Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Epfenbach bei Sinsheim

159. Der Nixenteich

Ei unter der Linde, wie woget das Fest!
Es ist Maitag, ist Maitag, sie tanzen aufs best',
Und die Welt ist so weit und der Abend so mild,
Der Nachtduft brütet auf Teich und Gefild:
Es regt sich im stillen Gebüsch ein Grauen,
Als wollten die Geister dem Tanz zuschauen.
Munterer, Zimbeln, Schalmein,
Wilder, ihr Geigen, darein!
Die Stunden verrauschen.

Es raunen im Kreis die Jungfräulein:
Wer mag wohl die zierliche Fremde sein?
Feucht ist der Saum am Gewande blau –
Strich sie wohl spät durch den Abendtau?
Hat sie im Zaubersee sich gebadet,
Daß der schmuckste Bursche zum Tanze sie ladet?
Munterer, Zimbeln, Schalmein,
Wilder, ihr Geigen, darein!
Die Stunden verrauschen.

Sprich, wer lehrte dich so den Tanz?
– Oft führ' ich ihn nächtlich im Mondenglanz. –
Was trägst du so köstliche Perlen im Ohr?
– Mein Bruder fischte sie mir im Rohr. –
Wie heißt dein Bruder, das sollst du mir sagen!
– Ich will leben und tanzen, was hast du zu fragen?
Munterer, Zimbeln, Schalmein,
Wilder, ihr Geigen, darein!
Die Stunden verrauschen.

Es schaudert dem Knaben das Herz in der Brust,
Sie drängt sich an ihn mit erbebender Lust:
– Wie bist du so warm und so herrlich gestalt',
Ach und die Flut ist so grau und so kalt!
Er faßt nicht ihr Wort, in den männlichen Armen
Fühlt er sie süßer und banger erwarmen.
Munterer, Zimbeln, Schalmein,
Wilder, ihr Geigen, darein!
Die Stunden verrauschen.

Sie tanzen hinweg zum Waldessaum,
Sie sinken in stillen, in langen Traum.
Horch, Lerchenschlag! – Sie stöhnt entsetzt,
Der Mond geht blutig hinunter jetzt,
Der Ost wird hell – mit verzweifeltem Schrei
Wild macht sie aus seinen Armen sich frei.
Ferne noch Zimbeln, Schalmein,
Laut noch die Geigen darein!
Die Stunden verrauschen.

Sie schwebt wie im Morgennebel zum Teich,
Er folgt ihr hastig durch Dorn und Gezweig –
Sie schwingt sich hinab und sie winkt noch einmal,
Aus dunkler Flut steigt auf ein Strahl.
Ist's Morgenrot, ist's Sonnenglut?
Hilf Gott, es ist ihr rotes Blut!
Stille nun, Zimbel, Schalmei,
Geige, nun brich entzwei!
Die Stunden verrauschen.

Gottfried Kinkel.


 << zurück weiter >>