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St. Gallen

223. Der Kaiser und der Abt

Ich will euch erzählen ein Märchen gar schnurrig:
Es war 'mal ein Kaiser, der Kaiser war kurrig;
Auch war 'mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr,
Nur schade! sein Schäfer war klüger als er.

Dem Kaiser ward's sauer in Hitz' und in Kälte:
Oft schlief er bepanzert im Kriegesgezelte;
Oft hatt' er kaum Wasser zu Schwarzbrot und Wurst;
Und öfter noch litt er gar Hunger und Durst.

Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen,
Und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen.
Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht;
Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.

Drob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader.
Einst ritt er mit reisigem Kriegesgeschwader
In brennender Hitze des Sommers vorbei;
Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei.

»Ha,« dachte der Kaiser, »zur glücklichen Stunde!«
Und grüßte das Psässlein mit höhnischem Munde:
»Knecht Gottes, wie geht's dir? Mir deucht wohl ganz recht,
Das Beten und Fasten bekomme nicht schlecht;

Doch deucht mir daneben, Euch Plage viel Weile.
Ihr dankt mir's wohl, wenn ich Euch Arbeit erteile.
Man rühmet, Ihr wäret der pfiffigste Mann,
Ihr hörtet das Gräschen fast wachsen, sagt man.

So geb' ich denn Euern zwei tüchtigen Backen
Zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken.
Drei Monden von nun an bestimm' ich zur Zeit:
Dann will ich auf diese drei Fragen Bescheid.

Zum ersten: Wann hoch ich, im fürstlichen Rate,
Zu Throne mich zeige im Kaiser-Ornate,
Dann sollt Ihr mir sagen, ein treuer Wardein,
Wieviel ich wohl wert bis zum Heller mag sein?

Zum zweiten sollt Ihr mir berechnen und sagen,
Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?
Um keine Minute zu wenig und viel!
Ich weiß, der Bescheid darauf ist Euch nur Spiel.

Zum dritten noch sollst du, o Preis der Prälaten,
Aufs Härchen mir meine Gedanken erraten.
Die will ich dann treulich bekennen: allein
Es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.

Und könnt Ihr mir diese drei Fragen nicht lösen,
So seid Ihr die längste Zeit Abt hier gewesen;
So lass' ich Euch führen zu Esel durchs Land,
Verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.«

Drauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen,
Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen.
Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un'vers'täten,
Er fragte bei eins, zwei, drei, vier Fakultäten,
Er zahlte Gebühren und Sporteln vollauf:
Doch löste kein Doktor die Fragen ihm auf.

Schnell wuchsen, bei herzlichem Zagen und Pochen,
Die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen,
Die Wochen zu Monden; schon kam der Termin!
Ihm ward's vor den Augen bald gelb und bald grün.

Nun sucht' er, ein bleicher, hohlwangiger Werther,
In Wäldern und Feldern die einsamsten Örter.
Da traf ihn, auf selten betretener Bahn,
Hans Bendix, sein Schäfer, am Felsenhang an.

»Herr Abt,« sprach Hans Bendix, »was mögt Ihr Euch grämen?
Ihr schwindet ja wahrlich dahin wie ein Schemen.
Maria und Joseph! wie hotzelt Ihr ein!
Mein Sixchen! Es muß Euch was angetan sein.«

»Ach guter Hans Bendix, so muß sich's wohl schicken:
Der Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken,
Und hat mir drei Nüss' auf die Zähne gepackt,
Die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt.

Zum ersten: Wann hoch er, im fürstlichen Rate,
Zu Throne sich zeiget im Kaiser-Ornate,
Dann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein,
Wieviel er wohl wert bis zum Heller mag sein?

Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen,
Wie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen?
Um keine Minute zu wenig und viel!
Er meint, der Bescheid darauf wäre mir Spiel.

Zum dritten, ich ärmster von allen Prälaten,
Soll ich ihm gar seine Gedanken erraten:
Die will er dann treulich bekennen: allein
Es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.

Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht lösen,
So bin ich die längste Zeit Abt hier gewesen;
So läßt er mich führen zu Esel durchs Land,
Verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.« –

»Nichts weiter?« erwidert Hans Bendix mit Lachen,
»Herr, gebt Euch zufrieden! das will ich schon machen.
Nur borgt mir Eu'r Käppchen, Eu'r Kreuzchen und Kleid,
So will ich schon geben den rechten Bescheid.

Versteh' ich gleich nichts von lateinischen Brocken,
So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken:
Was Ihr Euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt,
Das hab' ich von meiner Frau Mutter geerbt.«

Da sprang wie ein Böckchen der Abt vor Behagen.
Mit Käppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen
Ward stattlich Hans Bendix zum Abte geschmückt,
Und hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt.

