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Ingelheim

118. Trinklied von Karl dem Großen

Es lebe Karl der Große, ein echter deutscher Mann!
Und jeder Deutsche stoße mit seinem Becher an!

Er thronte dort in Aachen, dem altberühmten Ort,
Und Völker vieler Sprachen gehorchten seinem Wort.

Es hat der große Kaiser, trotz seinem langen Bart –
Er war um desto weiser – den Ernst mit Lust gepaart.

Er liebte warme Quellen und schwamm an manchem Teich;
An schönen Badestellen ist Aachen durch ihn reich.

Den edeln Ingelheimer zog er bei seinem Schloß,
Wovon schon mancher Eimer die Kehl' uns niederfloß.

Am Rüdesheimer Berge hat er den Wein gepflanzt,
Wo Nixen sonst und Zwerge um Hattos Turm getanzt.

Wenn wir den Rheinwein trinken, so werde sein gedacht;
Auch die westfäl'schen Schinken hat er erst aufgebracht.

Er taufte ja die Sachsen; es war ein strenges Muß,
Er zog sie bei den Fachsen wohl in den Weserfluß.

Die heidnischen Westfalen, die schlachteten nicht ein:
Die Mönche drauf befahlen ein fett St. Martinsschwein.

Dem heil'gen Mann zu Ehren hing man sie in den Rauch:
So sah man sich vermehren den lobenswerten Brauch.

Es lebe Karl der Große, ein echter deutscher Mann!
Und jeder Deutsche stoße bei seinem Namen an!

A. W. v. Schlegel.

119. Karl und Elbegast

Eines Abends, da der Kaiser schlief
Auf seiner neuen Pfalz am Rhein,
Da weckt' ein Engel ihn und rief:
Auf, Kaiser Karl, ein Dieb zu sein!

Auf, Karl, und stiehl, es ist Gottes Gebot,
Auf, großer Kaiser, werde zum Dieb,
Und stiehlst du nicht, es ist dein Tod,
Geschwinde stiehl, wenn das Leben dir lieb.

Da sprach der Kaiser: »Ich bin so reich,
Mir zollt der Rhein und der Donaustrom,
Wer ist an Schätzen dem Kaiser gleich,
Dem Köln gehorcht und das ewige Rom?

Mit Ehren noch ist mir das Haar ergraut;
Soll ich nun stehlen, das wär' ein Spott!
Meinen Ohren hab' ich zu viel getraut:
Warum geböte mir solches Gott?«

Der Engel warnte: »Grüble nicht nach,
Was der Herr dir rät, dem folge blind,
Und dünkt dich Diebstahl eitel Schmach,
So wisse, du bist an Witz noch ein Kind.«

Da regte der Engel der Flügel Gold
Und hob sich empor zu himmlischen Höhn.
»Du stehst nicht in der Hölle Sold,
Dazu ist dein Gefieder zu schön!

Muß ich nun stehlen, ich alter Mann!
Es war kein Spuk, mir hat nicht geträumt;
Doch wie beginn ich's, wie greif' ich's an?
Ich hab' es in jungen Jahren versäumt.«

In Stahl und Eisen kleidet' er sich,
Zu Häupten band er den lichten Helm,
Er nahm das gute Schwert und schlich
Sich vor das eigene Tor als ein Schelm.

»Wie waren Diebe mir stets verhaßt!
Wüßt' ich nun einen, das wär' mir lieb;
O käm' zur Hilfe mir Elbegast,
Der schlaue Zwerg, der berüchtigte Dieb!

Ich hab' ihm oft mit dem Galgen gedroht,
Durch Heid' und Busch ihm nachgesetzt:
Nun wäre mir solch ein Lehrer not,
Der ist mit allen Hunden gehetzt.«

Da vermißt' er den Harnisch auf der Brust,
Den Helm vermißt' er auf dem Haupt,
Auch bemerkt' er seines Schwerts Verlust:
Die hatt' ihm Elbegast geraubt.

Da stand vor ihm der kleine Wicht
Und sprach: »Sie schienen allzuhell,
Gewaffen taugt zum Stehlen nicht.
Ich trug's zurück in die Kammer schnell.

