Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Bretten

165. Das Hündchen von Bretten

Zu Bretten überm Stadttor steht ein Hündchen ohne Schwanz,
Und über seinem Haupte weht ein hartverdienter Kranz,
Wer sich umsonst zu Tode zieht vergnügt in schweren Ketten,
Dem sagt man: Wahrlich, dir geschieht noch wie dem Hund zu Bretten.

Dem Hündchen ward, dem treuen Tier, die Treue schlimm gelohnt,
Und sicher, so ergeht es dir, der sich im Dienst nicht schont.
Es war von seinem Herrn wie du zu manchem abgerichtet,
Der ließ ihm keine Stunde Ruh', die Chronik hat's berichtet.

Wohl mochte kein geplagtrer Gaul im ganzen Städtchen sein:
Gab er ihm einen Korb ins Maul, so lief's und kauft' ihm ein:
Beim Metzger Fleisch und Bratwurst gar und Weißbrot bei dem Bäcker;
Im Korbe sagt' ein Zettel klar, was nötig war dem Schlecker.

Das Hündchen lief von Haus zu Haus und ließ sich nie verführen,
Nur einen Bissen von dem Schmaus dem Herren anzurühren.
Wenn es ihn treulich heimgebracht, doch hört' es niemand klagen,
Durft' es von seiner schweren Fracht ein Knöchlein nur benagen.

Sein Herr, der evangelisch war, hielt wenig auf die Fasten,
Und ließ den Speisekommissar nicht einen Freitag rasten.
Der Hund, der täglich fasten muß, geht seines Wegs bescheiden,
Nicht kann er wie ein Klerikus den Fasttag unterscheiden.

Da führt' ihn einst sein Mißgeschick zu einem Fleischer hin,
Der als ein echter Katholik streng hielt die Disziplin.
Wie er den Zettel nimmt und liest von einer Wurst geschrieben,
Ihn das Gelüste baß verdrießt, hätt' es ihm gern vertrieben.

Im frommen Eifer hat er gleich das arme Tier gepackt,
Ihm auf dem Block mit einem Streich das Schwänzlein abgehackt,
Das legt er in den Korb dem Hund: »Da hast du Fleisch, nun trolle,
Und deinem Herren mache kund, daß ich's ihm schenken wolle.«

Das Hündchen, wund bis auf den Tod, lief doch, der Pflicht gedenk,
Und trug dem Herrn, der ihm gebot, sein Schwänzlein zum Geschenk.
Legt' ihm den Korb noch vor den Fuß und streckte sich daneben:
Das war sein letzter stummer Gruß, er mochte nicht mehr leben.

Hier steht das Bild des armen Nichts; den Lohn erwarb er doch,
Weil er sein Leben lang um nichts im sauern Dienste kroch:
Du mühe dich nach seinem Brauch im Joch des Undankbaren,
So mag dir nach dem Tod wohl auch die Ehre widerfahren.

K. S. [Karl Simrock]


 << zurück weiter >>