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Lorsch

144. Der Lorscher See

»Frommer Sinn ist ausgestorben,
Weit um Lorsch das Feld verdorben.
Troff der Himmel sonst von Segen,
Halme nickten schwer entgegen;
Jetzt aus grauer Wetter Schoß
Ringt sich nur Verderben los,
Nur Ameisen birgt die Wolke:
Platzt sie, weh, was bleibt dem Volke?
Laub und Gras wird abgeweidet,
Grünen Schmucks die Flur entkleidet.
Laßt zur Buße Reue mahnen,
Zieht zum See mit wehnden Fahnen,
Singt die alten heil'gen Lieder:
Gute Jahre kommen wieder.«

Und sie ziehn, die Fahnen wallen,
Volle Chöre hört man schallen;
Vor dem See am Feldaltar
Kniet die schnell bekehrte Schar:
»Tilge, Heil'ge, dies Gewimmel,
Lach uns an aus heiterm Himmel,
Daß aus unerschöpfter Quelle
Neu das alte Wachstum schwelle.«

Also flehen sie um Hilfe.
Sieh, da hebt es sich im Schilfe
Und des Nixen Stimme tönt:
»Soll der alte Segen tauen,
Die Kapelle müßt ihr bauen,
Und die Göttin, ist versöhnt.«

Jauchzend hört man sie's geloben,
Und der blauen Flut enthoben
Läßt der Nix die Flöte klingen.
Leise, leise tönt die Weise,
Weithin zieht sie doch die Kreise,
Kann sich meilenweit erschwingen.
Und in Ebne, Berg und Wald
Rührt sich kleines Volk alsbald:
Braun und gelb in Kribbelwogen
Kommt es meilenweit gezogen:
Nach dem Takte wie im Trab
Zappelglieder eifrig regend,
Und die Geisel dieser Gegend
Nimmt der Wassermann hinab.

Gleich entsteigt ein süßes Düften,
Bildet Wolken in den Lüften
Und hernieder senkt der Regen
Sich in Bächen:
Welch ein Segen!
Augen treiben, Knospen brechen,
Blüten glänzen, Reiser schießen:
Seht ihr's wachsen, seht ihr's sprießen?
Eh' ihr von dem Pilgerzug
Heimkehrt, seid ihr reich genug.

Froh zerstreuen sich die Scharen.
Lassen sie nun Steine fahren,
Brennen sie zum Bau den Kalk?
Nein, sie lärmen in den Schenken,
Altes Leid gar zu ertränken:
Das Versprechen war ein Schalk.

Gram wohnt in der Göttin Herzen:
»Ließ' ich also mit mir scherzen?
Rührt zum Bau sich keine Hand,
Nehm' ich selber mir ein Pfand.«

Sieh, da kam der Nix gegangen,
Pfiff, daß Berg und Tal erklangen:
Und die Eichelmast der Forsten
Läßt das Tier mit goldnen Borsten,
Folgt dem Nix und seinem Lied,
Senkt sich in des Seees Ried:
Nimmer kehrten zu den Ställen
Mehr die grunzenden Gesellen.

Drauf im Lenz, ein Grillenregen
Nahm hinweg des Feldes Segen:
Schwarzer Hunger droht aufs neue.
Wieder folgen Büß' und Reue,
Folgen Bittgang und Gesänge,
Und die Brüste schlägt die Menge,
Bis die Göttliche der Armen
Sich noch einmal will erbarmen.
Jetzt durch eines Hirten Mund
Wird dem Volk ihr Wille kund:

»Nicht genügt mehr die Kapelle,
Nein, ein Tempel an der Stelle
Soll auf sieben Säulen schweben,
Golden sich das Dach erheben:
Wollt ihr solchen Bau beschwören,
Will sie euer Flehn erhören.«

Was ist leichter als Geloben?
Hand ist bald zum Schwur erhoben,
Und die Göttin scheint versöhnt.
Horch, des Hirten Pfeife tönt,
Und die Heimchen all' und Grillen
Zwingt er her nach seinem Willen.
Ringsum kommen sie gesprungen:
Schon hat sie der See verschlungen.
Nebel läßt er dann entsteigen,
Wolken sich zur Erde neigen,
Bis dem wiederholten Guß
Füll' entsprießt und Überfluß:
Volle Scheuern möchten brechen.