Wo willst du nun stehlen? sag mir bald,
Ich bin dir beizustehn bereit;
Doch meine Geschäfte sind mannigfalt:
Verlieren wir nicht die köstliche Zeit.« –

»Wo,« sprach der Kaiser, »ist einerlei,
Wenn es nur sonst der Mühe verlohnt.
Einen Kaufherrn weiß ich hier nahebei,
Und dort ist's, wo ein Bäuerlein wohnt.

Der Kaufherr hat schon längst zu viel,
Das Bäuerlein heut' erst Geld gelöst:
Nun wähle dir wen du willst zum Ziel
Und morgen sind sie von allem entblößt.« –

»Dem Bauer stehl' ich nicht sein Obst:
Wer den Bauer schädigt, der verdirbt.
Der Bauer ist kein feister Propst,
Der mit Händefalten Gut erwirbt.

Dem Kaufherrn kostet's auch den Schweiß;
Ihn zu berauben, das bleibe fern:
Den Abt, den Bischof geb' ich preis
Und Mönch und Knönch und geistliche Herrn.

Ich kenn' ihrer viel im römischen Reich,
Ob die Seel' aus dem Feuer springt,
Gilt dem gierigen Pfaffen gleich,
Wenn ihm das Geld im Kasten klingt.« –

»Du Heide, der du an Klötze glaubst,
Laß Chorrock und Kapuz' in Ruh'!
Was du dem Pfäfflein heute raubst,
Das legt der Bauer ihm morgen zu.

Ein würd'ger Priester, ein treuer Hirt
Der Herde, die ihm Gott vertraut,
Von welchem der geärgert wird,
Dem ging es billig an Haar und Haut.

Weißt du nicht einen Reichsbaron,
Der sich mit sechzehn Ahnen spreizt?
Er tut, als stützt' er Altar und Thron,
Doch seh' ich nur, daß er birscht und beizt.«

Der Kleine sprach: »In der Burg dort sitzt
Eine rechte Plage für Stadt und Land.
Bei dem hab' ich schon oft stibitzt;
Er ist Graf Harderich genannt.

Er macht sich des Volkes Not zunutz,
Er bricht den Frieden und beugt das Recht
Bis sich der Freie in seinen Schutz
Begibt als ein leibeigner Knecht.

Er ist auch seinem Herrn nicht treu,
Er wünscht sich nur des Kaisers Tod,
So dürft' er hausen ohne Scheu,
Und brächte das halbe Reich in Not.« –

»Da ist gut stehlen, das ist mein Mann!«
Sprach Karl, den des Vasallen verdroß.
Da gingen beide, der Zwerg voran:
Sie kamen bald vor ein stolzes Schloß.

Das Zwerglein raunt' ein Zauberwort,
Das öffnete Tor und Tür zumal:
Der Kleine schlich in den Stall sofort;
Der Kaiser trat in den weiten Saal.

Neben dem Saal im Schlafgemach,
Da schlief die Gräfin und der Graf;
Doch plötzlich ward jetzt Harderich wach,
Pferdegewieher scheucht' ihm den Schlaf.

Das Zwerglein wollt' ihm leise nahn,
Da wieherte laut das treffliche Pferd.
Nun rief der Graf einen Knappen an:
»Geh, schau mir, was den Hengst beschwert.«

Der Knappe taumelte schlummerfaul
Zu schauen, was den Hengst erschreckt:
Da hatte der Zwerg sich über dem Gaul
Lang hin auf einen Balken gestreckt.

Als da der Knappe niemand sah,
Zum Grafen sprach er aufgeräumt:
»Es ist keine lebende Seele da;
Dem Hengst hat wohl was Liebes geträumt!«

Harderich schickte sich zu ruhn;
Doch lauter wieherte jetzt das Roß.
Da rief der Graf: »Was sagst du nun?
Ich sag', es sind Räuber in meinem Schloß.«

Die braune Fackel brannt' er sich an,
Stieg selbst hinunter in seinen Stall:
Da suchte lange der sorgende Mann,
Die Räume durchforscht' er, die Winkel all':

Er fand von Räubern doch keine Spur;
Unwillig kehrte zurück der Graf.
Da sprach sein Weib: »Gesteh es nur,
Dir rauben andre Sorgen den Schlaf.

