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Günther's Leben und Dichten.

In der Geschichte der deutschen Dichtung seit der Lösung ihres Zusammenhangs mit dem Leben war gerade ein Jahrhundert verflossen, als wenigstens in einzelnen Erscheinungen, auch außerhalb der Volkspoesie, eine erfreuliche Regung des deutschen Geistes zur Ausprägung des nationalen Gehalts als ein Vorzeichen endlicher Emancipation von der herrschenden Schule sich ankündigte. Am Anfang dieser Rückkehr zur Freiheit eigener Bewegung steht Johann Christian Günther, »der letzte Schlesier«. Mit ihm schließt die Reihe der Dichter, die mit Martin Opitz beginnt.

Seine Stellung in dieser Uebergangsepoche und die Eigenart seiner Natur verlangen eine breitere Anlage seiner Lebensgeschichte und eine tiefergehende Darlegung seines Könnens und Wollens, als bisjetzt zu geben versucht worden ist. Seit dem Wiedererwachen allgemeinerer Theilnahme für unsern Dichter sind diese Verhältnisse mehrfach, meist im Zusammenhange der allgemeinen Geschichte unserer Nationalliteratur, behandelt worden. Dennoch galt es, von vorn wieder anzufangen. Zu den altbekannten Quellen ist nichts Neues hinzugekommen. Johann Christian Günther's, des berühmten schlesischen Dichters, Leben und Schriften. Gedruckt in Schlesien 1738. Auf des Verfassers (Siebrand, Dr. Steinbach) eigene Unkosten. 8.
Schreiben an Herrn Dr. Steinbach in Breslau, bei Gelegenheit seiner wider den Herrn Prof. Gottsched in der Lebensbeschreibung von Günther, angeführten Beschuldigungen. O. O. u. J. 8.
J. Chr. Günther's aus Schlesien curieuse und merkwürdige Lebens- und Reisebeschreibung, Welche er selbst mit poetischer Feder entworfen u. s. w. Schweidnitz und Leipzig, 1732. 8.
Gespräche zwischen Joh. Chr. Günthern aus Schlesien In dem Reiche der Todten, Und einem Ungenannten in dem Reiche der Lebendigen u. s. w. Das Erste Stück 1739. 8.
Steinbach's »Leben Günther's« ist ein trockener Bericht über dasjenige, was er dürftigen Mittheilungen verdankte oder nach einzelnen Stellen der Gedichte, fast immer ohne Würdigung des Zusammenhangs und der besondern Stimmungen und Absichten des Dichters, sich selbst zurechtgelegt hat. Die poetische Autobiographie ist entschieden unecht und, obgleich sie von einem Bekannten Günther's aus den letzten Lebensjahren herrührt, nur mit Vorsicht zu benutzen. Die übrigen Schriften dienen besondern Zwecken, auf welche noch zurückzukommen ist. Was wir jetzt unsern Lesern zu bieten haben, konnte nur durch die sorgfältigste Erforschung, Sammlung und kritische Verwerthung des in den Gedichten selbst erkennbaren biographischen Stoffs erreicht werden.

Die gewöhnliche Annahme, daß Günther's Geburt in das Jahr 1695 falle, läßt mindestens einen Zweifel zu. Steinbach hatte von sicherer Hand, ja selbst von dem Vater die Angabe, sein Sohn sei 1698 geboren. Er hielt jedoch das Zeugniß des Predigers in Gränwitz, wo Günther getauft worden war, für zuverlässiger. Dieser gab nach dem Kirchenbuche den 8. April 1695 an. Eine handschriftliche Bemerkung in dem von mir benutzten Exemplar des Steinbach'schen Buchs von der Hand des ersten Besitzers lautet: »Ich selbst habe Günther in Wittenberg gekannt, da er mich oft besucht als ein angehender Studiosus, da ich schon in Leipzig vier Jahre vorher studirt hatte. Ich bin 1694 geboren, unmöglich konnte er damals nur ein Jahr jünger sein.« Der Schreiber meint, der Irrthum beruhe auf einer Verwechselung der Zahlen 8 und 5. In einem so kurz bemessenen Verlaufe eines reichen Lebens ist der Unterschied von drei Jahren doch nicht bedeutungslos. Günther selbst weist auf das Jahr 1698 hin (S. 239, V. 158). Im Frühling 1723 nennt er sich »kaum sechsundzwanzig« alt.

Sein Vater, der Doctor der Medicin Johann Günther, von Aschersleben im Magdeburgischen gebürtig, hatte sich als Praktischer Arzt in Striegau niedergelassen und eine Schlesierin, Anna Eichbander aus Breslau, geheirathet. Die beschränkten Verhältnisse des Städtchens, dessen Einwohner auf Ackerbau und auf die Gewinnung der damals zu Heilzwecken verwandten Siegelerde als fast ausschließlichen Gewerbszweig angewiesen waren, ließen die Familie nie zu einem nur mäßigen Wohlstande gelangen. Dies mochte dem Vater um so fühlbarer werden, da der Ort selbst keine Mittel für die Erziehung der Kinder bot, und er sich endlich entschließen mußte, den Sohn unter Umständen aus der Hand zu geben, die für sein Schicksal entscheidend geworden sind. Sonst war das Leben im Hause ein wohlgeordnetes. Was er selbst zu thun vermochte, daran ließ es der tüchtige Mann, der in seinem sächsischen Vaterlande eine gute Schulbildung genossen hatte und in strengem Festhalten am lutherischen Bekenntniß erzogen war, nicht fehlen. Der frühe Morgen sah ihn im Garten beschäftigt; ehe dann die Berufsarbeiten ihn aus dem Hause riefen, ging er erfrischt und heitern Gemüths an den Unterricht des Sohnes. Günther erinnert sich noch in spätern Jahren, mit welchem Wissensdrang er an dem Munde des Vaters hing. Das Lernen war ihm ein Spiel, das kein Schulpedantismus verdarb, geregelt und in die rechten Gleise gebracht durch verständigen Sinn, der keine andere Strafe kannte als zuweilen die Entziehung eines Lieblingsbuchs, zu dem der Knabe dann mit um so größerm Eifer zurückkehrte. Sonst war ihm unverboten, sein Wesen frei auszuarbeiten und ein Kind unter andern Kindern zu sein, die sich übrigens bald gewöhnten, sich seinem Willen unterzuordnen. Abends hörte er mit Entzücken die Sagen und Märchen seines Vaterlandes erzählen, oder er lauschte den »Liedern vom deutschen Kriege«, die die alte Magd auf der Ofenbank sang. Die glücklichsten Tage wurden im Pfarrhause zu Gränwitz verlebt, wohin er Sonntags den Vater zur Kirche begleitete. Hier fand er gleichaltrige Gefährten, denen er selbstgedichtete Verse vortragen, mit denen er sogar kleine Komödien aufführen konnte. Das durfte freilich nur hinter dem Rücken des Vaters geschehen; denn wenn er auch sonst jeder geistigen Beschäftigung des Sohnes gern entgegenkam, hier begegnete dieser einer entschiedenen Abneigung. In der Poesie sah der Doctor augenscheinliche Gefahr für Charakter und Lebensaussichten, und was über Versuche in lateinischen Versen hinausging, das rügte er unerbittlich und mit strenger Strafe. Der Noth, die er selbst bitter genug empfand, wollte er den Sohn überhoben sehen. Vielleicht sah er auch nicht ohne Sorge eine gewisse krankhafte Reizbarkeit schon früh zu Tage treten. Es gab Stunden, wo der kleine Günther um sein Seelenheil ernstlich bekümmert war, dank dem starren Offenbarungsglauben des Vaters; dann fand er Trost in phantastischen Träumereien, wo ihm das Bild des Erlösers überall entgegentrat; nun erschien ihm der Tod selbst erwünscht, da er ihm die Eingangspforte zum persönlichen Anschauen des Heilands zu öffnen verhieß. Als im Jahre 1707 der Schwedenkönig von dem besiegten Polen aus das neutrale Schlesien durchbrach, um den König Friedrich August in seinem eigenen Lande anzugreifen, da sahen auch Günther und seine kleinen Freunde die fremden Kriegsleute in der Nähe. Wie diese den Tag mit einem Gottesdienst unter freiem Himmel zu beginnen pflegten, so warfen auch die Kinder sich zum Gebet auf die Knie, und noch in spätern Jahren gehörte dieses Spiel, das ihm mehr Ernst als Schein war, dem er sogar eine segensreiche Wirkung für das Vaterland beilegen zu dürfen glaubte, zu den liebsten Jugenderinnerungen des Dichters. Hingen doch die Augen des ganzen protestantischen Deutschlands an dem jungen Helden, dem Schlesien die Wiederherstellung der im Westfälischen Frieden zugesicherten Religionsfreiheiten verdanken sollte. In solchen Spielen ist die Anlage einer wahrhaft poetischen Natur unverkennbar, dasjenige, was dieselbe innerlich bewegt und aufregt, gleichsam in dramatischer Gestaltung in das äußere Leben zu übertragen.

Im zwölften Jahre war Günther nicht allein des Lateinischen ziemlich mächtig und konnte sich im Griechischen forthelfen, sondern hatte schon eine Menge geschichtlicher und theologischer Bücher gelesen. Jetzt sah der Vater, daß er einen Geist beschworen hatte, den er nicht zu bannen vermochte; nicht zum Gelehrten wollte er den Sohn bestimmen, denn dafür sah er nirgends Rath, obgleich er außer ihm nur für eine Tochter zu sorgen hatte. Seiner Meinung nach würden die erworbenen Kenntnisse auch einem Handwerker zugute kommen. Jetzt begann eine Zeit des bittersten Jammers für Günther, der nun auf einmal die dunkelste Zukunft vor sich sah. Die Mutter konnte auch nicht helfen; sie war eine stille Natur, die sich unter den Willen ihres Mannes beugte, der das Leben, wie es nun einmal war, in festen Formen zu halten entschlossen war. Sie reiste mit dem Sohne nach Breslau, in der Hoffnung, daß ein Verwandter, ein Dr. Preuß, ihn zu einem vernünftigen Entschluß bringen werde. Jedoch dieser kam mit seinen Vorstellungen, »ein armer Mensch könne mit dem Studiren nicht fortkommen, wenn er nicht etwas Ausgezeichnetes leiste«, nicht weiter; denn eben das war es, wozu Günther die Kraft in sich fühlte. So suchte der Mann ihn endlich selbst mit dem Versprechen zu trösten, ihn für einige Jahre zu sich zu nehmen und nothdürftig für ihn zu sorgen. Aber er konnte kein Zutrauen zu diesen Verheißungen gewinnen und sah keine andere Rettung als im Vertrauen auf Gott. Die Mutter fand ihn einst an einer einsamen Stelle des Hofs im flehentlichen Gebet.

Wirklich trat bald darauf ein Ereigniß ein, das der Familie wie eine Schickung der Vorsehung erschien. Eines Abends ließ ein Fremder den Vater zu sich in das Gasthaus bitten; es war ein Doctor Thiem aus Schweidnitz, der mit dem Collegen ein paar Stunden verplaudern wollte. Das Gespräch kam auf die Verhältnisse des Ortes, die geringe Einnahme, die die Praxis abwarf, und damit auf die Hauptsorge Günther's. Was dieser von den Fähigkeiten des Sohnes erzählte, bewog den neuen Bekannten zu einem raschen Entschluß; er erbot sich, den Knaben in sein Haus aufzunehmen und für seinen Unterhalt theils selbst, theils durch Freitische zu sorgen.

So kam Günther, nach unserer Annahme etwa im zwölften Lebensjahre, auf die sogenannte evangelische Gnadenschule in Schweidnitz, deren Rector Leubscher, der Verfasser einer Geschichte der Familie Gryphius, ihn in die oberste Klasse setzte. Damit war der entscheidende Schritt für das Leben gethan; von nun an ist unser Dichter nur seinem eigenen Stern gefolgt. Dem schönen und aufgeweckten Knaben wurde bald Theilnahme und fördernde Hülfe entgegengetragen. Auf der Schule gelang ihm leicht und ohne besondern Fleiß, was andere nur mit Mühe erreichten. Zunächst begann er damit, hier, wo ihm die Schulbibliothek zu Gebote stand, durch Sammlung von Collectaneen den Grund zu einer ungemeinen Belesenheit in der classischen sowol wie in der neuern Literatur zu legen. Dabei freilich ging er von vornherein seine eigenen Wege, indem er beiseite liegen ließ, was ihm nicht behagte oder gar sein Wesen mit unnöthiger Last zu beengen schien. Vom äußern Druck, den die Hand des Vaters ausgeübt hatte, war er nun entbunden, was sonst nur in der Stille geübt werden konnte, damit durfte er öffentlich hervortreten: das Verbotene wurde nun erlaubt und gelobt, denn nicht blos lateinische, sondern auch deutsche Versübungen gehörten zum Lehrgang der Schule. Der Erfolg der jetzt in aller Freiheit getriebenen poetischen Beschäftigung entsprach überdies nicht dem Klageliede, das ihm über seine »poetischen Grillen« so oft gesungen worden war, wenn ihm gerathen wurde, »den Bettel mit dem Brotkorbe zu vertauschen«. Dem Rufe von seiner dichterischen Begabung hatte er nicht nur die Einführung in gebildete Familien zu danken, sondern auch manchen klingenden Lohn. Schweidnitz hatte nun an dem jungen Schüler einen Dichter wie andere Städte, an den man sich wenden konnte, wenn es sich darum handelte, ein Familienereigniß zu verherrlichen. Aus dieser frühen Zeit noch sind einige Gedichte dieser Art erhalten. Schon 1710 begrüßte er einen Pastor Fuchs mit einer poetischen Geburtstagsgratulation, die wenigstens das in diesem Falle genügende Verdienst besitzt, mit einer Fülle biblischer Reminiscenzen den Ton zu treffen, der hier anzuschlagen war, und der auch vier Jahre später in einem Leichengedichte beim Tode desselben Mannes, nur in vollendeterer Form und in größerm Gedankenreichthum, widerklingt.

