Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Hanau

140. Gottes Tränen

Noch schwebte keine Wolke am heitern Himmel hin,
Vom Karren sprach zum Volke die arme Sünderin:

»Ob mich der Schein nur richte, ich will gerichtet sein,
Des Lebens ich verzichte, vergessen hat er mein.

Eins trag' ich nicht geduldig: daß ihr mich schuldig meint;
Bin so gewiß unschuldig als Gott jetzt mit mir weint.«

Da weinte Gott vom Himmel, die Tränen tropften schwer,
Des Volks durchnäßt Gewimmel, das weinte noch viel mehr.

Gott selber sei der Zeuge, das Zeugnis wird verschmäht:
Den schönen Nacken beuge, der grimme Streich ergeht.

Zu Hanau ist's geschehen: nicht lang' hernach hat klar
Der weise Rat ersehen, daß sie unschuldig war.

Mit Sang und Klang zur Stunde hob man sie auf und gab
Ihr in geweihtem Grunde doch noch ein ehrlich Grab.

Gott weint mit dem Unschuldigen, so tönt der Sage Mund,
Du mußt dich nur geduldigen, dein harrt geweihter Grund.

K. S. [Karl Simrock]


 << zurück weiter >>