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Altenahr

70. Drei Schüsse

Franzosen richten ihr Geschütz:
»Du mußt dich bald ergeben,
Und kommt's zum Sturm, Herr Kommandant,
Es kostet dir das Leben.«

»So tut mir erst der Schüsse drei:
Nie sah man, daß sein Leben,
Daß eine Burg so fest und stark
Sich ohne Schuß ergeben.«

Wie das der Kurfürst hört' von Köln,
Er wollt' ihm an das Leben;
»Seid gnädig, Herr, er hat sich doch
Nicht ohne Schuß ergeben.«

»Wohlan, so tut der Schüsse drei
Nur auf sein armes Leben:
Nie ward Verrätern ohne Treu
Noch ohne Schuß vergeben.«

K. S. [Karl Simrock]

71. Die Gefangenen zu Ahre

Den Stuhl zu Köln, als Konrad starb,
Sein Vetter Engelbert erwarb,
Der Propst erst war von Gereon.
Des freuten sich die Kölner schon,
Denn oft hatt' er als Propst gesprochen:
»Mein Ohm hat Treu' an euch gebrochen,
Es ist mir leid, Gott mag mir zeugen,
Wie ich an euch das Recht, sah beugen.
Hätt' ich an seiner Statt Gewalt,
Dem Unrecht wollt' ich steuern bald.
Ihr habt mir manchen Dienst getan,
Gedenken will ich stets daran,
Das gelob' ich euch mit Hand und Munde.«

Als man zu Ahr vernahm die Kunde,
Daß der Dompropst Bischof wäre:
»Das ist uns eine liebe Märe,«
Sprachen die Gefangnen frohen Mutes,
»Daraus erwächst uns Lieb' und Gutes:
Nun gibt er seinen Worten Kraft
Und löst uns aus der langen Haft.
Er hat es uns verheißen oft,
Wir haben lang darauf gehofft;
Hat ihn uns Gott zum Herrn gegeben,
Das fördert uns so lang wir leben:
Er bricht nicht, bald wird es erprobt,
Was uns sein edler Mund gelobt.«

Als Engelbert nun war gekoren
Und ihm die Kölner Huld geschworen,
Da saß der Bischof auf ein Roß
Und ritt gen Bonn mit seinem Troß.
Da sah man die von Bonn ihm auch
Hulden und schwören nach dem Brauch.
Darauf empfingen Ritter und Knechte
Die Lehn, ein jeder nach dem Rechte.
Von dannen hub er sich gen Ahr
Und nahm dort der Gefangnen wahr.

Das hörte Herr Rutger Overstolz,
Und Daniel Jude, ein Ritter stolz,
Dazu Herr Kostin von der Aducht,
Der Bischof habe Ahr besucht.
Da wurden eines Abends spat
Diese drei Ritter noch zu Rat.
Daß sie des Morgens früh zu Roß
Saßen und ritten gen Ahr aufs Schloß.
Sie sprachen: »Uns hat sein edler Mund
Das verheißen zu mancher Stund',
Erwürb' er Bischofs Hut und Ehre,
Daß er all' unsrer Unbill wehre.«
Darauf versetzte Herr Daniel,
Der weise war und Sinnes schnell:
»Uns folgen, reiten wir zu ihm dar,
Gewiß die Freunde heim von Ahr:
Bewähren soll er heut' sein Wort.«
So ritten sie gen Ahre fort.

Sobald die Herrn gen Ahre kamen,
Des Bischofs Leute die dreie nahmen,
Und wiesen sie zu ihren Magen (Verwandten)
Die dort im Turm gefangen lagen.
Die Gefangenen wähnten, sie wären frei,
Doch unfrei wurden noch die drei.
Man schloß sie fest und hieß sie bleiben,
Ihren Freunden die Zeit zu vertreiben.

Nun hört wie Gerhard Overstolz sprach,
Der dort zu Ahr gefangen lag:
»Hieran geschieht uns eben recht,
Also vermehrt sich unser Geschlecht;
Nun sind wir elf und waren acht;
Dazu hat es der Fleischer gebracht.«

Herr Daniel Jude sprach: »Schaut an,
Dies warne jeden frommen Mann.
Nun kürze Gott uns dieses Leid,
Man trifft bei Herrn keine Stetigkeit!
Wer hätte sich das träumen sollen?
Der Bischof hat uns beistehn wollen:
Wir sind gekommen auf sein Wort,
Euch zu befrein von diesem Ort;
Nun sind wir auch mit euch gefangen.
Doch sei es wie es sei ergangen,
Hierum soll niemand noch verzagen.
Gar oftmals hab' ich hören sagen:
Des Glückes Rad geht auf und nieder.
Einer fällt, der andre hebt sich wieder.
Man hat so manches Wunder vernommen,
Will's Gott, wir mögen noch entkommen.
Hab' er Undank, der verzagt will sein,
Nach Regen folgt noch Sonnenschein.«

