.

Das Haupt an diesem Steine
Entschlummert' ich alsbald:
Es liegt in ihm, ich meine,
Einschläfernde Gewalt.
Es schweigt der Sinne Hader,
Ich schlafe wie ein Ast,
Wenn Ihr mich diesen Quader
Vom Pfeiler lösen laßt.«

Den Abt verdroß kein Spotten,
Weil er es nicht verstand;
Er hatte Leim gesotten
Vor seinem Klosterstand.
Er griff sogleich zum Werke
Und sprach zum Prior laut:
»Wer hätte solche Stärke
Den Steinen zugetraut!«

Der Prior war geheißen
Der Mönch Cäsarius.
Den sah man sich befleißen
Als ein Historikus.
Den Wackern sollt ihr lieben:
Ihr schuldet ihm viel Dank;
Er hat uns aufgeschrieben
Auch diesen guten Schwank.

K. S. [Karl Simrock]


 << zurück weiter >>