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Elsaß und Breisgau

192. Die blinde Ottilia

Ottilia war blind geboren;
Ihr Vater war ein gar grimmiger Mann,
Er ließ ein Fäßchen binden, ja binden.

Er schlug dem Fäßchen einen Boden ein,
Und warf die arme Ottilia hinein,
Er warf sie in das Wasser, ja Wasser.

Sie schwamm drei Nächt' und auch drei Tag',
Sie schwamm der Mühle wohl unter das Rad;
Das Rad, das steht ja stille, ja stille.

Die Mühle will nicht ums Mühlrad gehn:
»Ach Gott! was ist an meiner Mühle geschehn.
Die Mühle steht ja stille, ja stille.«

Der Müller, der lief wohl zum Mühlenrad,
Und als er die arme Ottilia sah,
Da zog er sie aus dem Wasser, ja Wasser.

Der Müller erzog sie bis zwanzig Jahr,
Bis daß Ottilia ein wackres Mädchen war,
Da ging sie über die Straße, ja Straße.

Da sagten alle die Bürgersleut',
Ottilia wär' ein gefundenes Kind,
Gefunden in dem Wasser, ja Wasser.

»Jetzt will ich nicht mehr heißen gefundenes Kind,
Viel lieber will ich suchen meinen Vater geschwind,
Meine Mutter will ich beweinen, ja beweinen.«

Sie kniete sich auf einen Marmelstein,
Sie kniete sich Löcher in ihre Bein'
Und betete für ihren Vater, ja Vater.

Und als sie nun recht im Beten war,
Da stand der höllische Satan da,
Der hatt' ihren Vater auf dem Rücken, ja Rücken.

Das wird nicht geschehen mehr mein Lebenstag,
Daß ein Kind seinen Vater erlöset hat
Aus den höllischen Flammen, ja Flammen.

Volkslied.

193. Legende von der heiligen Odilie

Herrn Attich mühten Unmut und Verdruß.
Wohl hatt' er Ehr' und Macht und Überfluß,
Dazu war ihm ein holdes Weib beschieden;
Doch eins gebrach zu seines Herzens Frieden
Der Vaterfreuden zärtlicher Genuß.

Da wandt' er sich zum Himmel im Gebet:
»Und wenn mein Wunsch noch in Erfüllung geht,
Und du mir gönnst der holden Leibeserben,
In deinem Dienste leben soll und sterben
Das Kind, das ich so brünstig mir erfleht.«

Da ward ihm Vaterfreude bald gesandt,
Doch nahm der Himmel voraus sich ein Pfand,
Leicht hätt' er sonst das Töchterlein verloren:
Mit blinden Augen ward's zur Welt geboren
Und in der Tauf' Odilie genannt.

Zu aller Augen Lust hervorgebracht,
Doch deckte seine Finsternis und Nacht.
Das ließ die Eltern nicht ihr Glück genießen.
Sie hofften noch, sie sollten sich erschließen:
Zu schaun die Welt und ihrer Farben Pracht.

Man rühmte viel dem Kind die Herrlichkeit,
Der Auen Reiz im grünen Frühlingskleid,
Der Rose Schein, der Rebe Laubgehänge,
Die Sonnenglut der Auf- und Niedergänge,
Und wie ein Baum mit Blüten sich beschneit.

So ward sie früh des Triebes sich bewußt,
Zu wissen um des höchsten Sinnes Lust,
Das Wunderbild der Welt in sich zu saugen,
Das Licht zu trinken mit dem Kelch der Augen,
Der Wunsch erfüllte ganz die junge Brust.

Nun war die Jungfrau wonniglich erblüht,
Da rang in Sehnsucht mächtig ihr Gemüt,
Zum Himmel flehend wandte sich die Blinde:
Da riß, o Wunder, ihrer Augen Binde,
Vom Strom des Lichtes ward sie übersprüht.

Sie sah nun alle Herrlichkeit der Welt,
Das Farbenspiel im Garten und im Feld.
Des Vaters Freude war nicht zu ermessen;
Nur des Gelübdes hätt' er gern vergessen:
Gemahnt' es ihn, war all sein Glück vergällt.

Doch unbefriedigt fühlt die Jungfrau sich:
»Viel schöner sah ich alles innerlich,
Viel glühender die Morgenröte glänzen,
Den Frühling sich viel lieblicher bekränzen;
Es noch zu schaun, mein Auge, schließe dich.«

Manch seltnes Schauspiel ward ihr vorgeführt,
Doch alle Schönheit ließ sie ungerührt,
Viel höhre Reize sah sie vor sich schweben:
»Sie sind kein Traum, es muß ihr Urbild leben,
Wird auch ihr irdisch Gleichnis nicht verspürt!«

Sie ward nur froh, wenn sich ihr Auge schloß,
Dann kam ein lichter Schein, der sie umfloß,
Drin stieg der ganze Himmel zu ihr nieder:
Da glänzte so der Engel bunt Gefieder,
Daß Lust sich ihr durch alle Sinne goß.

Der Vater sprach von ihrem Bräutigam;
Wie schreckte sie das Wort, das sie vernahm!
»Du hast mich einem Bräutigam geschworen,
Der hat mich mich zur Braut sich auserkoren:
Noch gestern war es, daß er zu mir kam.

Er ist so schön, so lautern Angesichts,
Glut strahlt sein Blick des reinsten Sonnenlichts,
Kein Maler mag ein holder Bildnis malen:
O sähst du ihn in Himmelsschöne strahlen,
Gestündest du, auf Erden gleicht ihm nichts.

Der ist mein Bräutigam, ich bleib' ihm treu,
Er wird nicht alt, ist ewig jung und neu.
Den Himmel schenkt er mir zur Morgengabe;
Es ist dein Gott, den ich erkoren habe,
Ihn zu erzürnen, Vater, hege Scheu!«

K. S. [Karl Simrock]


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