Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Murgtal

167. Brauthemd und Totenhemd

Zu Eberstein im Schlosse, solang' der Burgvogt wacht,
Da drehen sich und weisen die Spindeln in der Nacht,
Die armen Mägde nicken, die Müdigkeit bezwingt,
Und fahren auf erschrocken, wenn fern ein Pförtlein erklingt:

»Der Vogt! der Vogt! wie ist doch der Vogt ein harter Mann!
Wir haspeln ihm und spinnen zugleich, was niemand kann,
Wär' nicht das Rockenweibchen, wir selber könnten's nicht;
Doch schilt er immer, gönnet uns nie ein freundlich Gesicht.

Das Rockenweibchen half uns mit manchem glatten Strang,
Auch kann sie schöne Märchen erzählen nächtelang,
Von Elben und von Zwergen und von Frau Hollas Reich:
Da füllen sich die Spulen, die Fäden fließen fein und gleich.«

Zu Eberstein im Schlosse dient eine arme Magd,
Die hätte sich dem Gärtner, dem schlanken, nicht versagt;
Doch wird der Vogt dem Pärchen gestatten Eheglück?
Wie oft sie ihn beschworen, ein Nein scholl immer zurück.

Einst schien er guter Laune, das merkt schön Klärchen sich,
Den Weigernden bestürmend mit Bitten flehentlich.
Da führt er sie ans Fenster und fragt mit bitterm Hohn:
»Kennst du das Grab da drüben?« Die Arme sprach: »Ich kenn' es schon:

Das Grab ist meiner Eltern, ist meiner Mutter Grab.«
Und helle Tränen hüpften die Wangen ihr herab.
»Wie kann sich's besser fügen?« versetzt der arge Vogt,
»Gehst du nicht um mit Lügen, wie ihr mich öfter belogt,

So wächst dir aus dem Grabe das Glück durch deinen Fleiß.« –
»Nur Nesseln seh' ich wachsen und blühen rot und weiß.«
»Schon recht, aus diesen Nesseln, wenn du es recht beginnst,
Läßt sich ein Faden drehen, ein wundersames Gespinst.

Doch Tränen müssen rinnen, daß du den Faden tränkst,
Die wirst du wohl gewinnen, wenn du der Eltern denkst.
Dann web aus diesen weißen das Totenhemd für mich,
Und aus den roten magst du das Brauthemd weben für dich.

Bist du erst Frau, das Spinnen ist dann auf einmal aus,
Dann kommen andre Sorgen für Tisch und Bett und Haus.
Drum sollst du mir erst weben die beiden Hemden fein;
Eh' ich die fertig sehe, geb' ich den Willen nicht drein.«

So ging er hohnlachend von der bestürzten Maid,
Die fand sich kaum die Stufen herab in Herzeleid.
Da kam sie zu dem Grabe an Hoffnung ganz verarmt,
Sie warf sich hin mit Schluchzen, es hätt' ein Stein sich erbarmt.

Und als die Sterne blinkten vom tiefen Himmelsdom,
Noch lag sie auf den Knieen, noch floß der Tränen Strom.
Da fühlt' sie sich die Stirne berührt von sanfter Hand:
Das war das Rockenweibchen, das freundlich neben ihr stand.

»Geh heim, du arme Dirne, geh und vertraue mir;
Dir soll geholfen werden: die Hemden spinn' ich dir.«
Da raufte sie die Nesseln und fügte Hauf zu Hauf,
Dann lief sie schnellen Schrittes den Rockenfelsen hinauf.

Nun sah man alle Morgen dort überm Bett der Murg
Das Rockenweibchen sitzen vor ihrer Felsenburg:
Sie ließ das Rädchen schwirren und sang ein Zauberlied;
Es wähnt' der Vogt zu irren, als er die Spinnende sieht.

Da ritt er hin und fragte: »Was schaffst du Alte da?
Du spinnst dir wohl ein Brauthemd?« Da sprach die Elbin: »Ja.
Ein Brauthemd und ein Totenhemd, Herr Vogt, wenn Ihr erlaubt.«
»Der Flachs ist schön, den hast du wohl mir vom Felde geraubt?«

»Nicht also,« sprach die Alte, »gewachsen ist er dort,
Wo Ihr begraben ließet das ärmste Paar im Ort.«
Nicht weiter mocht' er fragen; die Antwort klang so schlimm;
Er sorgt', es würde schlimmer: da ritt er heimwärts im Grimm.

Wohl riet ihm auch die Sorge: Lenk ein, eh' dich's gereut,
Laß Stolz und Härte fahren, ich mahne dich noch heut'.
Doch immer widersprachen ihr Hochmut und Verdruß:
Er schwankte hin und wieder und kam zu keinem Entschluß.

Darauf am andern Morgen, als er beim Deckelglas
Den Unmut scheuchen wollte, der ihm im Nacken saß,
Wer trat da in die Türe? Schön Klärchen ist's fürwahr,
Die Hemden in den Händen, aus Nesseln zierlich und klar.

Da ward ihm schwer im Herzen und dunkel vor dem Blick;
Doch hofft' er wegzuscherzen das dräuende Geschick:
»Hör, Klärchen, ich gedachte dich immer selbst zu frein;
Zu alt ist dir der Buhle: so will ich Brautführer sein.

Und morgen ist die Hochzeit.« Und als der Morgen kam,
Die Braut zur Kirche führte der frohe Bräutigam,
Der Segen ward gesprochen – da scholl es dumpf und bang:
Das war die Totenglocke, die für den Burgvogt erklang.