Zu Anfang des Jahrhunderts war ein Mann nach Schweidnitz gekommen, dessen erste Jugendjahre mit Günther's Knabenzeit viel Ähnlichkeit haben. Benjamin Schmolke, der die Schulzeit unter Entbehrungen durchgemacht und in Leipzig das Studium der Medicin mit dem der Theologie vertauscht hatte, stand damals als Diakonus an der Friedenskirche. Auch er hatte sich durch seine Dichtungen Gönner und die Mittel für das Leben erwerben müssen. Jetzt stand die geistliche Dichtung seinem Herzen näher; seine Lieder wirkten segensreich im Hause wie in der Gemeinde, außerdem wurde er als ausgezeichneter Kanzelredner bewundert. Nach Fuchs' Tode zum ersten Prediger und Schulinspector ernannt, übernahm er den Religionsunterricht und trat so den Schülern und auch unserm Günther näher. Dieser begrüßte ihn im Namen der Mitschüler bei seiner Einführung in das neue Amt. Das Gedicht ist unbedeutend und konnte in seiner hochtrabenden Rhetorik wie in seiner Vermischung mythologischer Beziehungen mit christlichen Anschauungen den Gefeierten schwerlich befriedigen. Er wird das dem jungen Dichter nicht verschwiegen haben, der von nun an unter dem Einfluß seines Lehrers, wenn auch nicht im engsten Anschließen an die eigenthümliche Art desselben, manches geistliche Lied gedichtet hat. Ueberhaupt sehen wir ihn jetzt das Amt eines Schulpoeten verwalten, der die öffentlichen Feierlichkeiten durch seine Verse zu verschönen hatte. Am Sylvesterabend 1715 ließ Leubscher zu Ehren des in Schweidnitz lebenden Landeshauptmanns Anton von Schaffgotsch eine Cantate aufführen, zu der Günther den Text geschrieben hatte. Endlich bot sich ihm, ehe er die Schule verließ, am Schluß des Sommersemesters 1715 noch einmal die Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen. Unter den drei Schauspielen, die den Schulactus verherrlichen sollten, war ein von Günther übersetztes und ein anderes von ihm selbst verfaßtes; auch eine Cantate, die als Einleitung zu der drei Tage ausfüllenden Feier abgesungen wurde, war von ihm gedichtet. Was sich sonst aus jener Zeit an Gelegenheitsgedichten erhalten hat, mochte selbst damals nur für die Betheiligten von Interesse sein. Ueber das Gewöhnliche erhebt es sich kaum durch etwas anderes als das erkennbare Streben, alltäglichen Vorfällen durch eine sinnreiche Erfindung eine scheinbare Bedeutung abzugewinnen. Ansprechender erscheint uns schon eine Anzahl flüchtig hingeworfener Poesien, die sich auf kleine Ereignisse im Schulleben beziehen, denn alles Erlebte drängt ihn schon jetzt zu poetischer Gestaltung; selbst Briefe an entfernte Freunde, auch wo es sich nur um die kleine Tagesgeschichte handelt, dürfen des Schmucks der Reime nicht entbehren, die seiner Hand so geläufig geworden sind wie die alltägliche Prosa.

In den Kreisen seiner Freunde verschaffte ihm diese Fertigkeit schnell den Ruf eines anerkannten Poeten. Man sammelte seine Gedichte, von denen nur wenige gedruckt waren, und diese gelangten in vieler Leute Hände, aus denen sie später zurückkehrten, als der Wunsch nach Veröffentlichung seines Nachlasses sich aussprach.

Kein Wunder, daß in Günther's Charakter und Lebensweise schon jetzt nicht alles war, wie es hätte sein sollen. Die liebenswürdigsten persönlichen Eigenschaften, Gewandtheit in den Umgangsformen, daneben eine ungewöhnliche Gabe des Wortes ließen ihn im geselligen Leben glänzen. Solche Erfolge führten zu einer Ueberschätzung seines Könnens und zur Ueberhebung über andere, deren Ansichten und Bestrebungen außerhalb seiner Beurtheilung lagen; namentlich erschien ihm alles, was sich mit dem eingebildeten Recht der Uebertragung der Dichtung ins Leben nicht abzufinden wußte und andere, ernstere Wege ging, ja endlich jeder praktische Beruf selbst als eine niedrige Beschäftigung. Er fühlte sich sogar berufen, von seiner unfertigen Stellung aus den Kampf dagegen aufzunehmen. Noch mehr: wie alle phantasievollen Menschen dem Genuß geneigt, nahm er hin, was die wohlhabende und lebenslustige Stadt ihm zu bieten hatte, zuerst angezogen durch den Reiz der Neuheit, dann befriedigt und glücklich in seiner Gewöhnung, alles in poetische Beziehung zu sich selbst zu setzen. So wurde er getrieben und ließ sich treiben; wohin? daran dachte er nicht. Eine Gefahr erblickte er nicht in diesem Erfassen und Aneignen der flüchtigen Erscheinungen des Lebens. Und doch war er eigentlich in Verhältnisse gerathen, die den gewöhnlichen Lebensgang geradezu umkehrten. Es war ihm eine Existenz bereitet, die nicht als der Erfolg einer Arbeit angesehen werden konnte, und den mühelos erworbenen Lohn lernte er rasch in alles dasjenige umsetzen, was seinen Wünschen entsprach. Warum, so meinte er, sollte ihm die Zukunft weniger bieten, wenn mit der Uebung die Kraft wuchs und Vollendeteres gegeben wurde? Dazu kam noch der Leichtsinn der Zeit, oder sollen wir lieber sagen der Umgebung, in der er lebte? Nur dadurch erklärt sich manches, was befremdend schon in vielen Jugendgedichten Günther's, fast abschreckend aber in dem erwähnten Drama uns entgegentritt, das gerade in seinen gelungensten Stellen eine Einsicht in Dinge, eine Vertrautheit mit Verhältnissen verräth, die sonst in diesem Alter undenkbar erscheinen müßte. Und das konnte als Arbeit eines Schülers von Schülern unter den Augen eines Mannes wie Benjamin Schmolke öffentlich aufgeführt und selbst gedruckt werden!

Unter solchen Zerstreuungen und bei der Neigung Günther's, auf der Oberfläche des Lebens zu schwimmen, lief seine dichterische Begabung Gefahr, über ein Spiel, das ihn selbst und seine Freunde vorübergehend erfreute, nicht hinauszukommen. Aber davor bewahrten ihn der Reichthum der Phantasie, die Kraft der poetischen Gestaltung, die in der Tiefe seines Gemüths ungeweckt lagen, bis eine äußere Veranlassung, eine starke Erregung in Freude oder Schmerz seine Theilnahme einschneidend und dauernd in Anspruch nahmen; was seine Stimmung erhob, das brach gleichsam unwillkürlich aus seinem Herzen hervor; was ihn beengte, das suchte er aus sich heraus und in die Ferne zu rücken. Und die leichtlebige Schülerzeit war doch nicht ganz frei von beängstigenden Eindrücken; ein Freund, sein »Damon«, dessen Bild selbst am Ende eines stürmisch bewegten Lebens nicht verblichen war (S. 234, V. 88), fiel im Streit durch die Hand eines Mitschülers.

Günther's Beziehungen zum weiblichen Geschlecht werden von dem leichtfertigen Treiben, das unter den Schweidnitzer Schülern geherrscht zu haben scheint, nicht unberührt geblieben sein. Eins der Jugendgedichte (Ausgabe von 1742, 258) ist der ungenirteste Ausdruck der Begehrlichkeit und Unbeständigkeit: die Liebe ist eine Waare, die stets frisch am besten mundet, wobei es nichts verschlägt, ob dieselbe schon durch andere Hände gegangen ist, Treue eine Thorheit u. s. w.:

Und bin ich dann fertig, dann schwenk' ich den Hut,
Und gehe zur Andern, die eben das thut!

Und doch tritt er in derselben Zeit in einer größern Dichtung (1059) mit einer enthusiastischen Verherrlichung der Liebe auf. Er umkleidet den Gemeinplatz, daß die Liebe die Seele der Welt sei, die Schöpferin und Lenkerin alles Lebendigen, mit einem Schwall bombastischer Redensarten, Gleichnisse und Concetti, wie sie ihm aus der Lektüre vaterländischer Dichter geläufig waren; aber es läuft doch mancher hübsche Gedanke aus Günther's Eigenthum mit unter, und den abgenutzten Beispielen von Göttern und Helden setzt er das Liebesleben edler Sänger, wie Petrarca, entgegen, indem er für diese ein besonderes Vorrecht in Anspruch nimmt:

Denn wer die Liebe nur von Hörensagen kennt
Und auf dem Pegasus nicht den Parnaß durchrennt,
Der kann die Liebe nicht mit Lotusblumen krönen.

Mag jenes erste Gedicht auch nur der unmittelbare Ausdruck fröhlichen Uebermuths sein, der wunderlich und verletzend mit dieser poetischen Verherrlichung contrastirt, so spiegelt sich darin doch seine eigentliche Natur wider, einer poetischen Apperception gegenüber, welche das Bessere erkennt, schon jetzt als ein getreues Bild des Zwiespalts, des Streites zwischen zwei Gewalten, der im Leben nie zu einem versöhnenden Abschluß gelangt ist. Eins mochte ihn jedoch schon früh, zu zeiten wenigstens, über die Gemeinheit sinnlicher Erregung hinausrücken. Günther erzählt selbst (473), mit dem ersten Erwachen seiner Neigung zur Poesie sei ihm auch das Bewußtsein gekommen, »daß Liebe Leben sei«, und beide Empfindungen seien in ihm zu einer verwachsen. Die Poesie habe sich ihm dankbar erwiesen, denn sie sei es gewesen, die ihm das erste Glück zuführte. Die Liebe ist auch in der That dasjenige, was seine Dichtung gerettet hat, wenn sie auch nicht die Kraft besaß, ihn selbst zu retten. Zu den Gönnern, die sich Günther durch seine poetischen Dienstleistungen, wie durch seine persönlichen Eigenschaften erworben hatte, gehörte auch ein Herr von Bock und Polach, der einen Landsitz, Roschkowitz, in der Nähe von Schweidnitz besaß. Das Gut war früher im Besitz Lohenstein's gewesen, dem es seine Frau, Elisabeth Herrmann, zugebracht hatte. Hier, wo noch die Erinnerung an den Dichter und seine Freunde lebendig war, wo noch der »heilige Stamm« einer alten Eiche stand, die Lohenstein, Logau und Gryphius besungen haben, durfte Günther manche glückliche Stunde verleben. Doch lassen wir den Dichter selbst reden (668):

Dein angenehmer Kreis, dein schmeichelndes Gefilde,
In welchem, wenn der Süd auf dem Getreide schifft,
Die Einfalt der Natur den Maler übertrifft,
Macht unser Schlesien zu Edens Ebenbilde.
Der Tag gab gute Nacht, der Abend ward gleich jung,
Als ich den ersten Fuß auf deinen Boden satzte;
Der West, so dazumal mit deinen Linden schwatzte,
Bezaubert noch mein Ohr durch die Erinnerung.
Wie ofte reizte mich die Wollust deiner Auen,
Wenn mir ein heitrer Tag die Lust zur Arbeit stahl,
Bald einen frischen Hain, bald ein lebendig Thal,
Bald die Ergetzlichkeit der Wiesen anzuschauen!
Wenn dann nur der Horaz, so mein Gefährte war,
Sein Tibur mir beschrieb, so konnt' ich hier das Wesen,
Gleichwie den Schattenriß aus seinem Buche, lesen.