Nun höret Wunder, was geschah
Herrn Gottschalk Overstolz, als er da
In Haft lag mit der Freunde zehn.
Kein Spielmann gehrte sie zu sehn
Zu Ahr auf ihrem festen Haus:
Herr Gottschalk zähmte sich eine Maus.
Er machte sie zuletzt so zahm,
Daß sie spielend zu ihm kam,
Wenn er mit lockender Stimme rief.
Sie war ihm aus der Maßen lieb:
Sie kürzte den Gefangenen die Zeit
Und vertrieb ihnen Sorg' und Herzeleid.
Doch wie kein Tier so zahm noch ward,
Daß es abließ von seiner Art,
So eines Tags, da er zornig ihr rief,
Die Maus ihm in ein Loch entlief.
Er sprach: »Nun sind wir übel bericht':
Wir hatten andern Spielvogel nicht.
Meine Maus, die muß ich wieder haben.«
Da begann er nach der Maus zu graben;
Der Himmel gab ihm ein den Rat,
Gott wußte wohl, warum er's tat.
Er fand, was ihnen nützer war:
Als nach der Maus nur immerdar
Er grub mit seiner rechten Hand,
Eine scharfe schöne Feil' er fand,
Und einen Meißel obenein:
Zu Hand ließ er sein Graben sein.
»Ei Gott! du hast uns wohl bedacht,
Du zeigst uns heute deine Macht:
Sei, lieber Vater, gebenedeit!
Ihr Freund' und Vettern, allezeit
Laßt uns den Herrn im Himmel preisen:
Er will uns seine Hilf' erweisen.
Habt Mut, das Wagnis zu bestehn,
So sollt ihr frei von hinnen gehn.
Seht, was uns Gott zur Hilfe schickt:
Die Feile, die ihr hier erblickt,
Fand ich anstatt der Maus beim Graben:
Gott weiß wohl, was wir nötig haben.
Da Gott uns die hat zugesandt,
So laßt uns fliehen unverwandt.
Man gibt uns Wasser hier und Brot,
Lägen wir länger, wir wären tot;
Wir haben Gottes Hand gesehn,
So laßt uns heut' noch niedergehn.
Wir kennen wohl den Ziegenpfad,
Den laßt uns klimmen, sonst ist kein Rat,
Uns geleitet Gott und steht uns bei;
Nun sprecht, ob es eu'r Wille sei?«

Die einen wollten fahren, die andern bleiben,
Beides von Freunden und von Weiben.
Jene, die da fahren wollten,
Sprachen: da sie doch sterben sollten,
Sei's besser, das Abenteu'r bestanden
Als länger liegen in Haft und Banden.
Das Abenteuer kann gelingen,
Es kann auch Übeln Ausgang bringen;
Blieben wir aber in dieser Not,
Wir wären ohne Zweifel tot:
Drum, Freunde, laßt uns bald von hinnen:
So mögen wir lebend noch entrinnen.

Nun höret, wie Herr Gottschalk riet,
Dem Gott die schöne Feile beschied:
»Ihr Herrn, es wär' uns lästerlich,
Schied einer von dem andern sich.
Wir machen ein Los: auf wen es falle,
Dem sollen die andern folgen alle.«
Die Herren deuchte gut der Rat,
Sie griffen ungesäumt zur Tat.
Da machten sie ein Los von Holz:
Das fiel auf Herrn Gottschalk Overstolz.
Da zerschnitten sie die Leilachen
Und Mützen, Socken davon zu machen,
Die ein jeder über die Schuhe,
Um nicht auszugleiten, tue;
Denn gefroren war's und Schnee fiel schwer,
Drum scheuten sie das Gleiten sehr.
Die guten Ritter mußten sich eilen,
Einer half den andern ausfeilen:
Von mitten Tag bis an die Nacht
Feilten sie sich aus mit aller Macht.
Als sie die Leilachen dann
Verknüpft und jetzt die Fahrt begann,
Da ward Gott selber ihr Geselle:
Sie ließen sich auf die Kapelle,
Von der Kapelle zur Linde nieder;
Gen Ahre kamen sie nicht wieder.
Auch ward der Weg von Ahr sobald
Nicht mehr genommen nach dem Wald,
Den die gefangnen Kölner gingen,
Da sie an Stricken schwebend hingen:
Der gute Gott ließ sie genießen,
Daß sie sich ganz auf ihn verließen.

