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Rüdesheim

Das Niederwalddenkmal

103. Gisela

Von Rüdesheim bis Bingen, da ist der Rhein ein See,
Von Strand zu Strande klingen hör' ich ein Lied voll Weh.

Dort stand die engelgleiche, entgeistert stand sie da,
Das schönste Kind im Reiche, die bleiche Gisela.

Die Drachen und die Heiden ihr Vater Brömser traf,
Er könnt' es nicht vermeiden, sie banden ihn im Schlaf.

Da lag er lang' gefangen in unheilvoller Haft,
Bei Ottern und bei Schlangen verging ihm schier die Kraft.

Die Tochter ringt die Hände, sie klagt den Vater sehr:
»Hilf Himmel, mach ein Ende, schick heil ihn wieder her.«

Sie hat so lang' gerungen die schönen Hände wund,
Seine Ketten sind zersprungen, der Held entgeht gesund.

Und wie er kommt nach Hause, da ist's ihr Ungewinn:
»Du wirst in stiller Klause nun Gottes Dienerin.

Ein Kloster will ich gründen dem Herrn, der mich befreit:
Da büße meine Sünden, du reine junge Maid.«

Sie wollte nicht im Kloster so jung begraben sein,
Sie stürzte sich getroster wohl in den tiefen Rhein.

Die Wellen rauschen, schlingen hinab das schöne Weib:
Beim Mäuseturm zu Bingen am Morgen lag der Leib.

Der Vater ging sie schauen, da schlug das Herz ihm schwer,
Viel Klöster tät er bauen, ward doch nicht fröhlich mehr.

Ihr Väter, büßt die Sünden nicht an den Töchterlein,
Und wollt ihr Klöster gründen, so geht auch selbst hinein.

K. S. [Karl Simrock]


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