Die Sehnsucht nach diesen Tagen klingt in seiner Dichtung noch häufiger wider, am stärksten aber, als er den Boden seines geliebten Vaterlandes für immer verlassen hatte (474):

O allerliebster Ort, wie sollt' es mich ergetzen,
Noch einmal meinen Fuß auf deine Trift zu setzen!
Ach, kleines Roschkowitz, wie wohl gefällst du mir!
Mein Ruhplatz ist noch fern, ach wär' ich doch in dir!
Ach, käm' es mir so gut, mit Büchern und mit Singen
Nach überstandner Angst mein Leben hinzubringen!
– – Dergleichen Sehnsuchtslieder
Bewegten dort herum das Echo hin und wieder.
Da lebte Günther wohl, da war noch eine Zeit,
Da wußten wir noch nichts von Noth und Dürftigkeit.

Aber noch mehr, diesem Orte verdankte er das erste Liebesglück, hier auch hatte er den schmerzlichen Verlust desselben zu beklagen.

Goethe's Ausspruch, daß die Deutschen immer eine besondere Frömmigkeit gegen früh abgeschiedene Talente bewiesen haben, trifft auch bei unserm Günther zu. Nicht blos der Werth seiner Dichtungen selbst, sondern in fast gleich hohem Grade sein Lebensgeschick haben ihm die Aufmerksamkeit unserer Zeit wieder zugewandt, und hier ist es wieder sein Liebesleben, was diese Theilnahme so einstimmig erscheinen läßt. Deshalb dürfen wir nicht den Vorwurf erwarten, daß wir uns auf Kleinigkeiten einlassen, wie sie die Neuzeit in dem Leben der Heroen unserer Literatur an das Licht zu fördern liebt, wenn wir den Versuch machen, in diese Verhältnisse endlich Klarheit zu bringen. Im Vordergrunde der gesammten Dichtung Günther's steht seine Leonore. Sie war nicht seine erste Liebe, sowenig wie sie seine einzige blieb; aber immer kehrte er zu ihr zurück, wenn das Geschick ihm die Wege zu ihr wieder ebnete, bis endlich nach ihrem Verlust ihr Bild wenigstens ihm zur Seite stand, um endlich noch das Dunkel der letzten Stunden tröstlich zu erhellen.

Ein Mädchen – Günther nennt sie Philindrene, Florette, Flavia – theilte mit ihm den Genuß der Tage in Roschkowitz. Es war eine alte Bekannte aus der Heimat, schon in frühester Kindheit ihm nahe verbunden, wol von Gränwitz her, wo Günther den Kindern seine Verse vorlas. Die Liebe zur Poesie hatte sie wieder zusammengeführt. Der Dichter redet seine Muse an (473):

Jetzt kam mir der Besitz von deiner Gunst zu statten,
Dort wo mir Roschkowitz im kühlen Lindenschatten
Durch Philindrenens Kuß den ersten Wunsch entführt,
Und wo ihr Name noch viel glatte Birken ziert. –
Der Kindheit Morgen warf den Zunder in die Brust,
Der nach und nach entglomm, die erste Liebeslust
War Spiel und Dockenwerk. –
Wir waren schwach und klein, die Liebe stark und groß
Und größer als wir selbst. Oft trug uns eine Schoß,
Oft führt' uns eine Hand, noch öfter das Verlangen;
Auch unser Unverstand verstand die Liebe schon.

(Nachlese 107.)

Als die beiden sich wiederfanden, da glaubten sie sich für alle Zukunft verbunden; aber »was der Himmel gab, das nahm die Erde hin«. Philindrene – Flavia starb, wie es scheint unter besonders schmerzlichen Umständen, vielleicht durch einen Unfall getödtet. Eine größere unvollendete Elegie »Auf den Tod seiner Flavia« (Nachlese 102) deutet dies nur an, ohne etwas Bestimmtes auszusagen. Der Anfang:

Stirbt meine Flavia? so klagen meine Flöten;
Der Schlag, der sie gefällt, muß mich auch selber tödten –

kehrt in allen Strophen verschieden gewendet: »betäubt, verletzt, gerührt, entseelt« wieder; ja es scheint, als ob das Unglück mit dem erwähnten »heiligen Baum« zusammenhänge; die Worte des Gedichts (S. 223, V. 69 fg.):

Bald schmeißt mich Philindrenens Leiche
Mit neuer Ohnmacht in den Staub;
Da zeigt mir Roschkowitz die Eiche,
Da denk' ich an den süßen Raub –

wüßte ich sonst kaum zu erklären. Die beiden Gedichte (S. 5 und 6) sind der unmittelbare Ausdruck seiner tiefen Trauer. Aber der Schmerz ging vorüber wie eine beängstigende Traumnacht. Vielleicht hatte dieses Mädchen nur Günther's Phantasie beschäftigt, ohne sein Herz zu erfüllen, aber jedenfalls hatte er nun begreifen gelernt, daß die Liebe eine höhere Bedeutung habe als die, welche er ihr einst zugestehen wollte. Er fühlte sich geläutert und zu edlerm Gefühlsleben neugeboren. In dieser Stimmung begegnete er Leonoren.

Obgleich eine beträchtliche Anzahl von Gedichten, Liedern sowol als poetischen Briefen, ihren Namen trägt, so ist es doch nicht leicht, überall zu klarer Einsicht in das Thatsächliche zu gelangen. Was wir darüber zu sagen haben, will nicht die Liebe Günther's in ihren poetischen und psychologischen Momenten schildern, denn diese sollen dem Leser eben in unserer Auswahl aus den Gedichten vor Augen treten; es können vielmehr nur die für das Verständniß des Einzelnen erforderlichen biographischen Beziehungen dargestellt werden. Daß es wieder Roschkowitz war, das des Dichters Herz für den bittern Verlust entschädigte, geht aus zahlreichen Stellen der Gedichte hervor; auch jetzt wieder trat er durch seine Dichtungen der Geliebten näher. Zuerst sah er sie von der Wohnung eines Freundes aus an einem Fenster in der Nachbarschaft, dann vermittelte der rege gesellige Verkehr auf dem Bock'schen Landgute die nähere Bekanntschaft; hier endlich empfing er das Geständniß ihrer Liebe, wie sie selbst den Ring von seiner Hand. In den Gedichten werden ferner manche kleine Vorfälle, wie sie nur für die Liebenden selbst von Bedeutung sind, anmuthig dargestellt, aber über die wichtigsten Dinge, die erste Untreue, die Umstände, die die beiden nach Jahren wieder zusammenführten, und das endliche Schicksal Leonorens, nachdem Günther sie verlassen, darüber fehlt uns jede genügende Auskunft. Selbst das, was wir über den wahren Namen des Mädchens erfahren, beruht auf einer Tradition, die durch keinerlei Mittheilung von Günther selbst volle Bestätigung erhält. Die Gewohnheit Günther's, eine Reihe fingirter Namen zu gebrauchen, hat hier viel Verwirrung angestiftet. Es ist schwer, sich unter den Philidoren, Selinden, Anionen, Olorinen zurechtzufinden, während er selbst in den Namen Philimen, Elidor, Saladin, Orpheus leicht zu erkennen ist. Am häufigsten wird, aber nur in den Gedichten aus der Schülerzeit und dem Studentenleben in Wittenberg, der Name Magdalis neben Leonoren genannt, und es erscheint auf den ersten Anblick unbedenklich, die beiden für identisch zu nehmen. Die Gedichte, die mit diesem letzten Namen bezeichnet sind, lassen etwa Folgendes erkennen. Sie hatte, im vollsten Verständniß seines Wesens und ihm geistig verwandt, namentlich durch ihren offenen Sinn für Poesie, sich ihm ganz zu eigen gegeben, aber davon durfte die Welt nichts erfahren. Die alte Feindschaft der »Kläffer« gegen junges Liebesglück hatten auch sie bitter zu empfinden. Der Genuß des Augenblicks, der Hinweis auf die endliche Vereinigung für das Leben mußten für manche Kränkung und Sorge entschädigen. Ihren Umgang mußten sie geheimhalten. Der Zufall hatte sie einmal – es war zu einer Zeit, wo seine Abreise von Schweidnitz nahe bevorstand – auf dem Kirchhofe zusammengeführt, und dieser Ort, wo die Aeltern im Grabe ruhten, bot ihnen von nun an eine sichere Zuflucht. In der Form eines Schäfergedichts, das wol eine vollständige Geschichte seiner Liebe werden sollte, aber leider unvollendet geblieben ist, wird alles dieses erzählt (Nachlese 111). Mehr als sieben Wochen waren verflossen, seit Philimen seine Philidore nicht vertraut gesprochen hatte, kein Druck ihrer Hand war ihm vergönnt gewesen, kein Blatt hatte ihm verstohlene Nachricht gebracht. Das war das Werk des Neides und des Hasses, vor allem der Mutter, die die Tochter mit Verfolgungsblicken hütete. So ließ der unglückliche Schäfer seinen Klagen freien Lauf; da auf einmal fühlte er sein Antlitz rückwärts durch ein paar Hände gebunden; als er sich wandte, stand die Geliebte vor ihm, die gekommen war, »um an dem Grabe der Aeltern betrübten Trost zu holen«. Unter Kosen und tröstenden Worten über die Zukunft gingen die Stunden hin. Der Ort des Todes wurde für sie der Ort lebendigen Glücks. Leonore soll nur ausharren; sie ist ja das Einzige, an das er sich halten kann, das fühlte er wohl. Sie hatte ihm nicht blos seine Liebe, sondern ihr Leben zu danken; in schwerer Krankheit hatte er sie gepflegt, und mit Gottes Hülfe war sie durch ihn genesen. So möge sie an ihn und sein Wiederkommen gedenken, ihr Leben werde sie einst in süßer Ruhe verbringen, und ihr Name solle in seinen Büchern blühen. Nur wenige biographische Anhaltspunkte ergeben sich aus diesem Gedichte. Leonore war aus Leipzig gebürtig:

Ich will den Pleißenstrand um deine Lieb' erheben,
Ich will dem Rosenthal des Pindus Ehre geben,
Nachdem mir sein Revier, als deine Vaterstadt,
Den besten Schatz der Welt an dir gegeben hat.

Die Mutter ist die unwillige Hüterin der Liebe ihrer Tochter zu einem Schüler ohne Aussicht und über dessen Ruf nicht gut gesprochen wurde. Dies war auch die Hauptgefahr, die dem Paare drohte. Eine Anzahl Günther'scher Gedichte ist unter dem Eindruck dieser Befürchtung geschrieben. Und nur zu bald, kurze Zeit nach seiner Abreise von Schweidnitz, sollte sich dieselbe erfüllen. Leonore, wankend gemacht durch die schlimmen Gerüchte über Günther, gab dem Willen der Verwandten nach und verlobte sich mit einem Andern. Ein Brief in Alexandrinern (S. 31) »An die ungetreue Leonore«, nicht gerade von hohem poetischen Werth, schildert in leidenschaftlicher Bewegung, was sein Herz empfand, als er sich über sein Geschick nicht länger täuschen konnte. Immer noch mochte er es nicht glauben; hätte alle Welt, ja ein Engel das vorausgesagt, so würde er gesagt haben: sie reden wie die Thoren. Wie konnte sie, die selbst die Asche der Aeltern als Zeugen ihrer Treue angerufen, so mit Eid und Schwüren scherzen, sie, an der sein irdisch Heil gehangen, um die er so viel gelitten, die ihm so viel zu danken hatte. Nicht auf sein Verdienst will er pochen, und doch muß er es sagen: wer hat sich ihrer angenommen, als ihr Ansehen und Geschlecht vor der halben Stadt ihr Lob verloren, wer hat sie in ihren Angelegenheiten berathen? Jetzt darf er wol an ihre Krankheit erinnern, wie er im Jammer die Nächte durchwachte, wenn seine Hülfe nicht anschlagen wollte. Ach, warum gönnte er sie nicht dem Tode! Aber mit Stolz darf er auf das blicken, um was ihre Falschheit sie gebracht; nicht blos holdes Liebesglück hatte sie verscherzt, sondern auch ewigen Nachruhm, das Erbtheil der Frauen, die von Dichtern geliebt werden:

Steh nächtlich einmal auf und miß die hohe Ferne,
Und sieh den Milchweg an, der ist der Helden Haus.
Dem Name mehrte dort den Glanz der holden Sterne,
Ich las bereits den Platz für dessen Bildnis aus.

Dafür wird sie die Hölle auf Erden haben mit dem Manne ihrer Wahl; dann wird die Sehnsucht nach dem Verlorenen kommen, der Gedanke an Gärten, Gras und Linden, unter denen einst sein Schoß ihr schläfrig Haupt gewiegt, an die Sommernächte mit Spiel und Tanz, Küssen, Versen und Sträußen von treuer Hand, an die Stunde, wo der Ring ihre Hand gebunden. Sie mag nur vorschützen, man habe sie gezwungen: dem wahrhaft Liebenden haben Flehen und Zwang nichts an. Und doch könnte er sich bereden, es sei nichts geschehen, wollte sie nur zurückkehren! Aber Leonore spottet seiner Klagen und sieht ihn nicht mehr mit ihren Augen an.

