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Rheingrafenstein bei Kreuznach

112. Der wilde Jäger

Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn:
»Hallo, hallo zu Fuß und Roß!«
Sein Hengst erhob sich wiehernd vorn;
Laut rasselnd stürzt' ihm nach der Troß.
Laut klifft und klafft es, frei von Koppel,
Durch Korn und Dorn, durch Heid' und Stoppel.

Vom Strahl der Sonntagsfrühe war
Des hohen Domes Kuppel blank.
Zum Hochamt rufte dumpf und klar
Der Glocken ernster Feierklang.
Fern tönten lieblich die Gesänge
Der andachtsvollen Christenmenge.

Rischrasch quer übern Kreuzweg ging's
Mit Horrido und Hussasa.
Sieh da, sieh da! kam rechts und links
Ein Reiter hier, ein Reiter da!
Des Rechten Roß war Silberblinken,
Ein Feuerfarbner trug den Linken.

Wer waren Reiter links und rechts?
Ich ahn' es bloß, doch weiß ich's nicht.
Lichthehr erschien der Reiter rechts
Mit mildem Frühlingsangesicht.
Graß, dunkelgelb der linke Ritter
Schoß Blitz vom Aug' wie Ungewitter.

»Willkommen hier, zu rechter Frist,
Willkommen zu der edeln Jagd!
Auf Erden und im Himmel ist
Kein Spiel, das lieblicher behagt.« –
Er rief's, schlug laut sich an die Hüfte
Und schwang den Hut hoch in die Lüfte.

»Schlecht stimmet deines Hornes Klang,«
Sprach der zur Rechten sanften Muts,
»Zu Feierglock' und Chorgesang:
Kehr um! Erjagst dir heut' nichts Guts.
Laß dich den guten Engel warnen
Und nicht vom Bösen dich umgarnen!«

»Jagt zu, jagt zu, mein edler Herr!«
Fiel rasch der linke Reiter drein!
»Was Glockenklang? Was Chorgeplärr!
Die Jagdlust mag Euch baß erfreun!
Laßt mich, was fürstlich ist, Euch lehren,
Und Euch von jenem nicht betören!«

»Ha! Wohlgesprochen, lieber Mann!
Du bist ein Held nach meinem Sinn.
Wer nicht des Weidwerks pflegen kann,
Der scher ans Paternoster hin:
Mag's, frommer Narr, dich baß verdrießen,
So will ich meine Lust doch büßen.«

Und hurre, hurre vorwärts ging's
Feld ein und aus, Berg ab und an.
Stets ritten Reiter rechts und links
Zu beiden Seiten nebenan.
Aufsprang ein weißer Hirsch von ferne
Mit sechzehnzackigem Gehörne.

Und lauter stieß der Graf ins Horn;
Und rascher flog's zu Fuß und Roß.
Und sieh! bald hinten und bald vorn
Stürzt einer tot dahin vom Troß.
»Laß stürzen! Laß zur Hölle stürzen!
Das darf nicht Fürstenlust verwürzen.«

Das Wild duckt sich ins Ährenfeld
Und hofft da sichern Aufenthalt.
Sieh da! ein armer Landmann stellt
Sich dar in kläglicher Gestalt.
»Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!
Verschont den sauern Schweiß der Armen!«

Der rechte Reiter sprengt heran
Und warnt den Grafen sanft und gut,
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
Zu schadenfrohem Frevelmut.
Der Graf verschmäht des Rechten Warnen
Und läßt vom Linken sich umgarnen.

»Hinweg, du Hund!« schnaubt fürchterlich
Der Graf den armen Pflüger an,
»Sonst hetz' ich selbst, beim Teufel! dich.
Hallo, Gesellen, drauf und dran!
Zum Zeichen, daß ich wahr geschworen,
Knallt ihm die Peitschen um die Ohren.«

Gesagt, getan! der Wildgraf schwang
Sich übern Hagen rasch voran,
Und hinterher, bei Knall und Klang,
Der Troß mit Hund und Roß und Mann.
Und Hund und Mann und Roß zerstampfte
Die Halmen, daß der Acker dampfte.

