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22.

(An Leonoren bei Absterben ihres Karl Wilhelm.)

Eher todt als ungetreu!
Dieser Leichentext soll zeugen,
Daß ich, wenn die Wetter steigen,
Gleichwohl Leonorens sei.

Eher todt als ungetreu!
Soll ich dich, mein Kind, nicht heben,
Halt' ich alle Lust im Leben
Vor des Himmels Tyrannei.

Eher todt als ungetreu!
Was gewinnt man auf der Erden?
Hoffnung, Kummer und Beschwerden
Und zuletzt nur späte Reu.

Eher todt als ungetreu!
Irrthum, Sehnsucht und Gedanken
Reißen durch der Jugend Schranken
Unsre Freude bald vorbei!

Eher todt als ungetreu!
Treue Liebe läßt die Plagen
Böser Zeiten noch ertragen
Und erquickt in Sclaverei.

Eher todt als ungetreu!
Du mein Schatz, und ich dein Glücke:
So verlachen wir die Stricke
Der vergällten Heuchelei.

Eher todt als ungetreu!
Neid und Pöbel kann nicht fassen,
Wenn wir ihm die Güter lassen,
Wie so wohl uns beiden sei.

Eher todt als ungetreu!
Tröste dich mit diesem Spruche,
Näh' ihn auf dem Leichentuche
Neben unser Conterfei.

Eher todt als ungetreu!
Glaube das, du treue Seele,
In der finstern Grabeshöhle
Schläft mir auch dein Schatten bei.


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