Auch hier erfahren wir nichts über ihre Familienverhältnisse. Günther's erster Biograph berichtet, sie sei die Tochter eines Arztes, Dr. Jachmann, gewesen und ihrem Günther untreu geworden, indem sie sich mit einem Manne Namens Täuber verlobte. Die Trauung habe am 14. Januar 1716 stattgefunden. Es bleibt ungewiß, ob er sich für diese Angabe auf eine besondere Nachricht berufen konnte. Ein Jachmann gehörte zu Günther's Freunden, ihm widmete er in Schweidnitz eine Abschiedscantate (953). Daß Leonore einen Bruder hatte, wird gelegentlich erwähnt. Ein Hochzeitsgedicht, dessen Titel in der ersten Ausgabe vollständiger lautet als in den letzten seit 1735: »Das bei der An. 1716 den 14. Jan. in Schweidnitz glücklich vollzogenen Täuber- und Jachmann'schen Vermählung aus dem Namen der Jungfer Braut Maria Euphrosina errathene Wohl und Wehe ihres veränderten Standes«, gibt in seinem gemachten Tone keinen bestimmten Anhaltspunkt für die Annahme, daß die Braut Günther's Leonore sei; aber ein Gedicht (560), das noch von Schweidnitz herzustammen scheint: »Als er von seinem Nebenbuhler ausgestochen zu werden besorgte«, nennt gleich in der ersten Zeile den Namen Täuber's. Hier ist die Stimmung gereizter; Günther kann den Vorwurf nicht zurückhalten, daß die Geliebte doch zu denen gehöre, die den Grund ihres Glücks auf Gold und Silber bauen. »Ja, wiegt der Beutel nur fein schwer, so wird der Bräut'gam flugs erwählet!«

Es fragt sich nun weiter: ist der Name Magdalis wirklich auf Leonore, also nach jener Annahme Steinbach's auf Maria Jachmann zu beziehen? Die Gedichte (S. 16-19), Sonette und Madrigale enthalten nichts, was dem entgegenstände. Zu Ende des Jahres 1715 wollte Günther seine akademischen Studien beginnen. Im November finden wir ihn in Frankfurt an der Oder; doch hier blieb er nicht, wandte sich vielmehr von da nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin nach Wittenberg, wo er im December ankam. Am 15. November hatte er in tiefer Bewegung einen Brief voll banger Ahnung für die Zukunft seiner Liebe an Magdalis geschrieben (S. 26). An Magdalis ist auch der »Schluß eines Abschiedsbriefs« (S. 27) gerichtet, das Gedicht »Erzählt ihr kalten Nordenwinde« (S. 29), in Wittenberg gedichtet, sagt ausdrücklich, daß sie schon in Schweidnitz die Seinige war. Alles paßt auf Leonore; ebenso der Umstand, daß er sich in dem Sonett (S. 17) »Saladin« nennt, was sonst auch Leonoren gegenüber geschieht. Aber diese Combinationen werden wieder wankend, wenn wir einen Brief (623) lesen, der am 10. Juli 1716 geschrieben ist. Es mochten wol beunruhigende Gerüchte über Günther nach Schweidnitz gedrungen sein, und Magdalis hatte ihm ihren Gram darüber nicht verhehlt. Er weist den Vorwurf der Falschheit, die ihm ihre Verwandten schuldgeben, zurück: die »Schwester« könnte ihm durch einen Brief einen Possen gespielt haben. Sie habe doch im vergangenen Jahre seine Liebe erkannt; so quäle sie sich unnütz und kürze nur ihr schönes Leben. Er selbst spinne in der Einsamkeit den Kummerfaden, kein Freudenstern sei ihm in Wittenberg aufgegangen. Sie möge sich in der Hoffnung beruhigen, daß die Zukunft sich besser gestalten werde. Wichtig aber ist folgende Stelle: Die Mutter (»die dich noch als Kind gesäugt«) soll einen guten Sohn an ihm haben; dem Vater, dem Bruder (»der bei uns der Künste Preis erlangt«), der Schwester (»die jetzt für dich den Vorspruch thut«), wünscht er alles Glück. Leonore war schon seit sechs Monaten verheirathet; wie konnte da noch von einer Ehe mit ihr die Rede sein, wie konnte Günther überhaupt in diesem Tone schreiben? So wären die beiden Namen doch nicht identisch. Steinbach nimmt dies geradezu an, ja er meint, Magdalis sei eine Schwester der ersten Geliebten gewesen, »der der gute Günther Wind vorgepfiffen, wie er es denen andern gemacht, die sich seiner Dichtkunst wegen unsterblich in ihn verliebt«. Dann stände die Sache freilich anders. Nach Leonorens Verlobung hätte sich Günther der Schwester zugewandt. Auch andere Umstände scheinen für diese Annahme zu sprechen. Es würde sich dann erklären, daß Günther bei Leonorens Hochzeit ein Gedicht schreiben konnte, das oberflächlich scherzen, ja mit Zweideutigkeiten spielen kann, wo ihm sonst das Herz hätte brechen müssen; denn in diesem Tone ist der Glückwunsch gehalten. Aber wie wäre dieser Wechsel in der kurzen Zeit eines Jahres psychologisch zu erklären bei der Tiefe der Leidenschaft und der Innigkeit der Empfindung, die sich in jeder an Leonore gerichteten Zeile ausspricht? Ueberdies müßte dann dies alles noch in Schweidnitz geschrieben sein. Und wie käme es, daß der Dichter, der sich selbst der flüchtigen Liebschaft seiner ersten Jugend, Philindrenens, so gern erinnert, der Magdalis, die er doch auch verloren haben müßte, später mit keinem Worte mehr gedenkt? Versuchen wir die Widersprüche zu lösen. Leonore hatte in der That eine Schwester, die wie sie kein Glück in der Ehe gefunden hatte; dies hat zunächst die Verwechselung veranlaßt. Günther kam mit Leonoren auf dem Kirchhofe bei den Gräbern ihrer Aeltern zusammen; in dem Briefe an Magdalis werden diese als noch lebend geschildert; in dem obenerwähnten größern Gedichte wird wenigstens Leonorens Mutter noch erwähnt. Ich denke mir, dies erklärt sich einfach daraus, daß Leonore Stiefältern hatte. Die erwähnte Mutter war die zweite Frau ihres Vaters, der sie geheirathet hatte, als Leonore noch ein Kind war, das der Mutterbrust bedurfte – sonst wären die oben angeführten Worte (S. XXIII) unnütz –; als dann auch der Vater gestorben war, heirathete die Stiefmutter zum dritten male. So lebte sie eigentlich in unglücklichen Verhältnissen, die vieles, z. B. die Ordnung ihrer Angelegenheiten durch Günther, verständlich machen. Die in dem Hochzeitsgedichte angegebene Jahreszahl wäre dann falsch und jedenfalls zu früh angegeben. Dies ist nicht unwahrscheinlich, denn Irrthümer, vielleicht nur Druckfehler, sind auch sonst in den chronologischen Bezeichnungen einzelner Gedichte nachzuweisen; der Inhalt des Hochzeitsgedichts wäre also nur eine Höflichkeitsbezeugung, die absichtlich nichts von seinen Leiden verrathen sollte; das Papier ist ja geduldig.

Die erste Zeit in Günther's akademischem Leben soll noch zu guten Hoffnungen berechtigt haben. Er besuchte fleißig die medicinischen Vorlesungen; denn nur unter der Bedingung hatte der Vater seine Einwilligung zum Besuch der Gelehrtenschule und einer Universität gegeben, daß der Sohn einen Beruf wähle, der unter allen Umständen ein sicheres Brot verbürge. Aber der Schmerz über den Verlust Leonorens, die nach ihrer Verheirathung in Anklam wohnte, nahm ihm die Ruhe zu rechter wissenschaftlicher Arbeit. Bald erblicken wir ihn mitten im rohesten Studentenleben, dann, obgleich sich wieder Gelegenheit zu poetischem Verdienst darbot, in dringendster Noth und sogar von seinen Gläubigern in Haft gehalten. Das Elend, die Signatur seines Lebens, hatte begonnen. Der Vater war tief bekümmert; was er für den Sohn gethan und zwar unter eigener Entbehrung, war nutzlos angewandt, Versprechungen sah er ungehalten, schöne Hoffnungen vereitelt, fast ein Triennium vergeudet. Die Hülfe von Landsleuten verschaffte Günther die Freiheit, aber er fühlte, daß hier doch nicht länger seines Bleibens sei; er verließ die Elbstadt mitten im Semester 1717 und ging, vielleicht mit bessern Entschlüssen, nach Leipzig. Die materiellen Aussichten hatten sich eher verschlimmert, da der alte Günther beschlossen hatte, den Sohn selbst für sich sorgen zu lassen; dieser konnte nun den Versuch machen, ob die Poesie ihn auf die eigenen Füße stellen werde. Wie das Wittenberger, so ist auch das Leipziger Leben des Dichters dunkel. Wir wissen nichts von seinen speciellen Studien. Die Bedeutung Leipzigs unter den übrigen deutschen Universitäten, die gerade damals noch dadurch erhöht worden war, daß der Buchhandel sich von Frankfurt mehr hierher gezogen hatte, entging ihm nicht. Dem literarischen Verdienst der Lehrer der Hochschule, dem Reichthum und der höhern Bildung des Handelsstandes entsprach die Feinheit des geselligen Lebens, das sich in den elegantesten Formen bewegte. Günther traf hier eine große Anzahl von Landsleuten und wußte, daß diejenigen, die hier gebildet waren, »zu des Vaterlandes besten Söhnen« gehörten (656). Er spricht auch das Bekenntniß aus, daß er erst hier den »Schatz der Freiheit, kraft der die Weisen sich an keine Meinung binden«, recht verstehen lerne. Auch die Herrschaft feinerer Sitte mußte dem von Wittenberg Kommenden, wo mehr jenisches Wesen herrschte, auffallen. Günther war überhaupt keineswegs blind für die Gebrechen und Lächerlichkeiten des damaligen Studentenlebens. Wenn wir nicht sonst schon von der Roheit und Versunkenheit dieses privilegirten Standes unterrichtet wären, so könnte die Schilderung, die er von dem Tagewerk eines Studenten aus eigener Erfahrung entwirft, uns diese hinlänglich vergegenwärtigen. Wir würden mit der Wiedergabe von Dingen, die er einem Freunde in Erinnerung bringt (487), nur das Papier beflecken. Wenn der Dichter sich fragte: Was ist denn nun die so vielgerühmte Burschenlust? so war die Antwort bald gefunden:

Ein Wirthshaus breiter Bahn, ein Buch voll Schuld und Klage.
Was mag ihr Wahlspruch sein? Als flögen wir davon.
Was bringt es endlich ein? Viel Nachreu, wenig Lohn.

Und dennoch hielten ihn diese Thorheiten wie mit dämonischer Gewalt fest, wenn auch die schlimmsten Gewöhnungen von Wittenberg her hinter ihm lagen. Wir wollen ihm glauben, wenn er versichert, darüber sein Brotstudium nicht vergessen zu haben. Eifriger aber trieb er jedenfalls die Poesie. Die Göttin der Gelegenheit bewies sich hier noch günstiger als in Wittenberg; Gratulationsschreiben bei akademischen Acten und Festen, Hochzeits- und Leichencarmina, Geburtstagsgedichte u. s. w. wurden häufiger bestellt. Was der Dichter im eigenen Namen überreichte, wurde gut honorirt. Aber die Ernte genügte doch nicht. Klagen, wie sie schon aus dem Elbathen erschollen, werden häufiger; als nun gar im Frühling 1718 ein Brand seine Geburtsstadt in Asche legte, und der Vater, selbst wenn er gewollt hätte, nicht mehr im Stande war zu helfen, da wurde seine Lage verzweifelt; auch war ihm zur selben Zeit ein Freund gestorben, Petersen aus Rendsburg, an dem er immer einen treuen Nothhelfer gehabt hatte. Alles, was, abgesehen von Gelegenheitspoesie, ihm in dieser Zeit gelang, ist erfüllt von Klagen über sein Geschick. Und dazu kam noch der Schmerz über die schwerste Kränkung in seinem Leben. Seit Leonore für ihn verloren war, »verließ sein Herz mit ihr die Uebung süßer Glut, und ihm verging der holde Muth zum Dichten«. Doch auch diese trübe Zeit hat, wie unsere Auswahl zeigt, des Schönen und Anmuthenden viel gebracht. Hier mögen noch Anfang und Schluß einer »Cantate« (363) stehen, weil wir das ganze Gedicht, das in manchen Einzelheiten anstößig ist, von unserer Sammlung ausschließen müssen; die Stellen zeigen, wie er in bessern Stunden seiner Leonore gedachte:

Sei immerhin der Hand entrissen,
Im Herzen bleibst du dennoch mein!
Das Glücke mag das Bündniß brechen,
Die Schickung mag mir widersprechen,
Ich trotze noch ihr künftig Nein
Und will dich stets im Bilde küssen.