Vom nahen Lärm 'emporgescheucht,
Feld ein und aus, Berg ab und an
Gesprengt, verfolgt, doch unerreicht,
Ereilt das Wild des Angers Plan:
Und mischt sich, da verschont zu werden,
Schlau mitten zwischen zahme Herden.

Doch hin und her, durch Flur und Wald,
Und her und hin, durch Wald und Flur,
Verfolgen und erwittern bald
Die raschen Hunde seine Spur.
Der Hirt, voll Angst für seine Herde,
Wirft vor dem Grafen sich zur Erde.

»Erbarmen, Herr, Erbarmen! Laßt
Mein armes stilles Vieh in Ruh'!
Bedenket, lieber Herr, hier grast
So mancher armen Witwe Kuh.
Ihr eins und alles spart der Armen!
Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!«

Der rechte Reiter sprengt heran
Und warnt den Grafen sanft und gut,
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
Zu schadenfrohem Frevelmut.
Der Graf verschmäht des Rechten Warnen
Und läßt vom Linken sich umgarnen.

»Verwegner Hund, der du mir wehrst!
Ha! daß du deiner besten Kuh
Selbst um- und angewachsen wärst
Und jede Vettel noch dazu!
So sollt' es baß mein Herz ergetzen,
Euch stracks ins Himmelreich zu hetzen.

Hallo, Gesellen, drauf und dran!
Jo! Doho! Hussasassa!« –
Und jeder Hund fiel wütend an
Was er zunächst vor sich ersah.
Bluttriefend sank der Hirt zur Erde,
Bluttriefend jedes Stück der Herde.

Dem Mordgewühl entrafft sich kaum
Das Wild mit immer schwächerm Lauf;
Mit Blut besprengt, bedeckt mit Schaum,
Nimmt jetzt des Waldes Nacht es auf.
Tief birgt sich 's in des Waldes Mitte
In eines Klausners Gotteshütte.

Risch ohne Rast mit Peitschenknall,
Mit Horrido und Hussasa,
Und Kliff und Klaff mit Hörnerschall
Verfolgt's der wilde Schwarm auch da.
Entgegentritt mit sanfter Bitte
Der fromme Klausner vor die Hütte.

»Laß ab, laß ab von dieser Spur!
Entweihe Gottes Freistatt nicht!
Zum Himmel ächzt die Kreatur
Und heischt von Gott dein Strafgericht.
Zum letzten Male laß dich warnen,
Sonst wird Verderben dich umgarnen!«

Der Rechte sprengt besorgt heran.
Und warnt den Grafen sanft und gut.
Doch baß hetzt ihn der linke Mann
Zu schadenfrohem Übermut.
Und wehe! trotz des Rechten Warnen
Läßt er vom Linken sich umgarnen.

»Verderben hin! Verderben her!
Das,« ruft er, »macht mir wenig Graus.
Und wenn's im dritten Himmel wär,
So acht' ich's keine Fledermaus.
Mag's Gott und dich, du Narr, verdrießen,
So will ich meine Lust doch büßen!«

Er schwingt die Peitsche, stößt ins Horn:
»Hallo, Gesellen, drauf und dran!«
Hui! schwinden Mann und Hütte vorn,
Und hinten schwinden Roß und Mann;
Und Knall und Schall und Jagdgebrülle
Verschlingt auf einmal Totenstille.

Erschrocken blickt der Graf umher,
Er stößt ins Horn, es tönet nicht;
Er ruft und hört sich selbst nicht mehr;
Der Schwung der Peitsche sauset nicht;
Er spornt sein Roß in beide Seiten
Und kann nicht vor- nicht rückwärts reiten.

Drauf wird es düster um ihn her,
Und immer düstrer wie ein Grab;
Dumpf rauscht es, wie ein fernes Meer.
Hoch über seinem Haupt herab
Ruft furchtbar, mit Gewittergrimme,
Dies Urteil eine Donnerstimme:

»Du Wütrich, teuflischer Natur,
Frech gegen Gott und Mensch und Tier!
Das Ach und Weh der Kreatur
Und deine Missetat an ihr
Hat laut dich vor Gericht gefodert,
Wo hoch der Rache Fackel lodert.

