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Pfalz bei Kaub

97. Pfalzgrafenstein

»Das Kämmerlein ist eng und klein,«
Sprach Otto der Erlauchte
Zu Agnes, die in solcher Pein
Viel guten Trostes brauchte:
»Dich und die Amme faßt es kaum,
Die Sonne schielt nur in den Raum,
Und unten spritzt der Welle Schaum;
Doch denk an deine Mutter.

Ihr diente Heinrich, Braunschweigs Sohn,
Den man den Welfen nannte,
Als zwischen Welf und Staufer schon
Die Fehd' im Reich entbrannte.
Der Pfalzgraf Konrad gar vernahm,
Daß Heinrich oft nach Stahleck kam
Zu Agnes, denn so war der Nam'
Auch, Agnes, deiner Mutter.

Der sich wohl listig nur erpicht
Wie er die Pfalz erwerbe,
Dem Stauferfeinde gönnt' er nicht
Die Tochter und das Erbe.
Schön Agnes ist ein einzig Kind,
Man weiß, wie die zu hüten sind:
Da baut' er dieses Schloß geschwind
Zu hüten deine Mutter.

Er baut' es mitten in die Flut
Mit Türmen und mit Zinnen;
Da hielt er sie in strenger Hut
Vor aller Welfen Minnen.
Doch auf den Wassern Nächte lang,
Da seufzt' und fleht' es wie Gesang:
Deine Mutter hörte gern den Klang
Und deiner Mutter Mutter.

Die Alte sprach: Ich weiß was frommt,
Laß ihn ein Weilchen schmachten;
Doch wenn er mit dem Pfaffen kommt,
Ist Welf nicht zu verachten.
Mich dünkt doch besser Freund als Feind:
Die Sonne Deutschlands heller scheint,
Wo Welf und Staufer sich vereint.«
Dem folgte deine Mutter.

»Man ließ ihn mit dem Pfaffen ein,
Der gab sie bald zusammen,
Mit vollen Wogen ging der Rhein,
Doch kühlt' er nicht die Flammen.
Da ward die enge Kammer weit,
Die Sonne strahlte Seligkeit,
Der Welfen und der Staufer Streit
Versöhnte deine Mutter.

Der Pfalzgraf und der Kaiser zwar
Ergrimmten erst, die Staufen;
Doch weil es nicht zu ändern war,
So ließen sie es laufen.
Der Kaiser sprach: »Sam mir der Bart!
Das gibt Pfalzgrafen sonder Art:
Drum hütet fleißig und verwahrt
Auf jener Pfalz die Mütter.«

»Von solchen Eltern stammtest du,
Kein Pfalzgraf ward geboren;
Nun bringst du mir die Pfalzen zu,
Den du dir frei erkoren.
Und liebst du recht den Wittelsbach,
So schwindet bald dein Weh und Ach
Und Raum genug hat dies Gemach
Für eine frohe Mutter.«

K. S. [Karl Simrock]


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