Bis die schwere Zunge stammlet,
Bis mich ein gedrungnes Haus
Zu der Väter Beinen sammlet,
Sprech' ich deinen Namen aus.
Deine Schönheit, deine Güte
Soll mit mir zu Grabe gehn.
Dich nur wieder zu umfangen,
Will ich, wenn die Welt vergangen,
Noch so rüstig auferstehn.

In diese Zeit etwa fällt ein Ereignis, das, wenn das Glück es gewollt hätte, dem Schicksal Günther's eine entschieden bessere Wendung hätte geben können. An der Spitze der Leipziger Gelehrtenwelt stand damals Johann Burkhard Mencke. Sein hervorragender Einfluß auf das akademische Leben lag nicht allein in seiner vielseitigen Lehrthätigkeit und seinen literarischen Leistungen, sondern auch darin, daß ihm das Ansehen der Universität vor allem am Herzen lag. Auch suchte er die Studirenden im Privatleben zu sich heranzuziehen. Seine große Bibliothek war jedem Strebsamen geöffnet, Talente wußte er herauszufinden und zu leiten, und Unbemittelte fanden bei dem vermögenden Manne eine Hand, die gern sich öffnete, wo es noththat. Den Zutritt zu dem Hause des berühmten Mannes verdankte Günther ohne Zweifel dem Rufe seiner poetischen Befähigung. Mencke hat selbst unter dem Namen »Philander von der Linde« seinem wissenschaftlichen Ruhme noch den eines gewandten Poeten hinzugefügt. Seine Gedichte mochten in ihrer einfachen Ausdrucksweise bei unbedeutendem Inhalt diejenigen befriedigen, die von der Weise der zweiten Schlesier sich abgestoßen fühlten. In der Sammlung seiner »Vermischten Gedichte« (1710) trat er auch als Theoretiker auf mit einer »Unterredung von der Poesie«. Drei Freunde unterhalten sich in leichtem, mit französischen und lateinischen Wendungen gespicktem Conversationston über dasjenige, was ihnen aus der Lektüre Boileau's und anderer Poetiker in Erinnerung geblieben ist. Unbedeutend wie alles ist auch seine Rede über das, was gefällt (» De eo quod placet«); auch hier zeigt er sich in voller Abhängigkeit von den Franzosen, indem er in der Nachahmung das höchste Princip der Kunst findet, ohne doch, ebenso wenig wie seine Vorgänger, Aristoteles' höhere Auffassung zu begreifen. Es genügt ihm der Satz, daß in der möglichsten Annäherung an die Natur die höchste Aufgabe der Poesie liege, wobei es seinem Verstande nicht entging, daß doch eigentlich der Grund des Wohlgefallens unerklärt bleibe. Aber er besaß wenigstens großes Interesse für die Kunst, las viel und liebte es, auch hier anregend zu wirken; in einem von Schülern des Görlitzer Gymnasiums gestifteten Verein, aus dem später die Leipziger »Deutsch übende poetische Gesellschaft« hervorging, hatte er den Vorsitz übernommen. Die Gelegenheitsdichtung stand ihm nach der Mode der Zeit sehr hoch; auch war er ein Freund des Humors und der leichten Satire. Beides scheint ihm an Günther behagt zu haben; diesem dagegen war es nicht sowol um Förderung in seiner Kunst zu thun, als um eine einflußreiche Gönnerschaft, und wirklich that Mencke, was ihm möglich war. Zunächst wurden die medicinischen Studien wieder arg beiseite geschoben. Mencke hatte Günther gerathen, mit seinem Dichterrosse einmal einen höhern Flug zu wagen, als zur Verherrlichung von akademischen Feierlichkeiten oder Ereignissen in Leipziger Patricierfamilien oder selbst im Hause eines regierenden Bürgermeisters eben erforderlich war. Er forderte ihn auf, sich in der »heroischen Gattung« zu versuchen. Wir werden gleich sehen, was er sich darunter dachte. Die erwähnte Unterredung spricht sich (S. 145) darüber aus: »Man könnte wol einen Unterschied machen zwischen einem epico und heroico carmine, sodaß man diejenigen Gedichte unter die heroischen brächte, welche zu Ehren eines Helden, Fürsten oder hohen Ministri verfertigt werden.« Darin hatte Mencke's Meinung nach Deutschland ein erhabenes Vorbild, den Cermonienrath von Besser, den er unter allen damaligen Dichtern allein für »capabel« hielt, eine gescheite Epopoeiam zu verfassen. Das habe er hinlänglich durch sein Lobgedicht auf Eberhard von Danckelmann bewiesen! – Für einen ähnlichen Versuch von seiten Günther's waren die Zeitereignisse günstig. Die Augen der Welt waren damals auf die glänzenden kriegerischen Erfolge Eugen's von Savoyen gerichtet. Mit dem Rastadter Frieden war der langjährige Krieg, der Westeuropa erschüttert hatte, beendigt, als der Prinz durch die Verwickelungen, welche sich im Osten vorbereiteten, zu neuer Thätigkeit gerufen wurde. Die unthätige Schwäche der Republik Venedig während jener Kämpfe ließ die Pforte hoffen, sich Moreas bemächtigen zu können und so einen Ersatz für die Verluste im Karlowitzer Frieden zu erhalten. Das eigene Interesse des Kaisers hatte 1716 zum Abschluß eines Bündnisses mit Venedig geführt. Die militärischen Operationen an der Donau endeten mit dem Siege bei Peterwardein und der Capitulation von Temesvár. Unterhandlungen und das Angebot eines Waffenstillstandes wies Eugen zurück, weil er die Pforte noch nicht für hinlänglich gedemüthigt hielt, um den Frieden ernstlich zu wollen. Im Mai des folgenden Jahres stand der Prinz vor Belgrad. Die Besatzung bestand aus dreißigtausend Mann unter Mustapha, während Chalil Pascha das größte Heer, das jemals gegen das Reich aufgeboten worden war, zum Entsatz herbeiführte. Die Belagerungsarbeiten und das Bombardement begannen, während die Türken ihr Lager auf den naheliegenden Höhen aufschlugen und die kaiserlichen Truppen beschossen. Eugen beschloß, trotz der Uebermacht die Entscheidung selbst herbeizuführen, und griff den Feind am 16. August 1717 an. Der weitere Verlauf ist bekannt. Um 9 Uhr abends stand der Prinz siegreich auf den erstürmten Höhen, das Lager mit reicher Beute fiel in seine Hände, die Flüchtigen wurden verfolgt. Die Festung capitulirte und wurde am 22. August verlassen. Neue Friedensanerbietungen nahm Eugen an; er schlug das serbische Städtchen Passarowitz als Ort der Unterhandlungen vor, lehnte jedoch die persönliche Theilnahme an denselben ab, um nöthigenfalls einen militärischen Druck ausüben zu können. Der Friede, wonach Belgrad mit dem nördlichen Theile Serbiens und Temesvár mit dem Banate dem Kaiser verblieben, wurde am 21. Juli 1718 von den betheiligten Mächten unterzeichnet. Der Eindruck, den die Schlacht bei Peterwardein und die Eroberung Belgrads zunächst in Wien, dann im übrigen Deutschland machten, wird von gleichzeitigen Schriftstellern als ein überwältigender geschildert. Günther traf eine glückliche Wahl, als er das Gedicht auf den Friedensschluß verfaßte. Der Stoff hatte ihn erwärmt, und es war ihm gelungen, den der allgemeinen Theilnahme entsprechenden Ton zu treffen. Der Anfang: »Eugen ist fort, ihr Musen nach!« wurde durch den Mund von Freunden und Gönnern als ein geflügeltes Wort umgetragen, und selbst in weitern Kreisen begrüßte man die »Ode« als das Werk eines Mannes, dessen Name sich würdig denen der besten Dichter an die Seite stellte. Damit war freilich für Günther nur ein Theil des nächsten Zwecks erreicht, mochte er noch so empfänglich für das geerntete Lob sein. Mencke hatte dafür gesorgt, daß das Gedicht in die Hände des Kaisers und seines Feldherrn gelangte. Vielleicht schwebte ihm das Beispiel vom Glück eines ruinirten Edelmanns, eines Herrn von Hohendorff, vor, der vor längern Jahren, im Anfang der Siegeslaufbahn Eugen's, den Helden in einem inhaltslosen, aber in glatter französischer Manier geschriebenen »Ehrenmal« verherrlicht hatte. Eugen wußte ihn, sinnreich genug, auf fremde Kosten zu belohnen; er ließ nämlich die Nachricht von dem Falle Turins durch ihn an befreundete Höfe überbringen; da gab es denn anständige »Douceurs«, die sich auf viele Tausende von Thalern und Dukaten beliefen. Dem Manne sollte geholfen werden. Ein anderer Dichter, Valentin Pietsch, von Haus aus Mediciner wie Günther, hatte sich durch ein Gedicht auf die Uebergabe von Temesvár wenigstens die Professur der Poesie zu Königsberg ersungen. Auch das wäre etwas für Günther gewesen. Aber Eugen war schon weniger empfänglich für Dichterlob geworden und hatte auch nicht Zeit, inmitten der Huldigungen, die ihm von allen Seiten, vom Papst und von Königen, ja sogar von seinem alten Feinde, dem Marschall Villars, zugingen, eines armen deutschen Studenten zu gedenken. Es war eben nicht die rechte Zeit. Später, als die etwas dreiste Erfurterin Sidonie Hedwig Zäunemannin den greisen Feldherrn zu seinem Geburtstage (1735) mit einer Ode im Günther'schen Versmaß: »Die Ehrfurcht winkt, ihr Dichter eilt!« ansang, hatte er doch einige schriftliche Worte des Dankes für sie.

Uebrigens wurde wenigstens ein kleiner Erfolg erreicht. Landsleute hatten das Gedicht nach Breslau geschickt, wo es von neuem gedruckt erschien. Männer, die sich für die Ehre der vaterländischen Poesie interessirten, veranstalteten eine Geldsammlung. Günther antwortete in einer poetischen Epistel, die durch die Freude über die reichliche Spende doch seine tiefe Verstimmung über das Fehlschlagen aller Hoffnungen hindurchblicken läßt:

Ach Gott, ach Lieb', ach Karl, ach Weisheit, ach Eugen,
Ihr hört mein Saitenspiel zu euern Diensten stehn!

Aber niemand kümmerte sich um ihn. Das war doch anders in alten Zeiten. Im Tode werde er mehr gelten als im Leben, und eine passende Grabschrift würde für ihn sein:

Hier starb ein Schlesier, weil Glück und Zeit nicht wollte,
Daß seine Dichterkunst zur Reife kommen sollte.
Mein Pilger, lies geschwind und wandre deine Bahn,
Sonst steckt dich auch sein Staub mit Lieb' und Unglück an.

Doch jetzt, da die Zuschrift aus dem Vaterlande gekommen, will er es noch einmal mit der Kunst versuchen, um dem Zuge seiner Vorbilder, der Virgil, Horaz, Petrark, Secundus, Sannazar, der Hoffmann und Opitz zu folgen!

So schnell fühlte sich ein leichtes Dichterherz wieder über allen Druck erhaben. Was kümmerte ihn nun noch die strenge »Meditrine«, da Kalliope ihm winkte? Selbst Leonore, um die er vier Jahre lang getrauert, trat für den Augenblick zurück. Zunächst bemühte er sich, auch äußerlich einen neuen Menschen anzuziehen:

Das abgeschabte Kleid wird mühsam ausgekehrt,
Es müssen Schnallen, Schuh' von Kreid' und Kohlen gleißen,
Die gröbste Krause wird gestickter Arbeit werth.
Mein Aufzug war bisher ein halb soldatisch Wesen,
Und wie der freie Bursch in Jena schwärmt und geht,
So hatt' ihn sich mein Leib zum Muster auserlesen,
Weil was sonst zierlich fällt, hier blos den Füchsen steht.
Vor roch mein Haar nach Staub und schmutzigen Papieren,
Jetzt muß Violenmehl den halben Rock beschnein,
Und wüßt' es nur dabei mein Beutel auszuführen,
So richt't' ich meinen Staat recht seid- und sinnreich ein.

Wie in Zachariä's hübscher Dichtung hatten Mode und Liebesgötter auch hier über das wilde Heer burschikoser Dämonen den Sieg davongetragen. »Statt des Knasters zog ihn jetzt andere Glut«; die Fechtkunst vertauschte er mit dem Tanz, Bilder mit Liebesscenen bedeckten Tisch und Wände; für Wolff war Secundus eingehandelt, einer »Lesbia«, der Ersten und Schönsten unter Leipzigs Linden, wol derselben, der unter dem Namen Amarinde eine Cantate Günther's (357) gewidmet ist, gehörte von nun an sein Dienst, obgleich sie durch Geburt und Vermögen unerreichbar über ihm stand. Auch eine Reihe von Liebesliedern an Doris, Luise, Rosette u. s. w. und was sonst in üppigem, oft frechem Tone geschrieben ist, gehört dieser Zeit an; nur Eine, »Lehnchen«, scheint ihn inniger und vertrauter zu fesseln. In die Zeit verjüngten Lebensmuthes dürfen wir auch manches reizende lyrische Gedicht, vor allem die köstlichen Studentenlieder versetzen. Aber »die tollsten Becher hören auf zu schäumen«. Die Breslauer Gabe ging zur Neige, das akademische Quadriennium war dahin. Mit ernstem Willen hätte er jedoch jetzt noch in die rechte Bahn einlenken können.

