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Andernach

77. Die Andernacher Bäckersjungen

Die Andernacher schlafen lange:
Im Schlafe schlägt man keinen tot;
Doch vor den Linzern weicht ihr bange
Zur Seite, weil euch Totschlag droht.

Einst hatte zwischen Andernachern
Und Linzern lange Krieg getobt:
Ihr wißt, daß mit den Widersachern
Noch heut' kein Mädchen sich verlobt.

»Gesegnen wir's den Siebenschläfern,«
Hieß es zu Linz beim Morgenschein.
»Wohlauf, so soll den faulen Schäfern
Das letzte Brot gebacken sein.«

Die Rechnung ohne Wirt zu machen,
Das widerrät ein altes Wort.
Denn wenn auch alles schläft, so wachen
Die Bäcker doch am faulsten Ort.

»Den Bäckern dürfen wir vertrauen:
Sie stehn das Brot zu backen auf:
Wenn sie den Feind von fern erschauen,
So wecken sie uns in den Kauf.«

Hiebei blieb eins nur unerwogen:
Daß Bäcker auch und Bäckerskind
Nicht aus der Ferne hergezogen,
Nein, selber Siebenschläfer sind.

Wenn sie das Brot gebacken haben,
So liegen sie davor gestreckt
Am Morgenschlummer sich zu laben,
Wenn schon der Feind die Zähne bleckt.

Den Linzern wär' der Streich gelungen,
Sie äßen Andernacher Brot,
Wenn nicht zwei fremde Bäckersjungen
Den Meistern halfen aus der Not.

Sie waren auf den Turm gelaufen
Und standen frischen Honigs satt:
Da sahen sie der Linzer Haufen,
Der überrumpeln will die Stadt.

Doch als sie jetzt ans Stadttor rucken,
Was war der Bäckersknaben Gruß?
Die Bienenkörb' in tausend Stücken
Schleudern sie ihnen vor den Fuß.

Da stechen ungezählte Summer,
Und hundert töten einen Mann:
Gewiß, da zog die beste Nummer
Wer noch mit heiler Haut entrann.

Die Jungen zerren an den Glocken,
Aufstehn die Andernacher Herrn:
Sie finden in die Milch zu brocken,
Doch keinen Feind mehr nah und fern.

»Wir hatten trefflich uns gebettet:
Ja, solche Wacht empfahl Vernunft;
Und hat kein Bäcker uns gerettet,
So tat's die junge Bäckerzunft.«

Kommt ihr ins Tor, ihr seht inwendig
Noch heut' die Bäckersjungen stehn.
Und halten sie die Wacht beständig,
Kein Linzer läßt sich leicht mehr sehn.

K. S. [Karl Simrock]


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