Hier thronte der Kaiser im fürstlichen Rate,
Hoch prangt' er mit Zepter und Kron' im Ornate:
»Nun sagt mir, Herr Abt, als ein treuer Wardein,
Wieviel ich jetzt wert bis zum Heller mag sein?« –

»Für dreißig Reichsgulden ward Christus verschachert;
Drum geb' ich, so sehr Ihr auch pochert und prachert,
Für Euch keinen Deut mehr als zwanzig und neun,
Denn einen müßt Ihr doch wohl minder wert sein.« –

»Hum!« sagte der Kaiser, »der Grund läßt sich hören,
Und mag den durchlauchtigsten Stolz wohl bekehren.
Nie hätt' ich, bei meiner hochfürstlichen Ehr'!
Geglaubet, daß so spottwohlfeil ich wär'.

Nun aber sollst du mir berechnen und sagen:
Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?
Und keine Minute zu wenig und viel!
Ist dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?« –

Herr, wenn mit der Sonn' Ihr früh sattelt und reitet,
Und stets sie in einerlei Tempo begleitet,
So setz' ich mein Kreuz und mein Käppchen daran,
In zweimal zwölf Stunden ist alles getan.«

»Ha,« lächle der Kaiser, »vortrefflicher Haber!
Ihr füttert die Pferde mit Wenn und mit Aber.
Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.

Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen,
Sonst muß ich dich dennoch zum Esel verdammen.
Was denk' ich, das falsch ist? das bringe heraus!
Nur bleib mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!« –

»Ihr denket, ich sei der Abt von St. Gallen?« –
»Ganz recht! Und das kann von der Wahrheit nicht fallen!« –
»Sein Diener, Herr Kaiser! Euch trüget Eu'r Sinn:
Denn wißt, daß ich Bendix, sein Schäfer, nur bin!«

»Was Henker! Du bist nicht der Abt von St. Gallen?« –
Rief hurtig, als wär' er vom Himmel gefallen,
Der Kaiser mit frohem Erstaunen darein;
»Wohlan denn, so sollst du von nun an es sein!

Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe;
Dein Vorjahr besteige den Esel und trabe,
Und lerne fortan erst quid juris verstehn!
Denn wenn man will ernten, so muß man auch sän.«

»Mit Gunsten, Herr Kaiser! das laßt nur hübsch bleiben! –
Ich kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben;
Auch weiß ich kein sterbendes Wörtchen Latein.
Was Hänschen versäumet, holt Hans nicht mehr ein.« –

»Ach, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade,
Erbitte demnach dir ein' andere Gnade!
Sehr hat mich ergötzet dein lustiger Schwank:
Drum soll dich auch wieder ergötzen mein Dank.« –

»Herr Kaiser, groß hab' ich soeben nichts nötig:
Doch seid Ihr im Ernst mir zu Gnaden erbötig,
So will ich nur bitten, zum ehrlichen Lohn,
Für meinen hochwürdigen Herren Pardon.« –

»Ha, bravo! Du trägst, wie ich merke, Geselle,
Das Herz wie den Kopf auf der richtigen Stelle.
Drum sei der Pardon ihm in Gnaden gewährt,
Und obenein dir ein Panisbrief beschert.

Wir lassen dem Abt von St. Gallen entbieten:
Hans Bendix soll nicht ihm die Schafe mehr hüten.
Der Abt soll sein pflegen nach unserm Gebot
Umsonst bis an seinen sanftseligen Tod.«

Bürger.

224. Das Wunder von St. Gallen

Solch Äbtlein muß ich loben, wie jenes von St. Gallen! –
Da war ein Faß vom Besten in einen Schlund gefallen,

Ein Faß voll Schweizerblut, ein Pröbchen ohnegleichen!
Man zieht, und zieht – vergeblich! das Fäßlein will nicht weichen:

Mit scharf gespitzten Klauen hält es der Fels gefangen –
O, wie den armen Mönchen der Wange Rot vergangen!

Wohl manchem fließt ein Tränlein in seinen Bart, den grauen –
Da spricht der Abt: »In Nöten soll man auf Gott vertrauen!

Schämt euch, kleinmüt'ge Seelen! kennt ihr den Herrn nicht besser?
Herbei mit Kreuz und Fahne, herbei die Weihrauchfässer!«

Den Abt an ihrer Spitze, so ziehn sie nun zum Schlunde,
Sie machen betend, singend dreimal um ihn die Runde.

»Nun zieht noch einmal!« – Kräftig rückt's an dem Seil – es hebet
Das Fäßlein sich, o Wunder! wie's in den Lüften schwebet!

Halb von dem Seil getragen, halb fliegt's von selbst nach oben,
Als hätten ungesehen die Engel mit geschoben.

»Zieht, zieht!« – Gerettet liegt es auf grün bewachsnen Matten,
Die Mönchlein kosten weidlich im kühlen Waldesschatten.

Ob sie es ausgetrunken der Wundertat zu Ehren,
Ob noch ein Rest geblieben, ein andrer mag's euch lehren;

Ich aber sprech', wie jener, dem ich es nachberichte:
Ein Müller war's und schrieb einst des Schweizerlands Geschichte:

Das rauschende Tedeum, das diese Brüder sangen,
Als voll des klaren Trunkes die Kelche widerklangen,

Wie vielmal tönt' es besser, als wenn's die Fürsten singen
Auf blutgetränktem Schlachtfeld, für blutiges Gelingen.

Alex. Kaufmann.


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