Da liefen sie hinauf zum Wald,
Und wollten sich nun scheiden bald;
Doch niemand wußte noch wohin:
Da hat ihnen Gott einen Rat verliehn.
Als sie sich weinend scheiden wollten,
Und niemand wußte, wohin sie sollten,
Der von der Schurge hub da an,
Mit Gott er seine Rede begann:
»Gott hat die heil'gen drei Könige gesandt
Ungefangen heim in ihr Land
Aus des Königs Herodes Händen:
Er mög' auch uns noch heute senden,
Wo wir mit Freuden dürfen bleiben,
Und mög' unsre Feinde von uns treiben.
Nun rat' ich dreifach uns zu teilen.« –

Die einen sah man gen Sinzig eilen,
Die andern den Weg auf Tomberg nahmen.
Von vieren nenn' ich euch die Namen:
Das war Herr Gerhard Overstolz,
Herr Daniel Jud, ein Ritter stolz,
Des Bruder Peter und Herr Kostin;
Die irrten lange her und hin
Durch Heid' und Busch, durch Moor und Torf,
Bis sie kamen gen Adendorf,
Wo auch ein freier Mönchshof stand,
Dem von der Aducht wohlbekannt.
Sie kamen in den Hof gegangen,
Und wurden freundlich dort empfangen
Von einem Bruder mit langem Barte,
Der dem Kloster den Hof verwahrte;
Er schrieb sich Bruder Herman.

Da hub derselbe Bruder an:
»Ihr Herrn, Gott sei gebenedeit,
Daß ihr hieher gekommen seid:
Ich will euch heute wohl verpflegen,
Zu Nacht auf gute Betten legen;
Ihr lagt wohl lange nicht mehr so.«
Sie dankten ihm und waren froh;
Nur ließ die Sorge sie nicht frei;
Daß man auf ihren Fersen sei.

Nun hört wie Bruder Herman sprach:
»Bleibt hier, ich schaff euch gut Gemach,
Auch stell' ich sichre Wächter aus,
Euch zu behüten, um Hof und Haus:
So mögt ihr eure armen Seelen
Zur Ruhe geben und Gott befehlen.«

Als es nun an den Abend kam,
Der Bruder ein Fäßchen Honnefer nahm
Und taufte sie daraus so gut,
Sie wurden fröhlich und wohlgemut.
Die Fesseln, die sie an den Beinen trugen,
Im Taumel sie sich niederschlugen,
Und ließen sie liegen dort und hier!
Doch das bekam ihnen übel schier.
Denn als sie des Morgens früh auf waren
Und gedachten ihres Wegs zu fahren,
Da sagten sie dem Wirte Dank
Und wähnten sich schon frei und frank;
Doch sieh, was ward der Mönch gewahr?
Zum Dorfe sprengten die von Ahr.

Da führte sie der Mönch behende
Durch seiner Scheuer Fachwerkwände
In den Hof eines armen Bauern.
Da hieß es aber zusammenkauern,
Denn er mußte dort die edeln Herren
In einen Käsekasten sperren.
Der Mönch fuhr wieder durch die Wand
Und hüllte sich in sein Mönchsgewand.

Als nun die Herren von Ahre kamen,
Und alles wohl in Obacht nahmen,
Da sahn sie, daß in der Stube lagen
Die Fesseln, die sie sich abgeschlagen.
Da half dem Bruder Leugnen nicht,
Sie sagten ihm ins Angesicht:
»Herr Mönch, sie sind zu Euch gekommen,
Wir haben's für gewiß vernommen;
Hier liegen unter Stuhl und Sesseln
Zum Wahrzeichen auch ihre Fesseln.
Wollt Ihr nun Ehr' und Gut behalten,
So dürft Ihr sie uns nicht Verhalten:
Und schafft Ihr sie uns nicht zur Hand,
So wird Euch Haus und Hof verbrannt.«

»Ihr Herren, sprach der Mönch, »bei Gott,
Heut' früh beim ersten Tagerot
Sind sie all' wieder fortgeeilt
Und meinten schon zu lang verweilt
Zu haben, denn ihre Furcht war groß,
Ihr wärt auf ihre Hetze los.
Sie fuhren weg und sagten mir nicht
Wohin sie wollten.« Doch dem Bericht
Mochten die Häscher nicht Glauben schenken,
Sie fuhren fort, ihn zu verdenken,
Und sagten, er halte sie verborgen:
Da kam er in große Not und Sorgen.
Doch was sie sprachen, was sie taten,
Wie sie ihm dräuten mit dem Spaten,
Er hielt sich steif auf seinem Wort,
Sie wären früh des Morgens fort.

