Max Eyth
Im Strom unsrer Zeit. Erster Band. Lehrjahre
Max Eyth

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21.

Wirtschaft zum Ochsen. Hatham, Hertfordshire, den 30. Oktober 1861.

»Der Wind hat ein Klagelied gepfiffen, der Regen hat Tränen geweint« (ich habe aber seit zwei Tagen ein Regenmäntelchen!); »doch hat auch die Sonne manchmal ihm auf den Pflug gescheint!« So, eine wandelnde Parodie deines schönen Gedichts von den Glocken zu Speier, arbeitete ich mich auf den Feldern von Middlesex, bei Bedford, vom Heizer und Wasserträger durch alle Stufen der Dampfpflügerei empor, war nahezu auf der höchsten angelangt und steuerte meinen Pflug leidlich durch Dick und Dünn, als vergangenen Donnerstag um die vierte Stunde der sogenannte Anker, ein Pfeiler und Eckstein der ganzen Anstalt, zusammenbrach. Wie's so geht – des andern Morgens kam ahnungslos und ungeahnt mein wackerer Mr. Fowler daher, um unser Treiben wohlgefällig zu betrachten, nicht aber, um seinen Quäkergleichmut auf die Probe zu stellen; was geschah. Der Regel gemäß, seitdem ich pflügen lerne, hatte ich überaus schmutzige Hände, als er mir die seinen entgegenstreckte. Dies warf ein günstiges Licht auf mich und brachte mir eine freundliche Lobrede sowie zehn Pfund rückständigen oder noch zu verdienenden Tagelohn ein; denn das einzig Klare an der Rechnung war mir, daß ich sie brauchte. Sodann erklärte er mir, daß ich nun auf ein Feld versetzt zu werden verdiene, wo das Pflügen größere Schwierigkeiten darbiete, und daß er namentlich wünsche, mich vierzehn Tage im Regen arbeiten zu sehen; »das sei besonders interessant!«, was ich zugab.

So packte ich denn mein Ränzlein und nahm von Bedford, von meinen Mitknechten und von meinem Freund und zeitweisen Vorgesetzten, Mr. Hull, fröhlich gerührten Abschied. Hier muß ich nachtragen. Mr. Hull ist Fowlers Vetter, der Sohn einer reichen Quäkerfamilie in Uxbridge, in dessen Umgebung er mietweise dampfzupflügen versucht. Zu ihm wurde ich vor vierzehn Tagen gewissermaßen in die Lehre geschickt und fand in ihm einen liebenswürdigen jungen Mann, der mich alsbald mit Büchern versorgte. Erstaunter war ich, als er mich am Samstag vor acht Tagen nach Uxbridge abholte und mir so Gelegenheit bot, das Leben einer Quäkerfamilie kennen zu lernen.

»Wo rohe Kräfte sinnlos walten«, da mag der Reichtum seine Gefahren haben und hat für einen vernünftigen Menschen keinen besonderen Reiz. Wo ihn aber Bildung, oder Sitte, oder Menschenliebe, oder Religion, oder alles zusammen im rechten Geleise halten, da liegt in ihm etwas beneidenswert Anziehendes. Die Frau und Mutter des Hauses, ein echt englischer Typus, fein, fast noch schön in ihren alten Tagen, herzlich und lebhaft, zwei hochaufgeschossene Töchter – doch genug! Zwei Tage lang war ich Gast im Hause, besuchte die stillen, schmuck- und formlosen Meetings der »friends« und zog am Montag meiner Wege mit aufrichtiger Hochachtung vor Leuten, die mir, wo ich ihnen bis jetzt begegnete, stets dieselbe würdige und liebenswürdige Seite gezeigt haben. Mr. Tylor hat am Ende doch recht: Ich werde mehr und mehr »Open to conviction«.

Bluntsfarm, mein jetziger Aufenthalt, eine vieh- und fast herrenlose Wirtschaft, liegt ganz zwischen Wald und Feld, drei englische Meilen von jedem irgend bewohnbaren Schuppen oder Stall entfernt. Daraus ergab sich, daß ich in der Grafschaft Essex pflüge und in Hertfordshire wohne. Zurzeit befinde ich mich in letzterer, in einem gemütlichen Stübchen, wie man sie nur in englischen Dorfwirtshäusern trifft, im vollen Genuß der strahlenden Wärme englischer Kaminpoesie. Zwei Haustöchterlein unterbrechen mich abwechslungsweise, indem sie die Katze das eine Mal hereinlassen, das andre Mal wieder hinausjagen. Morgens früh, etwas vor sechs Uhr, in grauer Morgendämmerung, gehe ich den nächsten Weg dem Pfluge zu, über den stillen Kirchhof von Hatham, vorbei an einem alten, gut gotischen Kirchlein, das zwischen Platanen und echten Zedern fast begraben liegt, und wenn die Sonne blutrot über Essex aufsteigt, habe ich glücklich das flache Hochland und meine Bluntsfarm erreicht.

Dann beginnt die moderne Idylle sich zu regen. Es nebelt; der schwarze Qualm unsrer Maschinen ist von den grauen, treibenden Wolken kaum zu unterscheiden; unser Maschinist pfeift, und hinter dem Walde antwortet ein zweiter Pfiff; nicht das Echo, sondern eine weitere Lokomobile, die ein noch wunderlicheres Instrument als das unsrige langsam über die Stoppeln zieht. Dort drainieren sie nämlich mit Dampf; auch eine Erfindung unsers genialen Fowlers! Fünf Minuten vergehen und durch die Morgenstille, die das leise Schwirren unsrer Drahtseile noch nicht unterbricht, tönt fernher von der nächsten Farm ein dritter Pfiff; dort setzt sich eine Dampfmaschine in Bewegung, die Berge gedroschenen Strohs um sich herwirft. So werden sich die Idyllen der Zukunft wohl überall gestalten.

Aber anstatt das Bildchen in niedliche Verse zu bringen, gehe ich morgens und abends meinen Weg mit gesenktem Haupte und dichte und trachte, wie ich meine selbsttätigen Seilträger gestalten muß, um sie dem Vorhandenen ebenbürtig an die Seite stellen zu können. Es ist mein erster Gedanke auf diesem Gebiet. Schritt für Schritt bin ich seit vier Wochen gegangen; noch ist der letzte nicht getan, aber er wird getan werden und könnte weiterführen, als ich zu hoffen wage.


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