Fleuch, Unhold, fleuch und werde jetzt
Von nun an bis in Ewigkeit
Von Höll' und Teufel selbst gehetzt!
Zum Schreck der Fürsten jederzeit,
Die, um verruchter Lust zu fronen,
Nicht Schöpfer noch Geschöpf verschonen!« –

Ein schwefelgelber Wetterschein
Umzieht hierauf des Waldes Laub.
Angst rieselt ihm durch Mark und Bein;
Ihm wird so schwül, so dumpf und taub!
Entgegenweht ihm kaltes Grausen,
Dem Nacken folgt Gewittersausen.

Das Grausen weht, das Wetter saust,
Und aus der Erd' empor, huhu!
Fährt eine schwarze Riesenfaust!
Sie spannt sich auf, sie krallt sich zu?
Hui! will sie ihn beim Wirbel packen;
Hui! steht sein Angesicht im Nacken.

Es flimmt und flammt rund um ihn her
Mit grüner, blauer, roter Glut!
Es wallt um ihn ein Feuermeer;
Darinnen wimmelt Höllenbrut.
Jach fahren tausend Höllenhunde
Laut angehetzt empor vom Schlunde.

Er rafft sich auf durch Wald und Feld,
Und flieht, laut heulend Weh und Ach.
Doch durch die ganze weite Welt
Rauscht bellend ihm die Hölle nach,
Bei Tag tief durch der Erde Klüfte,
Um Mitternacht hoch durch die Lüfte.

Im Nacken bleibt sein Antlitz stehn,
So rasch die Flucht ihn vorwärts reißt.
Er muß die Ungeheuer sehn,
Laut angehetzt vom bösen Geist,
Muß sehn das Knirschen und das Jappen
Der Rachen, welche nach ihm schnappen.

Das ist des wilden Heeres Jagd,
Die bis zum Jüngsten Tage währt,
Und oft dem Wüstling noch bei Nacht
Zu Schreck und Graus vorüberfährt.
Das könnte, müßt' er sonst nicht schweigen,
Wohl manches Jägers Mund bezeugen.

Bürger.

113. Der Trunk aus dem Stiefel

Da droben saßen sie allzumal,
Und zechten im alten Rittersaal;
Die Fackeln glänzten herab vom Stein
Und schimmerten weit in die Nacht hinein.

Es sprach der Rheingraf: »Ein Kurier
Ließ jüngst mir diesen Stiefel hier;
Wer ihn mit einem Zug wird leeren,
Dem soll Dorf Hüffelsheim gehören.«

Und lachend goß er mit eigner Hand
Voll Wein den Stiefel bis an den Rand,
Und hob ihn mitten wohl in den Kreis:
»Wohlan, ihr Herren, ihr kennt den Preis.«

Johann von Sponheim hielt sich in Ruh'
Und wünschte den Nachbarn Glück dazu,
Und dieser, Meinhart war's von Dhaun,
Zog scheu zusammen die dunkeln Braun.

Verlegen den Bart sich Flörsheim strich,
Und Kunz von Stromberg schüttelte sich,
Und selbst der mutige Burgkaplan
Sah den Koloß mit Schrecken an.

Doch Boos von Waldeck rief von fern:
»Mir her das Schlückchen! Zum Wohl, ihr Herrn!«
Und schwenkte den Stiefel und trank ihn leer
Und warf sich zurück in den Sessel schwer,

Und sprach: »Herr Rheingraf, ließ der Kurier
Nicht auch seinen andern Stiefel hier?
Was maßen in einer zweiten Wette
Auch Roxheim gern verdient mir hätte.«

Des lachten sie alle und Priesen den Boos
Und schätzten ihn glücklich als bodenlos;
Doch Hüffelsheim mit Maus und Mann
Gehörte dem Ritter Boos fortan.

G. Pfarrius.


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