Autorenseite

 << zurück weiter >> 

5.

(Die gepriesene Demuth.)

Wer die Erde recht beschaut,
Findet einen weiten Garten:
Hier wächst manch gesundes Kraut,
Hier sind Blumen vieler Arten,
Doch der Demuth edle Zier
Geht fast allen andern für.

Demuth hemmt der Misgunst Gift
Und den kalten Brand der Sünden;
Wer ohn' ihren Leitstern schifft,
Wird den Hafen schwerlich finden.
Demuth bietet Glück und Heil
Aller Welt umsonste feil.

Hoffart, Stolz und Uebermuth
Sind Propheten unsers Falles,
Demuth bleibt das höchste Gut,
Wer sie darbt, dem mangelt alles;
Demuth wird durch Einfalt klug
Und bekrieget den Betrug.

Demuth hasset Lob und Ruhm,
Demuth herrscht auch in dem Kittel,
Demuth ist ihr Eigenthum
Und ihr selbst der größte Titel;
Demuth übersteigt den Neid
Auch in ihrer Niedrigkeit.

Pappelsträucher rührt kein Blitz,
In die Eichen schlägt das Wetter;
Ja der Demuth Schattensitz
Trotzt die sichern Lorberblätter,
Wenn der Himmel brennt und kracht
Und die Erde furchtsam macht.

Edle Demuth, wer dich hat,
Tauschet nicht mit Mogols Schätzen;
Manchen kann ein rauschend Blatt
In die größte Furcht versetzen.
Dieß bleibt doch das beste Zelt,
Wo die Demuth Wache hält.


 << zurück weiter >>