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Oberstein

117. Die Felsenkirche zu Oberstein

Ich komm als büßender Pilger gegangen,
Vergebung der Sünden, Herr Papst, zu erlangen.
Die Firnen der Alpen, den ewigen Schnee
Schon hab' ich gerötet mit blutendem Zeh.

»Laß dein Vergehen uns, Ritter, erfahren,
Die wir die Schlüssel des Himmels bewahren.
Und haben dich Flammen der Reue durchwallt,
Uns wurde zu binden, zu lösen Gewalt.«

Wohl muß ich unsel'ger Tat mich verklagen:
Ich habe den eigenen Bruder erschlagen.
Von der Väter Schloß auf ragendem Stein
Warf ich hinab sein zerschmetternd Gebein.

»O wehe, wie sprichst du gelassenes Mutes!
Gedenke des himmelan schreienden Blutes.
Kein Opfer versühnte, vertilgte die Spur,
Ihr schaudert, im Tiefsten empört, die Natur.«

Mich reizte der Bruder auch widernatürlich:
Er wußte zu wohl, wie mir unwillkürlich
Jede Fiber erbebte, das Blut mir gerann,
Wenn eine Katze mich schleichend umspann.

Da steckte der Bruder mir, heiliger Vater,
In den Stiefel den scheußlichen, blinzenden Kater.
Ich fuhr hinein und wie ward ich begrüßt!
Das hat mit dem Leben der Spötter gebüßt.

»Nein, lächelt nicht, Säulen des römischen Stuhles,
Beweinet die Seele, die Beute des Pfuhles.
Sie ward nicht vom Feuer der Reue durchloht,
Ihr ist mit dem ewigen Feuer gedroht.

Du batest um Segen, ich sollte dir fluchen,
Geh hin in die Wüste, Zerknirschung zu suchen;
Du findest bei Tieren wohl menschlichern Sinn:
Da wohne, so ist es der Welt ein Gewinn.

Doch fühlst du im Busen die Folter sich regen,
So haben wir Buße dir aufzuerlegen:
Kehr heim mit gebrochenem, seufzendem Mut
Und gib an die Armen dein Geld und dein Gut.

Und wo der Erschlagene vorübergefallen,
Da lasse die Schläge des Hammers erschallen,
Erweiche mit Tränen den trotzigen Stein
Und grab eine Kirche dem Felsen ein.«

Der strafenden Worte ging keines verloren,
Sie waren ihm Dolche, sein Herz zu durchbohren.
Er hatte sich selbst wie im Spiegel gesehn:
Ein Scheusal, mußt' er entsetzt sich gestehn.

Nicht braucht er in Wüsten Zerknirschung zu suchen,
Er möchte sich selber viel härter noch fluchen.
Da wandt' er sich heim mit gebrochenem Mut
Und gab an die Armen sein Geld und sein Gut.

Und wo der Erschlagne vorübergefallen,
Da ließ er die Schläge des Hammers erschallen,
Erweichte mit Tränen den trotzigen Stein
Und grub die Kirche dem Felsen ein.

Er hämmerte fleißig den Tag und die Nächte,
Und sank ihm ermattet die nervige Rechte,
Du büßest, gedacht' er, den Brudermord,
Und hämmerte wieder und meißelte fort.

So trieb er es jahrelang ohne zu stocken:
Da luden zur Kirchweih' fröhliche Glocken.
Und als die Gemeinde versammelt war,
Der Graf lag tot vor dem Hochaltar.

Da sangen die Chöre: Nimm diesen nach oben:
Er gab uns dies Haus, dich zu flehn und zu loben.
Denn dein ist der Preis und die Ehre sei dein,
Du schmelzest die Herzen und schmeidigst den Stein.

K. S. [Karl Simrock]


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