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Frauenkirche bei Lach

78. Siegfried und Genoveva

1.

Hohensimmern hieß die Feste, wo der Pfalzgraf Siegfried saß,
Der im Schwarm erlauchter Gäste Genovevens nicht vergaß.
Übt er jetzt des Wirtes Pflichten dünkt das volle Haus ihn leer:
Wohl, er konnte sie vernichten, sie entbehren, das ist schwer.

Doch erträglich sind die Tage, wären nur die Nächte nicht,
Denn ihm naht zu arger Plage immer nachts ein Traumgesicht.
Heute von der Flügelschlange ward sein liebstes Lieb bedroht,
Hilfe! Hilfe! rief sie bange – niemand half ihr in der Not.

Diesen schweren Traum am Morgen sagt' er Golon, seinem Rat:
»Glaube mir, ich bin in Sorgen um die übereilte Tat.
Selber schein' ich mir der Drache, der das schöne Weib verdarb;
Nie verhört' ich ihre Sache; wehe! wenn sie schuldlos starb!«

Golo sprach mit falschem Munde: »Deuten kann ich diesen Traum,
Aus dem Worte fließt die Kunde und dem Zweifel bleibt nicht Raum:
Drago hieß, der sie verführte, Drago der verruchte Koch,
Er empfing, was ihm gebührte, Pfalzgraf, und Ihr zweifelt noch?«

Tages läßt er sich betören, aber wahrhaft ist die Nacht,
Wieder muß ein Traum ihn stören, der ihm angst und bange macht:
Hunde hetzt das Jagdgesinde und das krumme Hifthorn schallt,
Einer fleckenlosen Hinde folgt der Graf durch Busch und Wald.

»Weiß ist dieses Wild gewesen, weiß wie stets die Unschuld ist,
Doch ich hatt' es mir erlesen, ließ zur Flucht ihm keine Frist.
Als mein Pfeil es wund geschlagen, daß der rote Schweiß entrann,
Gleich als wollt' es mich verklagen, blickt' es klug und fromm mich an.«

Golo sprach, der Hochverräter: »Möglich, daß der Traum nicht äfft,
Wenn Ihr früher oder später eine weiße Hinde trefft.
Nicht so selten sind die weißen, fleckenlose gibt's genug;
Doch was will ihr Blicken heißen? Alle blicken fromm und klug.«

2.

»Auf, die Bracken macht genossen, überkröpft die Falken nicht,
Weckt die fürstlichen Genossen, heut' erfüllt sich mein Gesicht.
Seht, der Erde braune Rinde fußhoch hat der Schnee bedeckt:
Nicht entgeht mir jetzt die Hinde, die so schnell die Läufe streckt.« –

»Heute könnt Ihr sie nicht schauen, die dem Schnee an Weiße gleicht:
Wollt Ihr meinem Rate trauen, harrt Ihr lieber bis er weicht.«
Aber schon auf wildem Hengste stürmt der Pfalzgraf über Feld;
Den Verräter fassen Ängste, als es rings von Hörnern gellt.

Mancher Falke stieg und schweimte, müde lief sich manches Roß,
Golo selbst, der Abgefeimte, viel des edeln Wildes schoß.
Hunde hetzt das Jagdgesinde, weil das krumme Hifthorn schallt,
Einer fleckenlosen Hinde folgt der Graf durch Busch und Wald.

Flüchtig ist sie, mit den langen Läufen wirft sie Schnee empor,
Roß und Reiter sie zu fangen setzen über Stein und Moor;
Doch sie läßt sich nicht erreichen: endlich schießt sein Pfeil sie wund,
Aber noch mit blut'gen Weichen birgt sie sich im Waldesgrund.

Siegfried folgt, die Lust zu büßen, sieh, da liegt das zahme Wild
Einer schönen Frau zu Füßen, die der Wunde Fluß ihm stillt.
Und die Frau umspielt ein Knabe, wie die Mutter schön und bleich:
Lang' entbehrten jeder Labe Genoveva, Schmerzenreich.

Bloß sind diese edeln Glieder, wallen auch von Haupt zu Fuß
Goldne Locken reichlich nieder, schreckt sie doch des Fremden Gruß:
»Mußt mir erst den Mantel reichen, wenn ich mit dir reden soll.«
Lange weilt' er bei der Bleichen, und ward aller Freuden voll.

Frau und Knabe sind die Seinen, die der Hinde Milch ernährt:
Simmern wird vor Freude weinen, wenn er mit den Lieben kehrt.
Jauchzend hörten alle Gäste, welch ein Wunder Gott erlaubt,
Und vom hohen Tor der Feste blickte Golos blut'ges Haupt.

K. S. [Karl Simrock]


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