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Lüftelberg

54. St. Lufthildis

Lufthilde war schön, Lufthilde war rein,
Lufthilde das Mädchen vom Berge;
Auch floß ihr der Faden so gleich und fein,
Als hülfen ihr heimlich die Zwerge.
Und was sie erspinnen mocht' und erweben,
Das freute sie, Witwen und Waisen zu geben.

Da kam der Karl, der Kaiser, vom Schloß,
Das Wild um den Tomberg zu birschen.
Und als er vom Roß nach dem flüchtigen schoß,
Ihn traf das Gehörne des Hirschen.
Da begann ihm das Blut, das teure, zu quillen:
Das mochten ihm alle die Ärzte nicht stillen.

Die Jäger weinten, sie sahen mit Leid
Den frommen Kaiser verbluten:
»Lusthilden beruft, Lufthilde die Maid,
Und danket das Leben der Guten.
Nie sind wir trostlos von ihr geschieden:
Schon ihr Blick, ihr Wort gibt himmlischen Frieden.«

Dem glaubte der Kaiser, ihm zugeführt
Lufthilden sah man zur Stunde.
Und wie mit der Spindel die Magd ihn berührt,
Gleich schließt sich vernarbend die Wunde.
Der Kaiser sprach: »Wie soll ich dir lohnen
Den Zauber? er muß in der Spindel dir wohnen.

Sie rühmen, daß du der Armut gibst,
Was die segnende Spindel gewonnen.
So ist dir wohl oft, die Wohltun liebst,
Zu früh die Habe zerronnen.
Drum will ich zu steuern dir nicht vergessen:
Die Spindel soll dir die Gabe bemessen.

Mir winkt der Schlummer, das nutze du
Mit der Spindel die Erde zu ritzen,
Und was du umfurchtest in meiner Ruh',
Das sollst du zu eigen besitzen.
Der Wald und der Acker, er soll dir gehören;
Ich lege mich schlafen und will dich nicht stören.«

Da saß zu Roß Lufthildis und ließ
Die Spindel hinter sich schleifen.
Sie zwang den Gaul, den die Ferse stieß,
Ihr weitesten Raum zu umgreifen.
So groß war der Wald, den die Spindel umpflügte,
Daß er wohl städtischem Weichbild genügte.

Da gab ihr der Kaiser zum Klosterbau
Den Berg mit Wäldern und Wiesen.
Da wohnte die hohe, die herrliche Frau
Vom Volke verehrt und gepriesen.
In Lüftelberg, das die Spindel errungen,
Wird heute der Heiligen Lob noch gesungen.

K. S. [Karl Simrock]


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