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Mummelsee

172. Mummelsee

Im Mummelsee, im dunkeln See,
Da blühn der Lilien viele,
Sie wiegen sich, sie biegen sich,
Dem losen Wind zum Spiele;
Doch wenn die Nacht herniedersinkt,
Der volle Mond vom Himmel blinkt,
Entsteigen sie dem Bade
Als Jungfern ans Gestade.

Es braust der Wind, es saust das Rohr
Die Melodie zum Tanze;
Die Lilienmädchen schlingen sich
Von selbst zu einem Kranze;
Und schweben leis umher im Kreis,
Gesichter weiß, Gewänder weiß,
Bis ihre bleichen Wangen
Mit zarter Röte prangen.

Es braust der Sturm, es saust das Rohr,
Es pfeift im Tannenwalde,
Die Wolken ziehn am Monde hin,
Die Schatten auf der Halde;
Und auf und ab durchs nasse Gras
Dreht sich der Reigen ohne Maß,
Und immer lauter schwellen
Ans Ufer an die Wellen.

Da hebt ein Arm sich aus der Flut,
Die Riesenfaust geballet,
Ein triefend Haupt dann, schilfbekränzt,
Von langem Bart umwallet,
Und eine Donnerstimme schallt,
Daß im Gebirg' es widerhallt:
»Zurück in eure Wogen,
Ihr Lilien ungezogen!«

Da stockt der Tanz; die Mädchen schrein
Und werden immer blässer.
Der Vater ruft: »Puh! Morgenluft!
Zurück in das Gewässer.«
Die Nebel steigen aus dem Tal,
Es dämmert schon der Morgenstrahl,
Und Lilien schwanken wieder
Im Wasser auf und nieder.

A. Schnetzler.

173. Mummelsees Rache

Glatt ist der See, stumm liegt die Flut
So still, als ob sie schliefe,
Der Abend ruht wie dunkles Blut
Rings auf der finstern Tiefe;
Die Binsen im Kreise nur leise
Flüstern verstohlenerweise.

»Wer schleicht dort aus dem Tannenwald mit scheuem Tritte her?
Was schleppt er in dem Sacke nach so mühsam und so schwer?«
Das ist der rote Dieter, der Wilderer benannt,
Dem Förster eine Kugel hat er durchs Herz gebrannt;
Jetzt kommt er in die Wogen den Leichnam zu versenken;
Doch unser alter Mummler läßt so was sich nicht schenken.

Der Alte hat gar leisen Schlaf, ihn stört sogar ein Stein,
Den man vielleicht aus Unbedacht ins Wasser wirft hinein:
Dann kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf,
Und flieht nicht gleich der Wandrer mit blitzgeschwindem Lauf,
So muß er in den Fluten als Opfer untergehen,
Kein Auge wird ihn jemals auf Erden wiedersehen.

Da steht der Frevler an dem See, wirft seine Bürde ab
Und stößt hinab mit einem Fluch den Sack ins nasse Grab:
»Da, jage du nun Fische da drunten in dem See;
Jetzt kann ich ruhig jagen im Forste Hirsch und Reh,
Kann mich nun ruhig wärmen an deines Holzes Gluten,
Du brauchst ja doch kein Feuer da drunten in den Fluten.«

Er spricht's und will zurück, doch hält ein Dorngestrüpp ihn an,
Und immer fester zerrt es ihn mit tausendfachem Zahn:
Da kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf,
Dumpf rollt ob dem Gebirge der Donner seinen Lauf;
Der See steigt übers Ufer, es glühn des Himmels Flammen,
Und hoch schlägt über dem Mörder die schwarze Flut zusammen.

Stumm liegt die See, als ob die Glut
Der Rache wieder schliefe,
Glatt ist die Flut, im Mondschein ruht
Die unermeßne Tiefe –
Die Binsen im Kreise nur leise
Flüstern verstohlenerweise.

A. Schnetzler.


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