Die Bedeutung einer ernsten Wissenschaft hatte das akademische Leben ihm wenigstens klar gemacht. Auch war es nicht die besondere Abneigung gegen den Beruf, den er freilich anfangs nur dem Willen des Vaters sich fügend gewählt, was ihm die Willenskraft benahm, sich endlich eine Stellung im bürgerlichen Leben zu suchen oder, wo er Gelegenheit dazu fand, dieselbe festzuhalten. Angriffe gegen die Medicin, wie sie gelegentlich in seinen Satiren und Briefen vorkommen, gelten nur dem Stande der Wissenschaft, wie er sie damals häufig betreiben sah; der Misbrauch konnte dem wahren Werth keinen Abbruch thun. Interessant für seine Auffassung sind die »Satiren« 382 und 385 (1742): Gab es irgendeine Kunst, in welcher Thorheit, Zank, blauer Dunst, Verwirrung und Vorwitz ihr Spiel trieben, so war es »in den Schulen, wo Bader und Barbier mit Meditrinen buhlen«, wo Henker, Soldaten, alte Weiber den Unverstand des Pöbels ausbeuteten. Das hätte die wahre Wissenschaft noch verschmerzen können, aber bei den Zunftjüngern war es nicht besser bestellt; stark genug waren sie an Zahl, aber schwach an gründlichem Wissen. Bei den Bessern selbst war das meiste Gedächtnißwerk und Schlendrian: man dörrt Kraut und Stiel, man schindet Baum und Thier, brennt und röstet Fett, Erz und Mumien, man zweifelt, wagt und tröstet so lange, bis die Seele entfährt. Man befragt Bücher und hilft der Natur doch nie am rechten Orte; da hat denn ein redlicher und geschickter Mann schwerer aufzuräumen als Hercules; besteht er auf seinem Willen, so bringt er sich um Glück, Ruhe und Stelle. Da wäre es denn wol die gerechte Strafe, wenn Fieber, Brand und Pest dem Unsinn auf einmal ein Ende machten. Aber das alles hatte ihm dennoch das Studium nicht verleidet (214). Er sah schon, das mußte er eingestehen, die Morgenröthe besserer Tage anbrechen, der »deutschen Langsamkeit« die Schuppen von den Augen fallen. Den Vorwürfen seines Vaters tritt er entschieden entgegen; so viel glaubte er auch schon zu übersehen, daß, um etwas Rechtes zu wissen, ein ernstes und sicheres Vorschreiten ohne Sprünge noth sei. Flüchtig kaum zwei Jahre durch ein Lehrbuch laufen, dann über andere sich erheben und am Krankenbette sich in der Staatsperrüke blähen, damit ist nichts gethan. Vielmehr heißt es, mit tüchtiger allgemeiner Vorbildung an die Erforschung der Gesetze gehen, »die der Bauherr der Welt zwischen Geist und Körper festgesetzt hat«:

Wer die Wissenschaft der Größe und der Kräfte nicht versteht,
Kann den Leib unmöglich kennen, der wie Wasseruhren geht.

Solche Bemerkungen zeugen gewiß nicht von Abneigung oder Mangel an Kenntnissen, und er glaubte getrost den Vater für das, was er gearbeitet und gelernt, auf die Zukunft verweisen zu dürfen. Aber der Augenblick war stets stärker als die bessere Erkenntniß, und was hier entscheidend ist, mit der Poesie war sein ganzes Denken verwachsen, ja sie erschien ihm im Lichte höchster Wissenschaft, die allen übrigen Wissenschaften gleichsam die Wege bahnte (386):

Dies ist allein der Grund, warum ich so viel Zeit
Und Wachen und Geduld der Poesie geweiht;
Nicht daß ich mir dadurch das Brot erfiedeln wollte,
Nein, sondern daß sie mich zur Weisheit führen sollte,
Und zwar durch so ein Gleis, das angenehmer blüht
Als jene rauhe Bahn, auf der der Stagirit
Und Helmont und Renat es um den Vorrang wagen.

Aber den Eingang zur Weisheit konnte er nicht finden, überhaupt sehen wir in solchen Redensarten nur den Versuch, sein eigenes Gewissen zu übertäuben.

Auch jetzt konnte Günther sich nicht entschließen, etwa durch die Hülfe seiner schlesischen Freunde eine Stelle in seinem Vaterlande zu suchen. Vielmehr wagte er im Vertrauen auf seine poetische Begabung einen neuen Schritt. Mencke war wiederum thätig. Diesmal wollte er seinen Einfluß unmittelbar geltend machen. König Friedrich August hatte den Leipziger Professor mehrfach ausgezeichnet, indem er ihn an die Stelle des Polyhistors Tenzel zum kurfürstlich sächsischen Historiographen und zum königlich polnischen Rath ernannte; die Universität hatte ihn als Abgeordneten nach Dresden geschickt. Der König liebte es bekanntlich, seine Hoffeste durch die Künste verherrlicht zu sehen. Der Herr von Besser, 1717 als Kriegsrath und Oberceremonienmeister nach Dresden berufen, scheint in seiner Eigenschaft als Hofpoet eine Beihülfe gewünscht zu haben. Er hatte sich wahrscheinlich deshalb an Mencke gewandt, der ja selbst dichtete und ihm überdies in der oben erwähnten »Unterredung« gebührenden Weihrauch gespendet hatte. Genug, »es wurde ein Mensch begehrt, der bei allen Gelegenheiten und Lustbarkeiten des Hofs im Dichten was aufsetzen konnte«. Das schien für Günther zu passen; dieser griff mit beiden Händen zu und reiste ab; daß es sich hier eigentlich um die moderne Wiederbelebung der alten lächerlichen Figur eines Pritschmeisters handelte, war ihm wol nicht klar geworden. Die Sache verlief zu Günther's tiefer Beschämung. Es ist traurig, den genialen jungen Mann als Helden eines Vagabundenromans zu erblicken, der von nun an bis zum Ende sich abspielt. Nach Steinbach's Erzählung ging anfangs alles erwünscht; der neue Poet fand Gelegenheit, seine Begabung zu zeigen. Aber er paßte nicht auf die glatten Parkets des königlichen Schlosses, auch meint sein Biograph, seine Laute habe gewissen Leuten zu scharf geklungen. Als er einst vor dem Könige eine Probe seiner Kunst zeigen sollte, stellte man dem Unbefangenen eine Falle; es wurde ihm vorher »ein Ehrentrunk« gereicht, der ihn so trunken machte, daß er kein Wort vorbringen konnte. Das »Gespräch zwischen Günther im Reich der Todten und einem Ungenannten im Reich der Lebendigen«, augenscheinlich von einem Verfasser herrührend, der in der Skandalchronik seiner Zeit wohl bewandert war, erzählt den ärgerlichen Vorfall in folgender Weise: Johann Ulrich König, durch eine Anzahl von Operntexten für die Hamburger Bühne bekannt, war nicht lange zuvor nach Dresden gekommen. In seiner Jugend war er aus einem Kloster in Schwaben entlaufen, wo er sich den Titel eines rühmlichen Secundaners erworben hatte. Mit diesem mäßigen Titel, mit wenig Geld und noch armseligerem Wissen begab er sich auf die Wanderschaft. Zu Braunschweig fand er endlich im Opernhause die Beförderin seines Ruhms und Glücks, die Sängerin Jungfer Schwarzin; das Felsenherz dieses von Natur barmherzigen Frauenzimmers ließ sich durch die reizenden Lieder und sehnsüchtigen Klagen des Secundaners erweichen. Sie ketteten ihr Schicksal aneinander, König machte Verse, die Schwarz sang sie ab. So gelangten sie nach Hamburg und Weißenfels, darauf nach Dresden. Die Schwarz fand viel Beifall und öffnete ihrem Begleiter die gute Gesellschaft. Jetzt trat er als Nebenbuhler Günther's auf. Doch lassen wir diesen nach dem Bericht des Ungenannten selbst erzählen: »Herr König hatte mit seiner Geliebten unter den Hofleuten mehr Bekanntschaft als ich. Es kostete ihm also wenig Mühe, einen Kellerbedienten dahin zu bereden, mir ein Glas Wein, mit Brechtropfen gemischt, zuzubringen, welche denn auch so glücklich anschlugen, daß ich in der Gegenwart dieses so gütigen August durch eine ungebührliche Aufführung Ehre und Glück zugleich ausschüttete.« J. L. Rost, der Herausgeber von König's Gedichten, behauptet freilich, dieser selbst habe ihn vorgeschlagen. Dies ist wenig glaublich, da es ja eines Vorschlags nicht mehr bedurfte; König bekam auch die Stelle, mit der der Titel eines Geheimen Secretärs verbunden wurde. – Ein »Lobgedicht« Günther's appellirte an die bekannte Güte des Königs (709):

Dies weiß die Welt wie ich, und dennoch schlug vorhin
Der Strahl der Majestät den ungewohnten Sinn;
Denn als mein Pegasus vier Schulen machen sollte,
So stund der lahme Gaul, als wenn er taumeln wollte.

Das Gedicht verfehlte seinen Zweck, konnte sogar durch seinen ungenirten Ton die Sache nur verschlimmern, selbst wenn seine Gegner unthätig geblieben wären. Wie gründlich aber August des Dichters Verehrung verscherzt hatte, geht aus einer Aeußerung Günther's hervor, als er später erfuhr, König sei glücklicher gewesen als er (Nachlese 149):

Aus Dresden hör' ich gern, daß dies, wonach ich stand,
Auf Hamburgs Dichter fällt; der Mann ist schon gewandt
Und läßt den Pegasus nach Hofart glücklich traben!
Ein König wie August muß solchen König haben.

Am 2. September 1719 reiste Günther von Dresden ab. Die erlittene Schmach wußte er im Bewußtsein seines wahren Werthes und im gerechten Stolz auf das, was niemand ihm rauben konnte, zu verwinden (S. 96). Er sollte nun sein geliebtes Vaterland wiedersehen; wol mochte er mit schwerer Sorge in die Vergangenheit und in die nächste Zukunft blicken; aber in solche trübe Gedanken mischten sich jetzt die süßesten Hoffnungen. Leonore war nach Schlesien zurückgekehrt und wohnte in Borau. Eigentlich war Leonorens Angedenken in seinem Herzen nie erloschen: der Taumel der Sinne, in welchem er meinte »mit Vernunft zu rasen«, war rasch verflogen. Die flüchtigen Liebschaften waren zu Ende. Mit Lehnchen hatte er gebrochen; Philyrinde, deren Name auf Leipzig hindeutet – von Philyris: die Lindenstadt –, war ihm untreu geworden. Leonorens Schicksal hatte er immer auch in der Ferne mit Theilnahme verfolgt; dafür zeugen zwei Gedichte (S. 84 und 86), die er nach dem Verlust eines Kindes an sie richtete. Das eine derselben athmet noch die alte Leidenschaft, es ist gleichsam eine Grabrede auf seine Liebe über die Worte: Eher todt als ungetreu. Als später auch die Nachricht vom Tode ihres Mannes zu ihm gelangte, vielleicht durch sie selbst, da scheint erst leise der Gedanke an die Möglichkeit, sie noch zu besitzen, in ihm aufgetaucht zu sein. Erinnerungen steigen immer mächtiger auf und drängen zur poetischen Gestaltung (S. 90), endlich ist die Rückkehr zu Leonoren entschieden (S. 92). In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Dresden hat er schon die Gewißheit, wie lieb er ihr noch ist und daß sie seiner Ankunft freudig entgegensieht; die Sehnsucht wächst, je näher er Borau kommt. Vor dem Wiedersehen aber war noch ein schwerer Gang zu thun; er wollte den Vater versöhnen. Ehe er das Aelternhaus betrat, ging er zur Beichte; der harte Mann ließ ihn nicht vor, die Mutter lag krank danieder, die Schwester konnte nichts thun als weinen und schweigen. Von Dresden war Günther zu Fuß nach Hirschberg gegangen, bis so weit reichte seine Kraft, hinkend schleppte er sich dann weiter bis Striegau, in der Hoffnung, hier einmal in Frieden auszuruhen, und wie bitter wurde er getäuscht! In der Nacht noch legte er die zwei Meilen bis Schweidnitz zurück. Es war am 25. September. Welche Erinnerungen! Und nun war alles anders; ja, kaum war die Nachricht von seiner Ankunft verbreitet, da schlugen auch schon alte Feinde Lärm, »und schritten zur That« (S. 151).

