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St. Goar

St. Goar, St. Goarshausen und die Katz'

89. St. Goar

Zieht nicht vorbei an St. Goar,
Der Stadt, die allzeit gastlich war,
Fahrt nicht vorüber mit dem Dämpfer,
Grüßt erst St. Goar, den Glaubenskämpfer,
Verehrt des Heiligen Gebein,
So wird er frohe Fahrt verleihn.

Beim Sandgewirr und bei der Bank,
Wo mancher Kiel zertrümmert sank,
Erbaut' er sich die kleine Zelle
Und zog die Scheiternden aus der Welle.
Getrocknet wurden und gepflegt
Die Christenglauben schon gehegt;
Doch jene, die noch Heiden waren,
Der frohen Botschaft unerfahren,
Die warf er wieder in das Wasser
Und taufte sie, der Götzenhasser.
Siegbert, der König war der Franken,
Wollt' ihm so großer Wohltat danken,
Lud ihn nach Trier an seinen Hof
Und bat: sei hier mein Erzbischof.
Das war dem frommen Mann nicht recht,
So gute Kost bekam ihm schlecht,
Er schlug es rundaus ab mit Dank.
Viel lieber wollt' er bei der Bank
Mit seinen Salmenfischern fasten
Als dort den Magen überlasten.
Zum Zeichen, daß ihn Gott erleuchte,
Hing er, was jeden seltsam deuchte,
Den Mantel in des Königs Saal
An einen goldnen Sonnenstrahl.

Als er gestorben war, begab
Manch Wunder sich an seinem Grab.
Die sein Gebein zu ehren kamen,
Die Tauben, Blinden oder Lahmen,
Die dankten Gott und ihm ihr Glück,
Schickt' er sie heil nach Haus zurück.
Gesunde legten auch hier an
Und opferten dem Wundermann,
Nicht durch Versäumnis anzustoßen.
Denn wie erging es Karl dem Großen?
Der fuhr gleichgültig einst vorüber:
Da ward es plötzlich trüb und trüber,
Ein Nebel fiel so dicht und schwer,
Man sah den Wasserweg nicht mehr.
Der Schiffmann sprach: Ich kann nicht fahren.
Sich und die Seinen zu bewahren,
Mußte der Kaiser sich bequemen
Herberg' auf freiem Feld zu nehmen
Zwischen St. Goar und Koblenz.
Bis er die schuld'ge Reverenz
Dem Grab des Heil'gen dargebracht
Und seine Kirche reich bedacht,
Da ward es wieder licht und helle
Und froh durchglitt das Schiff die Welle.

Auch durfte Karl nicht undankbar
Sich erweisen gegen St. Goar,
Der Heil'ge war verdient um ihn.
Des Kaisers Söhne, Karl und Pipin,
Die sich befehdet lange Zeit
Und durch Verfolgung, Haß und Neid
Sich selber und das Reich gepeinigt,
Hatt' er an seinem Grab geeinigt,
Und seine Buhle, jene Fastrade,
Fand hier nach langen Schmerzen Gnade.

Was Karl den Mönchen hat geschenkt,
Davon ward mancher Gast getränkt.
Es ist ein Faß, das nie sich leert:
O wär' mir solch ein Faß beschert!
Ich gäbe sicher nicht den Zwerg
Für jenen Riesen von Heidelberg.
Zu Bremen liegen gute Fässer;
Dies von St. Goar gefällt mir besser.

Einsmal geschah's dem Pater Keller,
Als er gezapft den Muskateller,
Und trinkend seine Güte pries,
Daß er den Krahnen offen ließ.
Doch eine Spinne lief daher,
Zog rasch die Fäden kreuz und quer,
Und webt' und webt' – in kurzer Stund'
Sah man so dicht verwebt den Spund,
Kein Tropfen rann mehr aus dem Faß:
Das war eine kluge Spinne, das!

Karl gab der Stadt noch manch Geschenk,
Mir ist nicht alles eingedenk:
Man pflegt' ein silbern Halseisen
Den Fremden weiland vorzuweisen.
Mag wohl ein Eisen silbern sein?
Nicht doch, das leuchtet klärlich ein;
Die Alten haben's auch bedacht:
Es ward seitdem von Messing gemacht.

Heran, heran, du fremder Gast,
Versuch, ob dir das Halsband paßt.
Gar wohl, du bist ein schöner Mann,
Nur ungetauft, man sieht dir's an.
So spricht St. Goar: Erwähl dir Paten,
Sonst kann der Täufling nicht geraten.

Die Paten fragen: Wie willst du die Taufe?
Unter der Wein- oder Wassertraufe?

Im Wasser, gibt er zum Bescheide.

So bist du ja ein blinder Heide,
Ja, schlimmer noch, ein Wiedertäufer,
Wohl gar vielleicht ein Wassersäufer.
Doch seist du Wassers unverkürzt:
Einen vollen Eimer ihm übergestürzt!

Sprach er: im Wein, dann aus dem Faß,
Das Karl geschenkt mit edelm Naß,
Ward ihm kredenzt der Muskateller
Im silbernen Becher auf blankem Teller.
Eine goldene Krone zierte sein Haupt;
Dazu ward ihm der Fischfang erlaubt
Auf der Lurlei, und auf der Bank
Das Wild zu jagen frei und frank.

So pflag die alte Zeit zu scherzen;
Uns geht es selten so von Herzen.

K. S. [Karl Simrock]


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