Ach, was gilt da ein Versprechen?
Grüne Kränze sieht man winken,
Goldnen Wein im Kelche blinken:
Ist es da wohl Zeit zum Beten?
Tempel blieben unbetreten.
»Nein, ein Tanzhaus laßt uns bauen,
Daß sich Männer freun und Frauen:
Nur im Taumel blüht die Lust.«

Gram wohnt in der Göttin Brust.
Sieh, da kommt der Hirt geschritten,
Setzt den Fuß nach Tänzersitten,
Schwingt sich nach der eignen Weise
Durch die Dörfer um im Kreise.
Wie behend ist der Geselle!
Weh! da öffnen sich die Ställe:
Goldgekrönter Rinder Haufen
Kommt ihm brüllend nachgelaufen:
Wie sie hüpfen, wie sie springen!
Doch der See muß sie verschlingen,
Und die Kuh mit vollem Euter
Rauft da unten duft'ge Kräuter.

Als der neue Frühling kam,
Mäusefraß die Früchte nahm,
Griff man wieder zu den Fahnen,
Zog daher auf alten Bahnen
Nach dem heil'gen See. Die Stätte
Finden sie, doch leer das Bette.
Fort, so oft vom Volk betrogen,
Ist die Gütige gezogen,
Hat den See hinweggenommen;
Werden wohl nicht wiederkommen.

»Wem nun die Beschwerden klagen?
Wer befreit uns von den Plagen,
Von den unbescheidnen Gästen,
Die sich feiste Wänste mästen,
Während wir vor leeren Kasten
Händeringend stehn und fasten?
Laß noch einmal Gnade walten:
Alles wollen wir dir halten,
Was wir jemals angelobt;
Kehr, o kehr, es wird erprobt.«

Niemals kehrte die Verehrte;
Doch sie schickt aus hohlem Berge
Nun den kleinsten ihrer Zwerge;
»Täuschen wollt ihr uns aufs neue,«
Spricht er, »mit verstellter Reue;
Doch, wir wissen wohl, ihr brecht
Morgen, was ihr heut' versprecht.
Weder Strafe, weder Lohn
Mag euch reizen, mag euch schrecken.
Eure Göttin scheut den Hohn,
Läßt sich ferner nicht mehr necken.
Hülf' ich selbst, ich wär' zu schelten;
Doch soll eine Wette gelten;
Nehm' ich diese Plage hin,
Wieder wendet ihr den Sinn
Bald zu Üppigkeit und Sünde,
Was euch auch zu Pfande stünde.
Wißt, euch würd' entrissen werden,
Was ihr Liebstes habt auf Erden.
Treibt ihr's besser:
Jene wilden Berggewässer,
Die so oft euch überschwemmen,
Will ich dämmen.
Straf und Lohn ist euch bekannt:
Gilt's, zum Zeichen hebt die Hand.«

Alle streckten ihre Hände.
Und des Tannenberges Wände
Schlägt er mit dem Wünschelstab,
Steigt hinab,
Nimmt die Mäuse mit ins Grab.

Weggenommen ist die Plage:
Wiederkehren frohe Tage,
Kehren mit der guten Zeit
Übermut und Üppigkeit.
Jenen Tanzsaal baun sie aus,
Bauen nicht der Göttin Haus,
Und zur Last
Reichen ist der arme Gast.
Wer in Schätzen gierig wühlt
Weiß nicht, was der Dürft'ge fühlt.
Den sie heut', den Reisemüden,
Vor das Tor gehetzt mit Rüden,
War der Zwerg.
Zürnend schwingt er nun den Stab,
Nimmt die Kinder in den Berg
Mit hinab:
All die lieben, süßen Kleinen,
Daß die Mütter stehn und weinen.
Nochmals eine letzte Frist
Gönnt er den verstockten Herzen:
Doch, als die verstrichen ist,
Sehn sie sich den Himmel schwärzen
Und die Wolke, wie sie bricht,
Ihre Fluren all' versanden;
Nach den Dörfern fraget nicht:
Niemand weiß nur wo sie standen.

K. S. [Karl Simrock]


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