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Südersee

1. Stavoren

In Südersee Stavoren, wer hat die Stadt geschaut?
Mit Türmen und mit Toren gar stolz ist sie erbaut.
Paläste siehst du ragen noch heut' so hoch als eh',
Doch alles hat beschlagen die unermeßliche See.

Wenn alle Winde schweigen, der Kahn dich ruhig wiegt,
Der Schiffer wird dir zeigen, wo sie begraben liegt.
Du blickst auf Markt und Straßen, doch öde, menschenleer,
Und wenn die Glocken tönen, so strich ein Hecht zwischenher.

Vorzeiten zu Stavoren war Pracht und Überfluß,
Da schwelgte man in Freuden und sann nur auf Genuß;
Da mußten Gallionen durch alle Meere gehn,
Mit den Schätzen fremder Zonen Stavorens Kinder zu versehn.

Verwöhnte Kinder freilich, das Glück war allzu hold:
Den Hausflur und die Türen beschlugen sie mit Gold,
Gepflastert mit Dukaten war Hof und Speisesaal,
Mit blanken Laubtalern die Weg' und Stege zumal.

Wie sich die Schätze häuften, so wuchs der Übermut
Als wär' der Himmel käuflich für eitel Geld und Gut.
Und als das Maß erfüllt war, da gingen sie zugrund,
Die erst das Meer bereichert, die schlang das Meer in den Schlund.

Vor allen in Stavoren war eine Jungfrau reich,
Ihr Name ging verloren, kein König kam ihr gleich;
Doch herrisch und vermessen war ihr betörter Sinn,
Sie hatte Gott vergessen und sann auf nichts als Gewinn.

Zu ihrem Schiffmeister sprach einst die stolze Maid:
»Auf, lichte du die Anker, zwölf Monden hast du Zeit;
Doch kehrst du nach Stavoren, so sei dein Schiff beschwert
Mit dem Edelsten und Besten, das rings der Erdball gewährt.«

Da sprach der alte Meister, er war ein weiser Mann:
»Ich bringe was du heischest, nur zeig es näher an;
Des Edeln und des Guten ist auf der Welt so viel,
Was dich das Beste dünket, das Edelste, schafft mein Kiel,

Wofern dein Mund es ausspricht. Ist's Korn oder Wein?
Ist's Bernstein oder Seide, Gold oder Spezerein?
Sind's Perlen, sind's Smaragden? Es kostet dich ein Wort,
Das Schiff mir zu befrachten mit der Erde köstlichstem Hort.«

Sie sprach: »Du mußt es raten, du giltst doch sonst für klug;
Wer meinen Dienst erwählte, dem sei ein Wink genug.
Nun laß das läst'ge Fragen: bei meinem Zorn ins Meer!
Das Edelste, das Beste gebracht, ich sage nicht mehr.«

Da mußt' er wohl gehorchen; unschlüssig fuhr er ab,
Der Frau Geheiß erwägend, das viel zu denken gab.
Er kannte wohl der Herrin hochmütig strengen Sinn:
Wie er ihr nun genüge, darüber sann er her und hin.

Am Ende dacht' er also: Ich kauf' ihr Weizen ein:
Was möcht' auf Erden edler, was möchte besser sein?
Man hält in hohen Ehren das herrliche Korn,
Niemand kann es entbehren: so meid' ich wohl ihren Zorn.

Da steuert' er gen Danzig und lud zu gutem Kauf
Polnischen Getreides zehntausend Lasten auf.
Es war der beste Weizen, den je die Erde trug:
Wer des genossen hätte, dem gab er Kräfte genug.

Da ließ er seine Segel die Winde blähn und war
Im Hafen von Stavoren noch vor dem halben Jahr.
So schritt er vor die Herrin, die noch bei Tafel saß,
Mit Blicken der Befremdung von Haupt zu Füßen ihn maß.

»Wie,« rief die Übermütige, »Schiffmeister, schon zurück?
Und wär' dein Schiff ein Vogel, den Vogel hieß' ich flügg':
Dich wähnt' ich an Guineas goldreichem Strand;
Was hast du nun geladen? sag an, ich bin doch gespannt.«

Da sprach der Seemann zögernd, er hörte wohl, der Wind
Sei seiner Fahrt zuwider, doch faßt' er sich geschwind:
»Den besten Weizen führ' ich, Gebieterin, dir her,
Kein beßrer ist zu finden, so weit die Länder küßt das Meer.«

Sie sprach: »Was muß ich hören? das hätt' ich nicht gedacht!
Elenden Weizen, woraus man Semmel macht?
Den wagst du mir zu bringen? Es wird dein Ernst nicht sein:
Das Edelste, das Beste, gebot ich, handle mir ein.«