Endlich wurde Borau erreicht. Die Liebe versöhnte alles. Nach vier Jahren hielt er die Geliebte wieder in seinen Armen (557):

Die Regung ist zu scharf, ich muß dich stumm umfangen,
Ein Blick, ein Druck, ein Kuß vertritt der Zunge Pflicht.
Ihr Jahre, die ihr spät und unter Noth vergangen,
Verzeiht mir jeden Fluch, ich klag' euch weiter nicht.
Ach, macht das Wiedersehn dergleichen süßes Leben,
So laß dir doch, mein Kind, noch öfters Abschied geben!

Die zu Anfang unsers »Dritten Buchs« zusammengestellten Gedichte, müssen wohlthuend in jedem Herzen anklingen. Die Tage gingen hin in gegenseitigem Genießen, gemüthlich und geistig angeregt. Hier tritt auch die hohe Begabung der Frau zu Tage, die selbst Fragen der Wissenschaft sich durch den Geliebten gelöst wünscht, der sie dann im richtigen Gefühl von dem, was dem Weibe höher stehen muß als alles andere, auf die Bildung des Herzens hinweist, die in ihrem engern Wirkungskreise sich fruchtbar bethätigen soll (S. 105). Hier gab dem Dichter die Liebe das, was er als ihr Wesen so schön mit den Worten ausspricht (441):

Zwei Seelen haben einen Wunsch, ein Herz, ein Denken, ein Verlangen,
Sie sind zwei Saiten einer Laute, die Lust und Neigung gleich gestimmt.

Die Stunde des Abschieds schlug indessen bald. Günther ging nach Breslau; gewiß mit der festen Absicht, sich in der Hauptstadt Schlesiens nach einer Gelegenheit zur Gründung eines eigenen Herdes für sich und Leonoren umzusehen. Er fand die Stimmung günstig, denn sein Gedicht auf Eugen stand noch im guten Andenken, akademische Freunde erleichterten ihm den Zutritt zu den angesehensten Häusern. So wurde er unter andern bei einem Herrn von Löwenstädt eingeführt, einem Parvenu, der durch die Heirath mit einer reichen Matrone zu Geld und Adel gelangt war. Der Mann besaß Kunstsammlungen, machte selbst Gedichte, die er aus Lohenstein zusammenstoppelte, und gefiel sich in der Rolle eines Mäcen. Mehr hatte ihm das Haus eines Kaufmanns und Rathsherrn von Breßler und Aschenburg zu bieten; dieser war ein tüchtiger Geschäftsmann, aber dabei von hoher und selbst gelehrter Bildung, und hatte schon zu denen gehört, die unsern Dichter in Leipzig durch eine Geldsendung erfreuten. Seine Frau Marianne, eine geborene Wienerin, liebenswürdig und von süddeutscher Lebendigkeit, schrieb selbst Gedichte in österreichischer Mundart. Es entspann sich bald ein freundschaftlicher Verkehr zwischen der Dame des Hauses und dem jungen Schlesier, dem sie die Kunst, rein zu schreiben, abzulernen suchte. Dieser war klug genug, ihr als Gegenstand ihrer Versuche in Lob- und Liebesliedern den eigenen Gemahl zu empfehlen. Aber Breßler scheint eine übermäßige poetische Schwärmerei doch nicht geliebt zu haben, und auf seine Veranlassung mäßigte sie ihren Eifer, was Günther natürlich für ein entsetzliches Unglück hält. Er dachte daran, dem jungen Manne wenigstens für die nächste Zeit eine Versorgung zu verschaffen, denn von einem Erfolg der Bemühungen um eine Stelle als Arzt verlautet nichts. So kam er auf den Gedanken, ihn dem Oberamtsdirector Grafen Schaffgotsch, der sich wol noch von Schweidnitz her des jugendlichen Verfassers der Cantaten und des Schauspiels erinnerte, als Hofmeister seiner Söhne zu empfehlen. Aber aus der Sache wurde nichts, denn bei der Vorstellung während der Tafel ergab es sich, daß Günther – diesmal gewiß ohne fremde Schuld – sich schon betrunken hatte. Ueberhaupt war der leichtsinnige Dichter, von dem Uebelwollende Ungünstiges berichteten, dessen Auftreten zu frei wurde, wenn er auch seiner Gönnerin gegenüber sich in schicklichen Schranken zu halten wußte, dem Breßlerischen Hause lästig geworden. Wie es trotz des äußerlich glänzenden Lebens wieder mit ihm stand, verräth eine Aeußerung, die ihm gegen einen Freund entfährt (Nachlese 53):

Ich zecht' auf Kreide los; was hilft's! Die Noth lehrt beten,
Man sperrte mir das Maul mit viel Befördrung auf;
Der Wind kam hinten nach und trieb mich hintern Lauf,
Eh Waffen, Feind und Schuld den kurzen Paß vertreten.

Der Abschied von Breslau war also eben nicht ehrenvoll. Wohin er sich wenden wollte, darüber war er noch nicht im Klaren. Er dachte wol im Vertrauen auf eine ansehnliche Wegzehrung, die er noch empfing, daran, zur Vollendung seiner medicinischen Studien – denn er besaß noch keinen akademischen Grad – wieder nach Leipzig zu gehen, aber eine Bekanntschaft, die er in Breslau gemacht, gab den Ausschlag. Ein Student Namens Schubart, ein lockerer Gesell und munterer Kopf, überredete ihn leicht, mit ihm zu gehen, um sich in seiner Vaterstadt Lauban als Arzt niederzulassen. Mehr als die Aussicht, dem Aelternhause wieder näher zu treten, mochte ihn die Hoffnung auf eine dauernde Vereinigung mit Leonoren bestimmen. In den Zerstreuungen der Hauptstadt hatte er sie doch nicht vergessen. Vor der Abreise richtete er noch zwei poetische Briefe an sie. Am 22. December sagt er ihr, er werde nie ein treueres Weib finden als sie (696):

Versuchte mich Eugen, und böte mir der Kaiser
Für dich, du frommes Kind, Gold, Thron und Purpur an,
So spräch' ich, wie ich dir mit Wahrheit schwören kann:
Ich ehre, großer Held, die vielen Siegesreiser,
Ich weiß auch, großer Karl, was Macht und Kronen sind,
Behaltet was ihr habt und laßt mir nur mein Kind!

Alles ist voll fröhlicher Hoffnung. Nach drei Tagen schreibt er schon wieder; nun mochte er wol traurige Nachrichten von Leonoren erhalten haben (Nachlese 194); sie hatte von neuen Zerwürfnissen mit ihrer Familie zu erzählen, wieder waren die Zungen der Lästerer thätig gewesen; er mußte sich sagen, der Lenz der Jahre sei vorbei und der Himmel umwölkt. Doch tröstete ihn der Gedanke: »Die Musen sind mir hold, und Lorchen bleibt noch treu, mein Herz, was willst du mehr?«

Nun ging es auf die Reise. Die Wanderlust, wenn auch mitten im Winter und zu Fuß, zerstreute alle Sorge. Das frische Lied: »Bruder, komm und laß uns wandern« (S. 121), zeigt uns die Freunde schon auf dem Wege nach Jauer. Auf einem Edelhofe bei Kamin fand Günther alte Bekannte, auf einem Schlosse an der Oder wurde sogar eine alte Liebschaft flüchtig erneuert (Nachlese 53). Die beiden verschmähten es auch nicht, nach Art der Fahrenden Schüler das Handwerk zu grüßen und bei Predigern auf dem Lande einzukehren, denn das Geld von Breslau her war schnell genug durch die Finger geronnen. So gelangten sie über Mertschütz an das erste Ziel ihrer Reise und wieder zu Bekannten, die aushalfen, dennoch konnten sie Lauban nur mit Noth erreichen, Ende Februar 1720. Günther sendet nun sogleich ein innig empfundenes Gedicht an Leonore (S. 23), worin er sie bittet, sich seiner Liebe würdig zu halten. Von allen Hoffnungen ging keine in Erfüllung. Dem unbekannten Ankömmling mußte es schwer halten, sich Praxis zu verschaffen, die Familie seines Freundes konnte ihm nicht von Nutzen sein, denn sie stand keineswegs in Ansehen und lebte in den kümmerlichsten Umständen. Und doch mußte er es für ein Glück halten, hier wenigstens das Allernöthigste zum Lebensunterhalt zu finden; weiter konnte auch Schubart, der sich übrigens als wahrer Freund bewies, nichts thun. Im Frühling noch erkrankte er an einem Gichtanfall (Nachlese 146):

– Hier lag ich nun und band
Den kranken Fuß mit Stroh und krümmte mich im Kalten,
In Hoffnung, durch den Tod Erlösung zu erhalten.

Aber die Jugend hielt noch vor, und er hatte die Kraft, sich wenigstens geistig aufrecht zu erhalten. Das verdankte er der Lust am poetischen Schaffen, freilich aber auch dem ungemessenen Leichtsinn und dem glücklichen Humor, womit er über den unmittelbaren Druck der Dinge sich zu erheben wußte. Es ist nicht wunderbar, daß gerade diese traurigste Zeit heimatlosen Lebens in seiner Dichtung die edelsten und wahrsten Empfindungen hervorgerufen hat; es war auch eine Prüfung, die ihn, durch keine Irrungen und Verlockungen abgelenkt, zur Einkehr in sich selbst mahnte; aber staunenswerth ist die Fülle der Arbeitskraft, die Kunst der Gestaltung und Ausarbeitung, die den Gedichten auch dieser Periode eigen ist. Mit jeder Aussicht auf Erwerb war es vorbei. Nach sechs Wochen hatte er von Lauban nichts als eine Gasse gesehen (181). Eine fromme Ruth lieh den Mantel her, den ihr Mann, der Corporal, getragen, als er »vor Posen Schlacht und Feind verließ«. Nichts hörte Günther in seiner Umgebung als »Klagen, Leichgesang, Fluch, Elend und Bereden, und wenn es köstlich war, von Leinwand, Flachs und Fäden«. Kein Buch war zur Hand; ein Blatt aus Cicero, das der Hauswirth vom Käsehändler heimgebracht, ist ihm ein köstlicher Besitz und gewährt ihm beim Immerwiederlesen früher nicht gekannten Genuß. Und nun erst die Hausfrau! »Ein Bild der gelben Sucht und mehr Geripp als Weib«, das im Hause faulenzt, wenn der fromme Mann nach Holz und Nahrung wandern muß, und dann noch durch Klagen und Keifen die schmalen Bissen versalzt. Denken wir uns nun den Dichter schreibend auf Bettbret, Holz und Knie. Nun erst die Nächte (412):

Fünf Bissen in den Mund, so ist die Tafel gar;
Die Glieder auf die Bank, das Halstuch um das Haar,
So bin ich in dem Bett und völlig ausgezogen;
Die Hüfte glaubt es nicht, doch wird sie leicht betrogen,
So oft der müde Geist zu eifrig nachgedacht,
Und Schwäch' und Mattigkeit das Holz zu Federn macht.

Doch genug an diesem Blick auf die äußerste Armseligkeit und das bettelhafte Elend dieser Tage! Günther's Briefe sind voll davon. Er that zu seiner Rettung, denn um eine solche handelte es sich jetzt, was in seinen Kräften stand. Es hieß zunächst von Lauban fortzukommen, und nur entfernte Freunde konnten helfen. So erging denn der Noth- und Hülfeschrei nach allen Seiten hin. Er schrieb an Marianne Breßler herzbeweglich genug (827):

Die Marterwoch' ist da –
Ach, wenn sich doch nur bald ein Tag der Ostern fände,
An dem zum wenigsten die Hoffnung auferstände!

Selbst Leonore, die nicht mit zeitlichen Gütern gesegnet war, bittet er um Unterstützung; er erinnert sie an Schweidnitz, Roschkowitz und Borau und was er ihr dort gewesen, er thut jetzt, was seinem Herzen wehe thut, aber:

Zu wem soll ich wol sonst die letzte Zuflucht nehmen,
Da Aeltern, Freund' und Neid mich überall beschämen? (1049)

Die Hülfe blieb auch diesmal nicht aus, und die Stunde der Freiheit schlug endlich.

Nach diesem tragikomischen Zwischenspiel wollte er wieder die alten Pläne für seine Zukunft aufnehmen. Seine Vorsätze waren nun doch ernster als je zuvor; Krankheit und Noth hatten das Ihrige gethan. Der Entschluß zur Umkehr, den Günther in dem schönen Gedicht (S. 156) ausspricht, ist aufrichtig gemeint. Nach Leipzig gelangte er auch diesmal nicht; der Vater blieb auch jetzt unerbittlich. Nach kurzem Verweilen in Breslau wandte er sich, wir wissen nicht auf welche Aussichten hin, der polnischen Grenze zu. Vorher hatte er Leonoren wieder gesehen. Zum dritten mal hatte er Abschied genommen (S. 160); noch manchem Sturm, »der kräftig durch sein Antlitz streichen werde«, sah er entgegen, aber ihr Andenken sollte sein Herz stärken. Zum dritten mal war es jetzt auch, daß sie den Schwur ewiger Treue von ihm hörte. Aber wie hielt er jetzt, was doch aus der tiefen Bewegung eines schwergeprüften Herzens zu kommen schien!

