Egon Friedell
Kulturgeschichte des Altertums
Egon Friedell

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Die Päderastie

Sowohl die Kalokagathie als der Agon steht mit der griechischen Homoerotik in Zusammenhang. Gymnazein, Leibesübungen betreiben, heißt wörtlich nichts andres als »nackt sein«. Παιδεραστής, der Knabenliebhaber, ist, in unsere Vorstellungsweise übersetzt, etwa der »Damenfreund«, Παιδομανής, der »nach Knaben Tolle«, würde dem Weibernarren entsprechen, Παιδοπίπης, der »nach Knaben Gaffende« dem Schürzenjäger. Und ebenso wie bei uns das Mädchen, galt in Griechenland der Knabe erst nach der Geschlechtsreife als erlaubtes Liebesobjekt, Sexualverkehr mit Individuen jüngeren Alters als Schändung. Einen merkwürdigen Bedeutungswandel hat das Wort hetaireia durchgemacht. Es bedeutet ursprünglich ganz einfach Kameradschaft, dann einen Adelsklub, meist politischen Charakters, und schließlich die Prostitution, und zwar in vorwiegendem Sinne die männliche. Ἑταιρεῖν heißt ganz allgemein »sich für Geld preisgeben«, und erst ἡ ἑταίρα ist die Kurtisane, unter welcher Bedeutung allein noch das Wort im modernen Gebrauch fortlebt. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß man in der älteren griechischen Zeit unter dem »schönen Geschlecht« das männliche verstand. Welche offizielle Bedeutung der Päderastie in Sparta zukam, haben wir bereits gehört; es galt dort geradezu für schimpflich, wenn ein Jüngling in einem gewissen Alter noch keinen Liebhaber gefunden hatte: er spielte etwa die Rolle des jungen Mädchens, das noch nicht »unter die Haube« gekommen war. Auf Kreta soll die Knabenliebe, so behauptet wenigstens Aristoteles, bereits Minos eingeführt haben (als ob man so etwas einführen könnte), und zwar aus Sozialpolitik, um der Übervölkerung zu steuern! In Wirklichkeit aber war, wie im letzten Kapitel des 699 vorigen Bandes geschildert wurde, die minoische Kultur das gerade Gegenteil einer päderastischen. Soviel ist aber an der Sache offenbar richtig, daß die erotische Orientierung auf den Mann eine dorische Errungenschaft gewesen ist. In Ionien dürfte mehr orientalischer Einfluß im Spiel gewesen sein.

Man mag in der griechischen Geschichte blicken, wohin man will: Überall findet man Päderasten. Alle Zelebritäten waren es: Lykurg und Solon, Themistokles und Epaminondas, Aischylos und Sophokles, Plato und Aristoteles, Philipp und Alexander, selbst der untadelige Aristides. Nur Sokrates war auch darin das große griechische Unikum: Er liebte bloß »platonisch«. Auch die Götter machten keine Ausnahme: Zeus liebt den Ganymed, Apoll den Hyakinthos, Poseidon den Pelops, Hephäst den Peleus. Und überall: auf Säulen und Amphoren, Schilden und Diskosscheiben, Schemeln und Truhen, Schalen und Schläuchen fand man die Namen der Lieblinge eingegraben, und Phidias schrieb sogar auf einen Finger seines Zeus von Olympia »schöner Pantarkes«, während er (so behauptete wenigstens die chronique scandaleuse) einen anderen Freund, den Bildhauer Agorakritos, dadurch berühmt machte, daß er ihm einige Werke zur Signierung überließ. Am aufschlußreichsten ist überhaupt in solchen Dingen immer die Kunst. Und da zeigt es sich, daß die Frauengestalten der Vorperserzeit in Bau und Umriß wie Epheben gebildet sind und die weiblichen Geschlechtsmerkmale nur in ganz äußerlichem Ansatz zeigen und daß bis tief ins fünfte Jahrhundert hinein weibliche Nacktplastiken überhaupt noch sehr selten sind. Die griechische Lyrik bewegt sich zwar nicht ausschließlich, aber doch mit deutlicher Vorliebe in der homoerotischen Sphäre, und nur dort mit echter Leidenschaft; als der Knabentollste galt Ibykos, im Altertum hochberühmt, den meisten Heutigen wohl nur durch seine Kraniche bekannt. Daß die Liebe zwischen Mann und Jüngling sehr oft das Gefäß für die edelsten Empfindungen 700 bildete, geht schon aus den vorhin mitgeteilten Worten Platos hervor: für diesen ist bekanntlich sogar die Philosophie eine Sache des gleichgeschlechtlichen Eros. Diese platonische Erotik war ebensowenig unsinnlich wie die Liebe Tristans oder Romeos, aber ebenso wie diese zur höchsten Idealität verklärt, ja sie steigerte sich nicht selten bis zur Sentimentalität, die wir sonst im griechischen Wesen vergeblich suchen. Eine rein geistige Erotik hat aber erst die christliche Kultur entfaltet: die platonische Liebe war nicht platonisch.


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