Du schliefst schon nicht die dritte Nacht,
Dir schmeckt kein Essen, mundet kein Trank,
Gern wüßt' ich, was dich so trübe macht,
Ich fürchte, du wirst noch ernstlich krank.«

Er wollt' es nicht sagen, sie ließ nicht nach,
Sie küßt' ihn bleich und wieder rot;
Zuletzt ergab er sich und sprach:
»So wisse, wir schworen des Kaisers Tod.

Wir unser zwölfe« (er nannte sie ihr)
»Wir reiten morgen in seine Pfalz,
Zwölf scharfe Dolche wie dieser hier,
Die bohren wir ihm durch Brust und Hals.«

Das hörte der Kaiser Wort für Wort
Und behielt es wohl in seinem Sinn.
Er schlich sich leis zu dem Zwerglein fort;
Das dachte nur auf des Hengstes Gewinn.

»Ich stehle die Eier aus der Brut;
Dies Pferd litt nicht, daß ich's bestieg:
Ich weiß kein Roß so wacker und gut,
Und wer es reitet, mit dem ist Sieg!

Es hat gewiehert und sich gebäumt« –
Der Kaiser sprach: »Laß mich heran.«
Der hat es gesattelt und hat es gezäumt,
Lammfromm trug es den herrlichen Mann.

Der Kaiser ritt es aus dem Tor,
Er ritt zu seiner Pfalz in Hast,
Den Zwerg er aus den Augen verlor,
Nie sah er wieder den Elbengast.

Die Seinen rüttelt' er aus dem Schlaf,
Er rüttelte manchen aus süßem Traum:
»Kommt mit den zwölfen der falsche Graf,
Die hängt mir an den höchsten Baum.«

Sie kamen am Morgen zur Pfalz gesprengt:
Da ritt der Kaiser des Grafen Roß.
Dem Grafen ward das Herz so beengt,
Wehrlos ergab er sich dem Troß.

Sie fanden alle den grimmen Tod.
Der zwölfe kehrte keiner heim:
Von dem Engel, der ihm zu stehlen gebot,
Hieß Karl die Pfalz nun Ingelheim.

K. S. [Karl Simrock]

120. Karl und Malegis

»Herr Kaiser, Ihr hießt mich einen Dieb,«
Sprach zu Karl der Zauberer Malegis;
»Bedenkt, mir ist auch Ehre lieb:
Ich räche den Schimpf, das glaubt gewiß.«

Das hatte der Kaiser überhört:
Ihm lag ein herber Verlust im Sinn,
Fastradens Tod; noch sehr verstört
Ging er zur Kirche mit Bischof Turpin.

Als der Bischof hintrat zum Altar,
Die Messe zu tun und den Kelch nicht sah,
Zum Diakon sprach er: »Was werd' ich gewahr?
War hier ein Dieb? kein Kelch ist da.«

Diakon sucht und Subdiakon,
Der Bischof selber: der Kelch ist fort.
Am Ende hörte der Kaiser davon;
Der geriet in Zorn und sprach das Wort:

»Verschließt alsbald die Kirchentür
Und durchsucht das Volk mir Mann für Mann.
Unmilde straf' ich die Ungebühr:
Den Kirchenraub trifft Acht und Bann.«

Das Volk sah auf: »Ihr sperrt das Tor?
Was soll's? das hat man nie geschaut.«
»Ja, wißt, hier kommt ihr nicht hervor
Als durchsucht bis auf die bloße Haut!

Es geschieht auf des Kaisers eignen Befelch.
Wenn ihr ihn habt, so gebt ihn her:
Es muß ihn doch einer haben, den Kelch;
So brauchen wir nicht zu suchen mehr.«

»Den Kelch? dafür seht ihr uns an,
Wir hätten den Kelch vom Altar geraubt?« –
Leicht ist die Unschuld dargetan;
Der Besitz verrät das schuldige Haupt.

