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Brauweiler bei Köln

32. Das Schachspiel

Der dritte der Ottonen war erst drei Winter alt,
Da trug er schon der Kronen und Ehren mannigfalt.

Hieß König deutschen Landen, Schirmherr der Christenheit,
Viel edle Völker standen um seinen Thron gereiht.

Beim Spiel mit Pfalzgraf Ezzo, ein Knabe früh gereift,
Beim Schachspiel spricht er jetzo, eh' er zum Zuge greift:

»Drei Spiele laß uns spielen, seit Monden spiel' ich sie,
Und spielte schon mit vielen und traf den Meister nie.

Kannst du mich dreimal schlagen, gewinnen Spiel um Spiel,
Will ich dir nichts versagen und war' es noch so viel.

Das liebste Pfand erdenke, wonach das Herz dir ringt,
Wie gern ich dir es schenke, wenn mich dein Spiel bezwingt!«

Da schlug das Herz dem Grafen, er wußt' ein liebes Pfand,
Gar selten ließ ihn schlafen, daß es so hoch ihm stand.

Herrn Otto saß zu Essen sein Schwesterlein Mathild,
Die konnt' er nicht vergessen, noch sie des Jünglings Bild.

Erwerben nimmer mocht' er als ein geringer Graf
Die edle Königstochter, das scheucht' ihm so den Schlaf.

Zwar darf er jetzt nicht trauern, denn Hoffnung ist genug:
Der König schiebt zwei Bauern voran im ersten Zug.

Doch nimmt vielleicht die Stunde sein Glück, sein Leben hin;
Da zog er aus dem Grunde hervor die Königin.

Er hätte gern geblutet für sie im Schlachtensturm,
Da raubt' er unvermutet dem König seinen Turm.

Für sie dem kühnsten Raufer sich in den Weg gestellt;
Da nahm er auch den Laufer und rückt' ihm scharf ins Feld.

Für sie im tiefsten Zwinger erlitten Ungemach;
Da schlug er gar den Springer und bot ihm Schach auf Schach.

Doch Glück im Spiel zu hoffen, geziemt es wohl dem Mann?
Der König sieht betroffen, daß er nicht weiter kann.

»So wär' ein Spiel gewonnen, doch ach, drei Spiele sind
Bedungen, unbesonnen ist Otto nicht, das Kind.

Er ließ mich eins gewinnen und schon gewann ich zwei,
Bald aber werd' ich innen, daß er der Stärkre sei.«

Da dacht' er an Mathilde: das Mädchen spielte mit,
Er sah in jedem Bilde sein Lieb, um das er stritt.

Sie focht auf seiner Seite und riet ihm klug und schlau,
Bis er zuletzt im Streite gewann die schönste Frau.

»Nun hast du mich geschlagen, dreimal, und Spiel um Spiel,
Ich darf dir nichts versagen und wär' es noch so viel.

So wähle denn und nenne wonach das Herz dir rang,
Das liebste Pfand bekenne: wie zauderst du so lang'?« –

»Ich trau' es nicht zu nennen, es ist ein teurer Preis,
Die Lippen zittern, brennen, mich schaudert's kalt und heiß.

Daß ich verwegen zielte, Herr, kannst du mir verzeihn?
Das Pfand, um das ich spielte, sie war's, die Schwester dein.

Im Kloster dort zu Essen einst sah ich sie, Mathild,
Und ewig unvergessen ist mir das liebe Bild.

Wenn nicht die Blicke trogen, die mir so viel gesagt,
So ist auch mir gewogen die kaiserliche Magd.«

Herr Otto sprach: »Ich lerne von dir, aus Spiel wird Ernst,
Drum, Ezzo, seh' ich gerne, daß du von mir auch lernst.

Es heißt, ein Wort ein Siegel, zumal aus Königsmund:
Du aller Ritter Spiegel, ist dir der Spruch nicht kund?

