Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Speier

161. Nächtliche Erscheinung zu Speier

Wach auf, erklingt's in des Schiffers Traum,
Wach auf, du Wächter am Strome!
Und über ihm rauschet der Lindenbaum,
Und zwölfe schlägt es vom Dome.
Groß vor ihm steht einer im dunkeln Gewand,
Der Schiffer bringt ihn hinunter zum Strand,
Halb schlafend, halb wachend, wie trunken.

Und während er träge löset den Kahn,
Beginnt es um ihn zu leben,
Viel riesige hohe Gestalten nahn,
Er sieht sie nicht schreiten, nur schweben.
Es tönet kein Wort, es rauschet kein Kleid,
Wie Nebel durchziehn sie die Dunkelheit:
So steigen sie all' in den Nachen.

Er sieht sie mit Staunen, mit Schrecken an,
Stößt schweigend und fürchtend vom Lande,
Kaum braucht er zu rudern, es flieget der Kahn,
Bald sind sie am andern Strande.
»Wir kommen zurück, da find'st du den Lohn.«
Gleich Wolken verschwinden im Felde sie schon,
Fern scheinen ihm Waffen zu klirren.

Er aber rudert sinnend zurück
Durch der Nacht ernstfriedliche Feier,
Wo sich die Heimat hebet dem Blick,
Das dunkeltürmige Speier.
Sitzt wach bis zum Morgen am Lindenbaum,
Und war es Wahrheit, und war es ein Traum,
Er hüllet es tief in den Busen.

Und sieh, es ruft ihn die vierte Nacht
Als Wächter wieder zum Strome.
Wohl hält er schlaflos heute die Wacht,
Da schlägt es zwölfe vom Dome.
»Hol über!« ruft es vom andern Strand,
»Hol über!« Da stößt er den Kahn vom Land
In stiller, banger Erwartung.

Und wieder ist es die düstre Schar,
Die schwebend den Nachen besteiget,
Der Kahn zieht wieder so wunderbar,
Doch jeder der Dunkeln schweiget.
Und als sie stoßen zu Speier ans Land,
Gibt jeder den Lohn ihm behend in die Hand;
Er aber harret und staunet.

Denn unter den Mänteln blinken voll Schein
Viel Schwerter und Panzer und Schilde,
Goldkronen und funkelndes Edelgestein
Und Seiden- und Samtgebilde;
Dann aber umhüllt sie wieder das Kleid,
Wie Nebel durchfliehn sie die Dunkelheit
Und schwinden am mächtigen Dome.

Doch wachend bleibt er am Lindenbaum
Mit sinnendem, tiefem Gemüte:
Ja, Wahrheit war es, es war kein Traum,
Als blendend der Morgen erglühte:
Er hält in den Händen das lohnende Geld;
Drauf glühen aus alter Zeit und Welt
Viel stolze Kaiserbilder.

Wohl sah er manchen Tag sie an
In forschenden, stillen Gedanken,
Da riefen sie drüben um seinen Kahn,
Das waren die flüchtigen Franken.
Geschlagen war die Leipziger Schlacht,
Das Vaterland frei von des Fremdlings Macht:
Der Schiffer verstand die Erscheinung.

»Und löstet ihr, Kaiser, die Grabesnacht
Und die ewigen Todesbande,
Und halft in der wilden, dreitägigen Schlacht
Dem geängsteten Vaterlande,
Steigt oft noch auf und haltet es frei
Von Sünden und Schmach und Tyrannei,
Denn es tut not des Wachens!«

Wolfgang Müller.

162. Die Glocken zu Speier

Zu Speier im letzten Häuselein,
Da liegt ein Greis in Todespein,
Sein Kleid ist schlecht, sein Lager hart,
Viel Tränen rinnen in seinen Bart.

Es hilft ihm keiner in seiner Not,
Es hilft ihm nur der bittre Tod!
Und als der Tod ans Herze kam,
Da tönt's auf einmal wundersam.

Die Kaiserglocke, die lange verstummt,
Von selber dumpf und langsam summt,
Und alle Glocken groß und klein
Mit vollem Klange fallen ein.

Da heißt's in Speier und weit und breit:
Der Kaiser ist gestorben heut'!
Der Kaiser starb, der Kaiser starb!
Weiß keiner, wo der Kaiser starb?

Zu Speier, der alten Kaiserstadt,
Da liegt auf goldner Lagerstatt
Mit mattem Aug' und matter Hand
Der Kaiser Heinrich, der Fünfte genannt.

Die Diener laufen hin und her,
Der Kaiser röchelt tief und schwer; –
Und als der Tod ans Herze kam,
Da tönt's auf einmal wundersam.

Die kleine Glocke, die lange verstummt,
Die Armensünderglocke summt,
Und keine Glocke stimmet ein,
Sie summet fort und fort allein.

Da heißt's in Speier und weit und breit:
Wer wird denn wohl gerichtet heut'?
Wer mag der arme Sünder sein?
Sagt an, wo ist der Rabenstein?

Max von Oer.


 << zurück weiter >>