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Sooneck

Burg Sooneck

99. Der blinde Schütz

Keck raget Sooneck oben; drin zecht ein Ritterkreis,
Sie trinken, singen, toben, sie prahlen wirr und heiß:
Wer wohl beim Stechen, Schlagen, beim Reiten im Turnei,
Wer wohl als Schütz beim Jagen der beste Ritter sei.

Da lallt der Burgherr trunken: »Ihr Herrn, ich seh' kein Heil
In euerm eiteln Prunken; ich weiß den besten Pfeil.
Auf vielen hundert Stunden war er der Jäger Schreck:
Ich hab' ihn überwunden, den Schütz von Fürsteneck.

Und bis er einst verendet, rührt er nicht Schwert und Spieß,
Er schmachtet mir geblendet im tiefsten Burgverlies.
Doch waget nur, ihr Stolzen, ich wette hoch und viel,
Der Blinde schießt den Bolzen ins aufgesteckte Ziel.«

Da schallt ein wildes Schreien, ein Klatschen Hand in Hand,
Bis zwischen zwei und zweien der Preis der Wette stand.
Dann gibt der Herr ein Zeichen: die Diener sehen's kaum,
So holen sie den Bleichen aus düsterm Kerkerraum.

Er tritt zum wüsten Kreise, ein wunderbares Bild,
In einfach edler Weise, in Schönheit jung und mild.
Umstarrt von Kettenringen, beraubt der Augen Schein,
Will ihn der Burgherr zwingen zum Schuß; doch spricht er nein.

Und jener droht mit Zwange, mit Folter und mit Tod,
Und auf des Blinden Wange erglüht ein leises Rot:
»Gott laß es mich erreichen, wohlan, ich wag' es schon!
Gebt für den Pfeil das Zeichen, wohin ihr's steckt, den Ton.«

Und sieh, zum Boden klinget ein Becher: »Schieß jetzund!«
Der Burgherr spricht's, da dringet ein Pfeil ihm in den Mund,
Durchbohrt das Hirn inmitten, ein Blutstrom quillt hervor,
Sein Leben ist zerschnitten, er sinkt dahin, der Tor.

Der Kreis der Ritter zittert und angstvoll starrt ihr Blick;
Denn jeden hat erschüttert das plötzliche Geschick.
Nur Röcheln klinget wieder, der Blinde horchet zu,
Er senkt die Armbrust nieder; nun hat der Wütrich Ruh'.

Wolfgang Müller.


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