Da sprach der Greis: »So elend ist doch was Brot gibt nicht,
Da man zu Gott alltäglich um Brot die Bitte spricht.«
»Wie ich's verachte,« rief sie, »beweis' ich dir sofort:
Von welcher Seite nahmst du die schnöden Körner an Bord?« –

»Das Schiff ist von der rechten geladen,« sprach er. – »Gut,
So wirf mir von der linken den Weizen in die Flut.
Die ganze Ladung, hörst du? das muß sogleich geschehn:
Ich werde selber kommen, ob du gehorchtest, zu sehn.«

Der Schiffmann ging, doch tat er nicht wie die Frau ihn hieß,
Weil ihr Gebot so greulich wider Gott verstieß.
Er rief die Armen alle, die Hungernden, herbei,
Ob nicht durch solchen Anblick das harte Herz zu rühren sei.

Sie kam und fragte: »Hast du getan, wie ich befahl?« –
Da fallen ihr zu Füßen die Armen allzumal:
»Laß uns den Weizen,« flehn sie, »eh' ihn das Meer verschlingt,
Daß wir den Hunger stillen!« Sie aber weigert's unbedingt,

Und winkt ihren Knechten und läßt erbarmungslos
Die Gottesgabe senken in tiefer Fluten Schoß;
Die Menge mußt' es schauen, die stumm die Hände rang.
Da rief der alte Schiffer, der sich nicht länger bezwang,

Laut rief er's vor dem Volke der Frau ins Angesicht:
»Nein, wahrlich ungeahndet bleibt diese Bosheit nicht.
Wenn noch das Gute lohnet, das Böse straft ein Gott,
So wird einst schwer gerochen an Euch der frevelnde Spott.

So wird ein Tag erscheinen, wo Ihr die Körner gern,
Die edeln, von den Straßen aufläset, Kern um Kern,
Den Hunger nur zu stillen; doch niemand gönnt Euch sie.«
Sie sprach mit Hohngelächter: »Mein Freund, der Tag erscheinet nie.

Stavorens reichster Erbin gebräch's an Brote je?
Sieh diesen Ring, den goldnen, ich werf' ihn in die See:
Wenn ich den wiederschaue, so mag auch das geschehn.«
Sie sollt' am selben Abend den Ring erschrocken wiedersehn:

Der Koch hatt' ihn gefunden in eines Fisches Bauch.
Eh' sie sich niederlegte, kam ihr die Botschaft auch,
Die Flotte sei gestrandet, die sie nach Morgenland –
Und so erging's der andern, die sie gen Abend gesandt.

Die Türken und die Mohren auch schadeten ihr viel
Wie wider sie verschworen; ein reiches Kaufhaus fiel,
Das zog sie mit hinunter; und so kam Post auf Post –
Kein Jahr verging, so litt sie schon Not durch Hunger und Frost.

Sie ging von Tür zu Türen und heischt' ein Stückchen Brot:
So schrecklich ward erfüllet, was ihr der Greis gedroht.
Von niemand betrauert, von vielen arg verhöhnt,
Auf Stroh hat sie endlich das arme Leben verstöhnt.

Fort schwelgte noch Stavoren in sündlich eitler Pracht,
Denn Reichtum ward auf Schiffen noch täglich eingebracht;
Das Beispiel warnte niemand: da wuchs der Buße Saat
Der ganzen Stadt erschrecklich aus jener Jungfrau Freveltat.

Wo sie den edeln Weizen ins Meer versenken ließ,
Da hob sich eine Sandbank, die Frauensand man hieß.
Darauf entwächst den Wellen ein Kraut, das kennt man nicht,
Es gleicht dem Weizen völlig, nur daß der Ähre Korn gebricht.

Noch stieg die Sandbank höher und höher aus dem Meer:
Gesperrt war der Hafen, kein Schiff befuhr ihn mehr.
Da war des Reichtums Quelle der Schwelgerstadt versiegt;
Sie schwelgten fort, von Leichtsinn in süßen Schlummer gewiegt.

Da zog man eines Tages Hering und Butt hervor
Aus dem Schöpfbrunnen, und in der Nacht erkor
Der See sich andre Bahnen, ein wilder Wasserschwall
Verschlang, die Deiche brechend, Stavorens Markt und Straßen all'.

Im Südersee Stavoren, wer hat die Stadt geschaut?
Mit Türmen und mit Toren gar stolz ist sie erbaut.
Paläste siehst du ragen noch heut' so hoch als eh',
Doch alles hat beschlagen die unermeßliche See.

K. S. [Karl Simrock]


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