Da suchten sie durchs ganze Haus
Und krochen durch das Loch hinaus
In des Nachbars Hof und sahn den Kasten:
Der schien zu klein für solche Lasten;
Wo aber Stroh lag oder Schanzen,
Da stießen sie durch mit Schwert und Lanzen.

Die Gefangnen hatten Angst und Not.
Vor Augen sahn sie den grimmen Tod,
Sie schwitzten auch, den Bären gleich;
An Worten waren sie nicht zu reich.
Doch als die Reiter wieder gingen
Hinaus mit unverrichteten Dingen,
Da wurden sie von Herzen froh.
Da erlöste Gott sie ebenso
Wie die drei Kinder im feurigen Ofen,
Und so begannen sie Gott zu loben.
Doch war es in dem Kasten heiß,
Sie verlangten sehr, der Himmel weiß,
Daß der Mönch, ihr Beschützer, käme
Und sie aus diesem Bade nähme.

Als jene nun hinweggeritten,
Gar fröhlich kam der Mönch geschritten,
Mit großen Freuden er sie entschloß;
Des ihrer keinen auch verdroß.
Doch sollt ihr wissen sonder Wahn,
Als der Kasten ward aufgetan,
Da raucht' es draus hervor so sehr
Als ob's ein glühnder Ofen wär'.
»Ihr Herrn,« begann der Mönch zu sagen,
»Nun macht euch auf gen Remagen.
Da laßt euch schiffen über Rhein,
Ihr mögt da drüben sichrer sein.«

So kamen sie gen Remagen
Am Abend vor unsrer Frauen Tage.
In eines Fischers Hütte nahmen
Sie Herberg', als sie spät ankamen,
Und aßen zu Nacht nur Wasser und Brot,
Auf daß ihnen aus aller Not
Maria hülfe. Als sie gegessen
Und wähnten, sie hätten verhohlen gesessen,
Da kam ein Verräter, der sie kannte
Und sie alle mit Namen nannte:
»Herr Gerhard, Ihr dürft Euch nicht entsetzen,
Ich will euch Herrn kein Glied verletzen;
Eurer armen Freunde bin ich einer:
Verraten darf euch hier wahrlich keiner.«

Herr Gerhard sprach: »Es soll Euch frommen,
Wenn Ihr uns helft hinweg zu kommen.«
Der Verräter sprach: »Glaubt mir aufs Wort,
Ihr seid nicht sicher an diesem Ort:
Ich bitt' euch heut' bei mir zu bleiben;
Die Zeit will ich euch wohl vertreiben.«
Sie sprachen: »Gut, wir wollen kommen,
Da wir Euern Willen vernommen.«
»So verzieht ein wenig, ich kehre beizeiten,
Ich geh' euch Herberg' zu bereiten.«

Nun hört was der Verräter tat:
Zu dem Richter ging er in die Stadt:
»Herr Richter, ich bin hergekommen,
Dreihundert Mark will ich Euch frommen;
Laßt Ihr mich dreißig Mark genießen,
Bring' ich Euch Pfand, Ihr mögt's verschließen.«
»Wohlan, bringst du das Pfand zu mir,
Die dreißig Mark, die geb' ich dir.«

»Gern, Herr, ich bring' Euch gleich das Pfand.«
Zu den vieren ging er allzuhand:
Wohlauf, ihr Herrn, laßt uns hindann!
Zieht eure Oberkleider an:
Euch mag hier Arges nicht geschehn,
Des sollt ihr euch zu mir versehn.«

Herr Gerhard Overstolz da sprach:
»Gott, der die Nacht und der den Tag
Allen Kreaturen hat zugut
Geschaffen, nimm uns in die Hut!
Und du, Maria, Mutter und Magd,
Durch die das Licht uns hat getagt,
Wirb uns zum Schild dein liebes Kind
Wider alle, die uns ungnädig sind;
So wahr er Mensch am Kreuze starb
Und uns des Vaters Huld erwarb,
So wahr es heut' dein Abend ist,
Und du des Sohns gewaltig bist,
So wahr erwirb uns aller Huld,
Die uns hassen ohne unsre Schuld!«