K. S. [Karl Simrock]

168. Der Grafensprung bei Neueberstein

Die Württemberger schlossen ihn ein;
Was tat Wolf Eberstein?
Er ritt von der Burg
Herab an die Murg
Zum steilsten Rand
Der Felsenwand:
Da war die Welt von Feinden rein,
Da sprengt' er in die Murg hinein:
Erhalte Gott dich, Eberstein!
So kecke Flucht bringt keine Schmach,
Die Feinde selber jauchzten nach!
Er kam herab ohn' Ungemach:
Fort ritt er dann,
Frei war der Mann:
Seh einer, ob er's auch so kann!

August Kopisch.

169. Die Teufelskanzel

Du schauerst, Wandrer, ob dem Graus,
Der hier im Tal und Wald umher;
Du siehst nur Felsen grau und schwer,
Kein freundlich Blümchen ragt heraus.
Du fragst, woher der Schrecken kam?
Das weiß die Sage wundersam
Und treulich dir zu deuten.

Es war in alten, fernen Zeiten,
Der Teufel hergezogen kam,
Aufsteigend aus den heißen Fluten,
Aus Badens tief verborgnem Quell,
Noch flammend von der Hölle Gluten,
Sein Blick von rotem Lichte hell:
So bricht er auf, erklimmt die Höhn
Und heißt umher die Diener gehn,
Daß sie versammelten um ihn her
Der Bäuerlein und Ritter viel:
Man sah's von Schloß und Hütte ziehn
Als ging's zu Tanz und Waffenspiel.

Der Böse stellt sich drauf mit Neigen
Gar sittsam auf den höchsten Stein
Und als die Hörer alle schweigen,
Beginnt er leise, mild und fein
Die Rede, süß und klug ersonnen,
Und spricht von seines Reiches Wonnen,
Von ew'gem Glanz und Herrlichkeit,
Die seinen Dienern stehn bereit.
Er weiß mit losem Trug und Spott
Die Geister listig zu betören,
Daß schon in mancher schwachen Brust
Sich hebt und regt die sünd'ge Lust,
Und spöttelnd über den lieben Gott
Man kann viel leid'ge Worte hören.

Da fällt's, wie lichter Wetterschein,
Tief in den finstern Wald herein!
Genüber des Bösen Höllenthron
Erklingt ein goldner Harfenton!
Ein Engelknabe niederrauschet
Im silberleuchtenden Gewand,
Die Palme tragend in der Hand
Und stillbewegt die Menge lauschet.
Und wie er spricht, beginnt's zu tagen
Wie Himmelsrot in jeder Brust;
Sie fühlen mächtig, unbewußt
Sich zu dem Engel hingetragen.
Der Böse wütet bald allein
Auf dem verlaßnen Kanzelstein;
Er bricht empor in wildem Grimme,
Doch süßer tönt des Engels Stimme,
Und immer heißer wird der Drang:
Von aller Lippen festlich klingt,
Aus aller Herzen gläubig schwingt
Empor sich heil'ger Bußgesang.

Der Böse mit dem Dienerchor
Bricht in der letzten Wut hervor,
Mit den Krallenfingern gewaltig faßt
Er, niederdonnernd, der Felsen Last
Und schleudert die Bäume groß und schwer
Wie Blütenflocken im Tal umher,
Und öffnet der Erde Nacht und Graus,
Daß schwarze Quellen fluten heraus;
Und fluchend schlägt er den schwarzen Huf
Zu ew'gen Zeichen tief in den Stein,
Und stürzt sich dröhnend mit wildem Ruf
In der Erde klaffenden Schlund hinein.

Zieh schnell vorüber, o Wandersmann!
Noch ficht der Böse die Menschen an:
Und will er dich locken zur sünd'gen Lust,
So öffne dem guten Engel die Brust.

August Stöber.

170. Das Burgfräulein von Windeck

Halt an den schnaubenden Rappen, verblendeter Rittersmann!
Gen Windeck fleucht, dich verlockend, der luftige Hirsch hinan.

Und vor den mächtigen Türmen vom äußern verfallenen Tor,
Durchschweifte sein Auge die Trümmer, worunter das Wild sich verlor.

Da war es so einsam und stille, es brannte die Sonne so heiß,
Er trocknete tief aufatmend von seiner Stirne den Schweiß.

»Wer brächte des köstlichen Weines mir nur ein Trinkhorn voll,
Den hier der verschüttete Keller verborgen noch hegen soll.«

Kaum war das Wort beflügelt von seinen Lippen entflohn,
So bog um die Efeumauer die sorgende Schaffnerin schon.

Die zarte, die herrliche Jungfrau in blendend weißem Gewand,
Den Schlüsselbund im Gürtel, das Trinkhorn hoch in der Hand.

Er schlürfte mit gierigem Munde den würzig-köstlichen Wein,
Er schlürfte verzehrende Flammen in seinen Busen hinein.

Des Auges klare Tiefe, der Locken flüssiges Gold!
Es falteten seine Hände sich flehend um Minnesold.

Sie sah ihn an mitleidig und ernst und wunderbar
Und war so schnell verschwunden wie schnell sie erschienen war.

Er hat seit dieser Stunde, an Windecks Trümmer gebannt,
Nicht Ruh' noch Rast gefunden und keine Hoffnung gekannt.

Er schlich im wachen Traume gespenstig, siech und bleich,
Zu sterben nicht vermögend und keinem Lebendigen gleich.

Sie sagen, sie sei ihm zum andern erschienen nach langer Zeit,
Und hab' ihn geküßt auf die Lippen und so ihn vom Leben befreit.

A. v. Chamisso.


 << zurück weiter >>