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Taunus

131. Herr von Falkenstein

Es ritt der Herr von Falkenstein
Wohl über eine breite Heide.
Was sieht er an dem Wege stehn?
Ein Mädel mit weißem Kleide.

»Wohinaus, wohinaus, du schöne Magd?
Was macht Ihr hier alleine?
Wollt Ihr dies Jahr mein Feinslieb sein,
So reitet mit mir heime.« –

»Mit Euch heimreiten, das tu' ich nicht,
Kann Euch doch nicht erkennen.«
»Ich bin der Herr von Falkenstein
Und tu' mich selber nennen.«

»Seid Ihr der Herr von Falkenstein,
Derselbe edle Herre,
So will ich Euch bitten um'n Gefangnen mein;
Den ich will haben zur Ehe.«

»Den Gefangnen mein, den geb' ich dir nicht,
Im Turm muß er vertrauern.
In Falkenstein steht ein tiefer Turm
Wohl zwischen zwei hohen Mauern.«

»Steht zu Falkenstein ein tiefer Turm
Wohl zwischen zwei hohen Mauern,
So will ich an den Mauern stehn
Und will ihm helfen trauern.«

Sie ging den Turm wohl um und wieder um:
»Feinslieb, bist du darinnen?
Und wenn ich dich nicht sehen kann,
So komm' ich von meinen Sinnen.«

Sie ging den Turm wohl um und wieder um,
Den Turm wollt' sie aufschließen:
»Und wenn die Nacht ein Jahr lang wär',
Keine Stund' tät mich verdrießen!

Ei dürft' ich scharfe Messer tragen
Wie unsers Herrn seine Knechte,
Ich tät mit'm Herrn von Falkenstein
Um meinen Herzliebsten fechten!« –

»Mit einer Jungfrau fecht' ich nicht,
Das wär' mir ewig Schande!
Ich will dir deinen Gefangenen geben,
Zieh mit ihm aus dem Lande!« –

»Wohl aus dem Lande, da zieh' ich nicht,
Hab' niemand was gestohlen:
Und wenn ich was hab' liegen lahn,
So darf ich's wieder holen.«

Volkslied.

132. Der Weg zum Falkenstein

Traurig empor zum Falkenstein
Schaut ein Ritter im Abendschein.
War einst der Kühnste vor Saladins Heer,
Schwang mit Gesang den deutschen Speer;
Aber nun klagt er: »Alles dahin,
Einsam muß ich von dannen ziehn!

Fluch dir da droben, du falscher Wicht,
Gabst mir die Tochter und gabst sie nicht!
Soll diese Felsen mit menschlicher Macht
Ebnen zum Weg in einer Nacht –
Ja! könnt' ich hexen und zaubern gar,
Diente von Zwergen mir eine Schar!« –

»Kuno von Sain, Kuno von Sain!«
Tönt eine Stimme hell und fein,
»Schwör's zu verschütten den Silberschacht,
Den deine Knappen im Tal gemacht:
Morgen dann reitst du zu deiner Braut
Über die Felsen, der Weg ist gebaut.« –

Kuno von Sain ein Ritter war,
Aber leise sträubt sich sein Haar;
Langsam hat er das Haupt gewandt
Und schlägt drei Kreuze mit kalter Hand.
Denn ein Knappe, drei Spannen lang,
Steigt empor aus verschüttetem Gang.

War schon ein Männlein weiß und alt,
Mit langem Bart und verschrumpfter Gestalt;
Aber die Augen glänzten ihm hell,
Schien auch sonst ein guter Gesell:
Hatte nicht Pferdefuß noch Schweif,
Und war gepudert mit silbernem Reif.

Als da Kuno den Schwur getan,
Hebt tief unten ein Poltern an:
Aus allen Spalten und Ritzen dringt's,
Aus allen Felsen hämmert's und klingt's,
Der alte Taunus widerhallt,
Und Nebel umhüllen Berg und Wald.

Dem Ritter graut's – doch niemand sieht
Wie schnell er in seine Burg entflieht:
Von Hoffen und von Fürchten krank
Vergißt er selbst den Abendtrank;
Bleich lauscht er in der Sturmesnacht
Und betet bis der Tag erwacht.

Nun schaut er aus und lobet Gott,
Denn der Weg ist gebahut, es war kein Spott;
Da schwingt er sich jubelnd auf sein Roß,
Und reitet hinauf ans Taunusschloß:
Hier bin ich, Ritter von Falkenstein,
Und nun Schön Irmgard auf ewig mein!

A. v. Stolterfoth.

133. Drusus' Tod

Drusus ließ in Deutschlands Forsten
Goldne Römeradler horsten,
An den heil'gen Göttereichen
Klang die Axt mit freveln Streichen.

Siegend fuhr er durch die Lande,
Stand schon an der Elbe Strande,
Wollt' hinüber jetzt verwegen,
Als ein Weib ihm trat entgegen.

Übermenschlich von Gebärde
Drohte sie dem Sohn der Erde:
»Kühner, den der Ehrgeiz blendet,
Schnell zur Flucht den Fuß gewendet!

Jene Marken unsrer Gauen
Sind dir nicht vergönnt zu schauen,
Stehst am Markstein deines Lebens,
Deine Siege sind vergebens.

Säumt der Deutsche gerne lange,
Nimmer beugt er sich dem Zwange,
Schlummernd mag er wohl sich strecken,
Schläft er, wird ein Gott ihn wecken.«

Drusus, da sie so gesprochen,
Eilends ist er aufgebrochen,
Aus den Schauern deutscher Haine
Führt er schnell das Heer zum Rheine.

Vor den Augen sieht er's flirren,
Deutsche Waffen hört er klirren,
Sausen hört er die Geschosse,
Stürzt zu Boden mit dem Rosse.

Hat den Schenkel arg zerschlagen,
Starb den Tod nach dreißig Tagen.
Also wird Gott alle fällen,
Die nach Deutschlands Freiheit stellen.

K. S. [Karl Simrock]


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