Viel ist's, was wir dir schulden, nicht heut' erst, lange schon,
Du mußtest dich gedulden, nun endlich reift der Lohn.

Weißt du doch, wo sie wohnet: so hole dir die Braut,
Verschwiegner Minne lohnet sie künftig frei und laut.

Doch höre, vor der Muhme Äbtissin hüte dich,
Sie läßt nicht gern die Blume: was gilt's, sie weigert sich?

Doch muß dich das nicht irren, du hast ja unser Wort:
Kannst du das Täubchen kirren, frisch, Habicht, führ es fort.«

Da spornt' er seinen Braunen und ließ ihm selten Ruh':
»Das Glück hat Rosenlaunen, es lacht mir Rosen zu.«

Vor eines Klosters Pforte dräut' er dem Pförtner schwer:
»Nun ruft zu einem Worte mir die Äbtissin her.«

Da kam St. Adelheide, mit ihr das Mägdelein:
»Euch Frauen lad' ich beide zu einer Hochzeit ein.« –

»Ist er auch hohen Standes, und die ihm wird getraut?« –
»Ein Pfalzgraf dieses Landes, Mathilde heißt die Braut.« –

»Wo denkt Ihr hin? Bewahre! die kaiserliche Maid,
Sie zählt erst vierzehn Jahre und ist dem Herrn geweiht.

Wer hat Euch das geraten, so hoch hinaus zu schaun?
Dem reichet Hack' und Spaten und heißt ihn Weißkohl baun.

Wird dieser Stab erblühen von dürrem Maulbeerholz,
Dann fruchten Eure Mühen um dieses Fräulein stolz.« –

»Gebt mir den Stab! Nur Wahres spricht einer Heil'gen Mund,
Der Krummstab offenbar' es, ich Pflanz' ihn in den Grund.

Bald wird er Blüten regnen und wiegen süße Frucht,
So woll' auch Gott uns segnen mit lieber Kleinen Zucht.

Noch von dem Hochzeitsfeste vernehmt, zu dem ich lud,
Brauweiler heißt die Feste, wo Lieb' bei Liebe ruht.

Der König hat's befohlen, auch sprach die Kaiserin:
Geh dir die Braut nur holen, du bist nach meinem Sinn.

Die mir nun Glauben schenket, die schwingt sich aus mein Pferd,
Und die mich Lugs verdenket, wird morgen wohl bekehrt,«

Da glaubt' ihm gern die Junge und schwang sich freudig auf,
Mit manchem hohen Sprunge entstob das Roß im Lauf.

Zu Brauweiler klangen die Glocken hell und klar,
Da wurde schön empfangen und schön vermählt das Paar.

Als zu des Altars Stufen sie traten nach dem Brauch,
Da hatte man berufen die Frau Äbtissin auch.

»Laß uns den Stab nun pflanzen der heil'gen Adelheid,
Und einen Reigen tanzen, damit er frisch gedeiht.«

Sie schwangen sich behende wohl um den Stab im Kreis:
Da trieb am andern Ende hervor ein grünes Reis.

Bald sah man Blüten regnen, sich wiegen süße Frucht;
So wollt' auch Gott sie segnen mit lieber Kinder Zucht.

Im Brauweiler Garten noch grünt der Maulbeerbaum,
Des Baumes soll man warten, geheiligt ist der Raum.

Nie wird er ganz verdorren; einst trocknete der Stamm,
Da küßte bei dem Knorren sich Braut und Bräutigam:

Gleich hat es in den Sprossen der Wurzel sich geregt,
Ein Baum ist aufgeschossen, der wieder Früchte trägt.

Es rauscht in seinen Zweigen und flüstert Liebeslust,
Und hehre Schauer steigen empor in jeder Brust.

Was unter seinem Laube gelobt ein liebend Paar,
Vertraue, Freund, und glaube, dereinst noch wird es wahr.

K. S. [Karl Simrock]


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