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Toggenburg

225. Itha von Toggenburg

»Wem hast du den Ring gegeben?
Die so züchtig schien!
An des Jägers Finger eben,
Falsche, sah ich ihn.
Den Verräter schleiften Pferde
Nieder in sein Grab;
Daß die Schmach gerochen werde,
Sollst auch du hinab.«

Reden will die Gräfin, wenden
Schimpflichen Verdacht,
Zornesflammen ihn verblenden,
Hat des Worts nicht acht.
Hebt sie auf mit starkem Arme,
Von dem hohen Saal
Stürzt der Wüterich die Arme
Tief ins tiefe Tal.

Gute Geister schweben nieder
Aus des Himmels Zelt,
Spreiten englisches Gefieder,
Daß sie sanfter fällt,
Betten ihr auf weichem Moose,
Und erwacht sie jetzt
Ruht die Reine, Fleckenlose
Heil und unverletzt.«

Gnade deiner Magd erwiesen
Hast du, süßer Christ,
Nimmer wird es ausgepriesen
Wie du gnädig bist.
Heiligend zu neuem Bunde
Lädt der Gnade Schein:
Dir von dieser Schreckensstunde
Leb' ich, Herr, allein.«

Wo sich Ranken dicht verstricken
Bei des Adlers Horst,
Birgt sie vor der Menschen Blicken
Sich im tiefen Forst,
Nährt den Leib von Waldeskräutern,
Schöpft aus klarer Flut;
Sucht die Seele nur zu läutern
In der Andacht Glut.

Baut ein Hüttchen sich von Zweigen,
Deckt's mit Rinde rauh,
Betend in der Wildnis Schweigen
Kniet die heil'ge Frau.
Hat in Kreuzesform verbunden
Sich zwei Stäbe Holz,
Wunderbare Lust empfunden,
Wenn das Herz ihr schmolz.

Wollt' es dann nicht länger tagen,
Helles Licht herbei
Bracht' ein Edelhirsch getragen
Zwischen dem Geweih.
Und so saß sie viele Tage,
Saß viel Jahre lang,
Lauschend ohne Schmerz und Klage
Himmlischem Gesang.

Doch des Grafen Herz durchschnitten
Scharfe Zweifel oft,
Ohne Schuld hat sie gelitten,
Fürchtet er und hofft.
Spät verhört er seine Leute,
Allzuspät fürwahr
Wird dem Toggenburger heute
Ithas Unschuld klar.

Jenen Ring, des Bräut'gams Gabe,
Glänzend war sein Schein,
Diebisch haschend trug ein Rabe
Ihn vom Fensterlein,
Hielt das leuchtende Geschmeide
Froh im Schnabel fest,
Seine Jungen spielten beide
Gern damit im Nest.

Zogen Jäger drauf im Walde
Streifend da vorbei,
Hört der eine bei der Halde
Flügger Raben Schrei.
Sieht den Ring im Neste blitzen,
Schiebt ihn an die Hand:
Froh das Kleinod zu besitzen,
Kommt er heim gerannt.

Tückisch lauschen grimme Strafen
Seiner Goldlust dort;
Aber schwer gereut den Grafen
Jetzt der Doppelmord.
Nächtlich fährt er aus dem Schlummer,
Träumt bei hellem Tag,
Da vernimmt er, was den Kummer
Wohl besänft'gen mag:

»Nicht gestorben ist die Reine,
Im verwachsnen Wald,
Vor dem Kreuze kniest eine
Selige Gestalt.
Manche würden sie nicht kennen,
Ach, ihr schwand der Leib,
Doch ich weiß sie dir zu nennen:
Itha ist's, dein Weib.«

Neubelebt sie zu begrüßen
Stürzt der Graf hinzu,
Knieet nieder ihr zu Füßen,
Flehet: »Heil'ge du,
Unwert bin ich zu berühren
Deines Kleides Saum,
Dir zu richten muß gebühren,
Und ich hoffe kaum.

Kannst du dennoch mir vergeben,
(Selig ist verzeihn)
Als dein Diener will ich leben,
Will dein Knecht nur sein.
Ja, ich les' in deinen Augen,
Daß du mild vergibst!
Aber soll mir Gnade taugen,
Sprich, ob du mich liebst?«

K. S. [Karl Simrock]


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