»Entkleidet euch, so kommt's ans Licht,
Ihr seid wie die lieben Engel so rein.«
Sie gehorchten: doch fand der Kelch sich nicht:
»So muß er droben im Chore sein.

Herr Kaiser, der Kelch ist nicht im Schiff:
Wir haben Mann für Mann durchsucht.«
Als das der Kaiser hört' und begriff:
Hätt' ihn ein Ritter denn? Verflucht!

»Ihr Herrn, es ist eine harte Nuß;
Doch lege nur jeder hin sein Kleid,
Daß man euch nicht durchsuchen muß,
Ihr meine Genossen: das wär' mir leid!«

Malegis sprach zu dem kleinen Spiet:
»Zwergobst, du bist so fingerfrei;
Laß sehn, ob er dir in die Tasche geriet:
Man weiß, du schälst dir gern ein Ei.«

Klein Spiet sprach: »Bin ich im Verdacht
Als hätt' ich den großen Kelch stibitzt?
Keine Falten trag' ich an meiner Tracht
Wie der im Kaisermantel sitzt.«

Herr Roland sprach: »Man tut's nicht gern:
Doch der Präambeln bin ich satt:
Wir entkleiden den Kaiser, unsern Herrn,
Und sehn, ob er den Kelch nicht hat.«

Herr Naims von Bayern rief entsetzt:
»Damit beschmutzt ein Herr sich nicht.
Und hätt' er ja ihn eingesteckt,
So wär' es uns zu verschweigen Pflicht.«

»Meine Ehre,« sprach da Malegis,
»Ist mir so lieb als seine mag.
Und wenn er sich auch entkleiden ließ
Wie wir, so kommt sie ja an den Tag.«

»Ihr Herrn,« sprach Spiet, »ich sag' es ihm an,
Daß er sich auch entkleiden muß.«
Da nahm sein Barett der kleine Mann
Und trat vor den Herrn mit Rednergruß.

»Herr Kaiser,« sprach er, »es tagt uns hell:
Ihr habt den Kelch bei Euerm Brevier.
Durchsucht sind alle bis auf das Fell
Und der Teufel hat ihn oder Ihr.«

»Was sagst du, Zwerg, wär' ich ein Dieb?«
Fuhr ihn der Kaiser zürnend an.
»Das sag' ich nicht; doch wär' uns lieb,
Ihr tätet wie wir alle getan.

Entkleidet Euch, das ist mein Rat,
So kann nicht sagen ein öder Gauch:
Der sich allein nicht entkleidet hat,
Das ist der Kaiser, der hat ihn auch.«

Der Kaiser dachte: »Klein Spiet hat recht,«
Und warf von der Schulter den Mantel weit.
Da sahen alle, Ritter und Knecht,
Ihm stak der Kelch im Niederkleid.

Da sprach Jung Roland aufgeräumt:
»Herr Ohm, Ihr zahlt uns heut' den Schmaus:
Wer hätte das sich wohl geträumt?
Ihr artet in alten Tagen aus.«

Der Kaiser, der sich nicht schuldig weiß,
Sprach zu dem Neffen: »Was meinst du, Herz?
Gibst du mich bösem Leumund preis?
Verbiete Gott dir solchen Scherz.«

Der Neffe sprach: »Wenn Ihr's vergönnt,
So ist's nicht wider den Respekt,
Was Ihr nicht länger leugnen könnt,
Daß er Euch hier im Gürtel steckt.«

Der Kaiser erschrak, als er das sah,
Ihm war's ein Schlag aus heitrer Luft.
Er wußte nicht wie ihm geschah;
Doch sprach er zu Malegis: »Du Schuft!

Gewiß war deine Kunst im Spiel:
Wie der Diebstahl ist mir die verhaßt.«
Der Zauberer sprach: »Das hat sein Ziel:
Gingt Ihr nicht stehlen mit Elbegast?«

Der Kaiser sprach: »Es ist dein Glück,
Daß du mich mahnst an den guten Schwank.
Doch rat' ich dir: kein zweites Stück
Wie dies, sonst weiß ich dir übeln Dank.«

K. S. [Karl Simrock]


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