Die Herren der Verräter wies
In des Richters Haus, der Alef hieß:
Der hieß sie allzumal willkommen.
Sie sprachen: »Gott geb' Euch Heil und Frommen.«
Sie blieben und der Verräter ging;
Mit Freuden sie der Wirt empfing:
»Ihr sollt von Herzen fröhlich sein,
Ich helf' euch morgen über Rhein.
Der Verräter, der euch hergebracht,
Hatt' euch viel andres zugedacht:
Er wollt' euch mir verkaufen teuer;
Dafür wird ihm das ew'ge Feuer.
Er verriet euch mir um dreißig Mark;
Mich dünkt, die Forderung ist stark,
Da Gott selber, Jesus Christ,
Um dreißig Pfennige verraten ist.
Und Judas, sagt man, sich erhing,
Das war der Lohn, den er empfing:
Daß alle solchen Lohn empfingen,
Die wie Judas Verrat begingen!
Ihr seid hier sicher sicherlich,
Ihr tatet niemals wider mich:
Geht schlafen, Gott wird euch bewahren;
Ich lass' euch morgen überfahren.«

Und da es kaum zu tagen begann,
Der Richter ihnen ein Schiff gewann.
Wohl ging mit Eise hoch der Rhein:
Doch Maria wollte sie befrein,
Es war der himmlischen Königin Tag,
Die gern den Bittenden helfen mag.
Da kam sie und gebot dem Eis,
Daß es sich schied auf ihr Geheiß:
Sie fuhren durch gar unverletzt;
Doch hinter ihnen gingen jetzt
Die Schollen wieder hoch zu Haufen.
Die Verfolger wollten nicht ersaufen,
Drum ließ man sie in Frieden ziehn:
Das dankten sie Gottes Mutter, Marien.

K. S. [Karl Simrock] nach Meister G. Hagens Reimchronik.

72. Altenahr

Wo sie am höchsten ragen, die Felsen an der Ahr,
Da stand in alten Tagen das Schloß von Altenahr,
Und seine Türme schauten mit ihrer Kronen Rand
Gleich alten und ergrauten Königen weit ins Land.

Gleichwie von Neid geschwollen rauscht unten tief der Fluß,
Und seine Wasser rollen am jähen Felsenfuß,
Als wollt' er unternagen das Schloß und brechen ein:
Doch trotzt mit festen Lagen das mächtige Gestein.

Einst hub ein ander Streiten sich dort von wildrer Art,
Da kam von allen Seiten viel Kriegsvolk, wohlgeschart.
Die Bischöf' und die Fürsten stehn haßerfüllt voran,
Den Mann voll Freiheitsdürsten, den Burgherrn einzufahn.

Doch ragt der Fels, der wilde, und bietet guten Schutz,
Die Mauern sind wie Schilde, sie stehn in stolzem Trutz.
Der Feind liegt Tage, Wochen, viel Monde, manches Jahr,
Der Mut ist schier gebrochen, zerronnen fast die Schar.

Einst sprengt beim Morgenstrahle der Graf auf hohem Roß
Gewappnet ganz im Stahle zum höchsten Wall vom Schloß.
Sein Blick, der lang' getrübet, erglüht wie Sonnenschein,
Der Ruf, lang' ungeübet, dröhnt laut ins Tal hinein.

»Sieh auf dem letzten Rosse, o Feind, den letzten Mann,
Von allen die im Schlosse euch Böses angetan.
Dem Weib, den Söhnen allen gab Krankheit herben Tod,
Es fielen die Vasallen in jäher Hungersnot.

Und sind sie nicht gestorben in ehrenvollem Streit,
Sie haben doch erworben der Freiheit Herrlichkeit.
Frei will auch ich denn sterben, wie ich im Leben war,
Denn Knechtschaft ist Verderben und schändet immerdar.«

So hat der Greis gerufen und blickt zum Himmel auf,
Treibt auf den Felsenstufen das Roß zu wildem Lauf,
Stürzt von der Höhe rasselnd, rollt über das Gestein
Bis in die Flut, die Prasselnd schlingt Roß und Reiter ein.

Wie das die Feinde schauen, erfaßt sie Schreck und Graus,
Sie fliehn des Toten Gauen und ziehen stumm nach Haus;
Das Schloß sank auf den Höhen schon längst ein Raub der Zeit,
Nur noch zwei Türme stehen zum jähen Sturz bereit.

Doch lebt die alte Kunde noch stets im Volke fort,
Sie geht von Mund zu Munde, sie geht von Ort zu Ort,
Und lehrt das Volk, daß Sterben wie Männer frank und frei
Viel besser als Verderben in schlimmer Knechtschaft sei.

Wolfgang Müller.


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