Es ist fast eine schmerzliche Pflicht, die wir erfüllen, wenn wir an der Hand seiner Gedichte den Wegen nachgehen, die Günther von nun an wandelt. Sein guter Stern verläßt ihn, je weiter er sich von Leonoren entfernt. Er kam nach Brieg, dann nach Wilmsdorf und Bischdorf, wo er mit einem Herrn von Nimptsch eine von Leipzig herstammende Bekanntschaft erneuerte. Dieser rieth ihm, sich als Arzt in Kreuzburg niederzulassen. Er begann damit, sich hier eine Wohnung zu miethen, war aber selten zu Hause, denn er gerieth bald in die polnische Wirthschaft hinein und trieb sich auf dem Lande umher. In Bischdorf lernte er einen Pfarrer Domoratius – die apokryphe Lebensbeschreibung nennt ihn Lütkemann – kennen. Nimptsch schlug ihm, gewiß in der besten Absicht, eine Verbindung mit der Tochter seines Pastors vor und übernahm selbst die Vermittelung. Johanne, so hieß sie, obgleich Günther sie Phyllis, zuweilen auch Marianne nennt, war schon einmal verlobt gewesen und zeigte sich anfangs abgeneigt, ebenso der Vater, der sogar der Sache dadurch ein Ende machen wollte, daß er die Tochter weit von Haus schickte. Günther selbst war bald Feuer und Flamme. Leonore wurde vergessen, diesmal gründlich. Eine kleine Untreue hatte er sich auch sonst schon erlaubt, für die er sich vielleicht durch den Gedanken gerechtfertigt glaubte, daß auch sie einem andern angehört hatte; das sind wir an ihm schon gewohnt. Manches wird freilich auch auf Rechnung poetischer Licenz zu setzen sein, wie z. B., wenn ihm in einer »Cantate« (»im königlichen Garten zu Dresden gebracht« 354) Leonore als eine Delila erscheint, die ihm neue Schlingen gelegt, freilich mit dem naiven Geständniß:

Das hätt' ich doch noch nicht gedacht,
Daß Leonorens Wankelmuth
Mich nicht mehr Thränen kosten sollte!

Sogar in den Tagen von Borau richtete er an »sein Lehnchen« ein kleines hübsches Gedicht (289), die Parodie einer Horazischen Ode, in der zwei Liebende, die sich gegenseitig ungetreu geworden, auf den Einfall kommen, den alten Bund zu erneuern.

Phyllis ließ sich endlich erweichen, auch der Vater gab nach. Die zu Anfang des vierten Buchs mitgetheilten Gedichte bieten hinlänglichen Stoff für das neue Liebeskapitel im Günther'schen Lebensroman; wen es aber interessirt, Einzelheiten zu erfahren, den verweisen wir auf eine Anzahl von Alexandrinerbriefen, die in den Ausgaben abgedruckt sind. Die kleinen lyrischen Sachen enthalten durchweg viel Schönes, aber das fühlt sich doch hindurch: die tiefe Innigkeit, welche nicht blos die Gegenwart, sondern die Vergangenheit und die ganze Zukunft von der Geliebten erfüllt weiß, geht diesen mit brillanten Farben gemalten Gefühlsschilderungen ab. Wenig mehr als Sinnenglut ist es, was den Dichter gefangen hält und ihn nicht zu sich selbst kommen läßt; empfunden ist auch hier alles, nichts gemacht, wenn ihm auch die an Leonorens Liebe geübte Kunst zu statten kommt, denn die Ansicht, daß Günther nur seines Vortheils wegen um Phyllis geworben, wird durch die Gedichte selbst widerlegt. Wenn Günther Marianne Breßler gegenüber davon spricht, »die polnische Barbarei habe ihn, den fremden Gast, mit äußerlicher Gunst dreiviertel Jahr umfaßt«, und von dem »Joch verliebter Possen« spricht, so sind das eben Redensarten, die seine Beschämung verdecken sollen. An diese Freundin hatte er doch noch Zeit zu schreiben. Leonore erfuhr, wie wir glauben müssen, von allem dem, was sich in der Ferne zutrug, nichts; sie war auch wahrscheinlich von Borau fortgegangen.

Inzwischen hatte der künftige Schwiegervater darauf bestanden, daß die Sache praktisch angefangen und geschäftsmäßig abgemacht werde; es wurde also bestimmt, daß Günther vor der Verheirathung promoviren solle. Er ging, unüberlegt genug, darauf ein, denn er rechnete mit Bestimmtheit auf die Verzeihung und die Hülfe seines Vaters; konnte er doch jetzt als praktischer Arzt und Verlobter eines Mädchens aus anständiger Familie vor ihm erscheinen. Aber in dem, was erst geschehen sollte, sah der Alte keine Bürgschaft für eine vernünftige Zukunft, in Versprechungen keine That, und auch jetzt durfte der Sohn seine Schwelle nicht betreten. Damit schließt der vorletzte Act des Trauerspiels, das nun dem Ende sich zuneigt, nur unter einem vollständigen Wechsel der Scene und der Personen. Der Doctorhut war unerreichbar, und ohne denselben schämte sich Günther zurückzukehren. Von neuem beginnt das fahrige Leben.

Was Phyllis für ihren Verlobten empfand, ob wirkliche Liebe, darüber begegnet uns in den Gedichten keinerlei Auskunft; sie vermag auch kaum unsere Theilnahme zu erregen. Sie war jedenfalls eine heißblütige Schönheit, die Günther's Liebenswürdigkeit nichts versagte. Dies scheint auch der Hauptgrund ihres Kummers gewesen zu sein, als sie sich verlassen sah. Günther tröstet sie aus der Ferne so gut er kann (S. 176). Er nahm an, daß sie ihn wirklich liebe, und daß nur seine vermeintliche Flucht sie geschmerzt habe. Er wiederholt stets die Versicherung, er habe die besten Absichten gehabt. In einem Gedichte, das im October 1721 geschrieben und in seinem eigentlichen Zwecke für das Hochzeitsfest eines befreundeten Brautpaars bestimmt ist (439), ergreift er sogar die Gelegenheit, mit einer Rechtfertigung seines Betragens öffentlich aufzutreten, denn die Episode von Bischdorf mochte auch den neuen Bekannten zu Ohren gekommen sein:

Ein Paar, das treu und redlich liebt, muß trotz der Wetter Rosen brechen;
Dies möchte Phyllis doch bedenken und jetzo nicht verdrießlich thun.
Ihr Herz, das jetzt die Neider quälen, soll einmal nach den Stürmen ruhn
Und glauben, daß sich Philimen aus Noth und nicht aus Falschheit trenne,
Damit er ihr nur seine Treu im bessern Glücke zeigen könne.

Sie zog es trotz solcher Declamationen vor, alle Beziehungen kurz abzubrechen. Das war sehr verständig. Für sie wenigstens war die »Liebesposse« zu Ende. Dies entschiedene Lossagen schmerzte ihn doch mehr, als man denken sollte; dies verrathen die Gedichte (S. 195-199); zwei davon sind datirt, die andern weisen durch die gleichartige Situation auf dieselbe Zeit mit Sicherheit hin. Ja, so wunderbar es uns vorkommen mag, ihr Bild taucht bis ans Ende immer wieder in ihm auf; oder holte er es vielleicht absichtlich wieder hervor, um seine Dichtung damit zu schmücken?

Unter den Gedichten der letzten Jahre sind viele mit dem Datum und dem Ort ihrer Entstehung bezeichnet und lehren uns die Namen der alten und neuen Freunde kennen, unter denen Günther sich jetzt umhertrieb. Wir erwähnen nur einen Herrn Elias von Beuchell und dessen Schwiegersohn, den Commerzienrath Kluge in Landshut, denen er die wenigen sonnigen Tage in seinem immer dunkler werdenden Leben verdankt. Günther war vorher in Liegnitz und Jauer gewesen; als er in das Gebirge kam, lebte er außer in Landshut meist in Hirschberg und Schmiedeberg. In Oberlogenau wohnte damals ein Graf Anton von Sporck, Herr zu Lissa in Böhmen, ein Sohn des kaiserlichen Generals Johann, ein Mann von großer Gelehrsamkeit und dem lebhaftesten Interesse für Poesie und Musik. Er hatte sich in Lissa einen eigenthümlichen literarischen Wirkungskreis geschaffen, in welchem neben ihm auch seine beiden Töchter thätig waren, indem sie religiöse Schriften polemischen wie erbaulichen Inhalts aus dem Französischen übersetzten. Aus des Grafen eigener Druckerei sind über dreißig solcher Schriften hervorgegangen. Hier wäre Günther zu verwenden gewesen; die Verschiedenheit der Confession hätte kein Hinderniß abgegeben, denn obgleich Katholik, war Sporck doch ein entschiedener Gegner jeder exclusiven Seligkeitstheorie, ja sein religiöser Freisinn hatte sogar einmal die Schließung seiner Druckerei veranlaßt. Beuchell rieth dem Freunde, sich dem Grafen durch ein Lobgedicht (S. 180) zu empfehlen. Ein Student aus Breslau fertigte eine saubere Abschrift, die im Kuckusbade überreicht werden sollte. So war wenigstens die Verabredung. Als der Student ankam, war Günther nicht da; er zog es vor, sich während der Zeit mit einem Freunde anderswo zu belustigen. Das Gedicht mußte in seiner Abwesenheit übergeben werden; als der Graf sich nach dem Verfasser näher erkundigte, hörte er von einem Breslauer Curgast, es sei ein armer Student, der um ein Viaticum bitte. Ein solches von 30 Gulden wurde denn auch verabreicht, es deckte indessen nicht die Kosten des Pergaments und die Copialien. Wie viel sich Günther von der Gönnerschaft dieses Mannes, der schon manchen armen Poeten, unter andern auch Benjamin Neukirch, reichlich unterstützt, versprochen hatte, sieht man aus den Gedichten »An das Glück« und »An die Gelegenheit« (S. 192 und 193). Sporck hatte natürlich später Gelegenheit, als er das Gedicht las, sich von der poetischen Begabung und den Fähigkeiten des Verfassers zu überzeugen, besonders da er bald darauf ein zweites Gedicht (719) von Günther's Hand erhielt. Er that manches für ihn, empfahl ihn unter anderm einem Herrn von Reibnitz in Oberleippa, in dessen Dienst er trat: in welcher Eigenschaft, wird nicht angegeben; aber das Verhältniß löste sich bald wieder. Den Dichter in seinen eigenen Diensten zu beschäftigen, mußte er Anstand nehmen. Günther's Leben war nicht danach angethan. Mit einem alten Universitätsfreunde, einem Dr. Speer in Landshut, war er zerfallen, weil dieser sich die Freiheit nahm, ihn vom Trinken abzumahnen, er rächte sich sogar durch ein poetisches Sendschreiben (484), worin er ihn an die Orgien seines Studentenlebens erinnert, um ihm schließlich Gemeinheiten zu sagen!

Dem Grafen verdankte Günther auch die endliche Erfüllung eines Lebenswunsches, die Möglichkeit, auf einer Universität das medicinische Studium zum Abschluß zu bringen. Er wählte Jena. Die Nothwendigkeit, auf fremder Erde den Kampf gegen das Leben fortsetzen zu müssen, lag schwer auf seinem Geiste; er stand im Begriff, sein Vaterland, das ihn, so meinte er, ausgestoßen hatte, zu verlassen. Es war das Grab seiner Hoffnungen, aber auch die Gräber unserer Lieben sind uns theuer. Er mußte sich als vater- und mutterlos betrachten, und selbst seine sehnlichen Gedanken fanden nirgends eine Heimat. Er begann sich nach Ruhe, ja nach einem Ort für den letzten Schlaf zu sehnen; denn auch körperlich fühlte er sich gebrochen, die Jugend und ihre Kraft waren dahin, die Boten des Todes kamen leise, aber ihre Mahnung war verständlich. Selbst der Strom seiner Dichtung wollte nicht mehr mit der alten Fülle seiner Brust entquellen (793):

Ein schwach- und müder Schwan verliert die Kraft der Schwingen,
Und wenn der Mandelbaum schon auf den Haaren blüht,
Da gibt der Adern Frost kein feuerreiches Lied.

Schon hatte er den Tod manches Gönners zu beklagen, auch Breßler war gestorben (800). Mit dem Leben war auch das Glück der Liebe verblüht, das ja zu jedem Menschen nur einmal kommt – durch eigene Schuld, das wußte er wohl. Vor der Abreise war noch manches zu besorgen und zu ordnen. Ein Haus freilich, das er hätte bestellen müssen, besaß er nicht. Von Freunden nimmt er nun Abschied. Vor allem galt es, einen schweren Druck, der auf ihm lastete, abzuwälzen, was ihn lange schon beunruhigt hatte, auf seine Weise abzuschließen, was durch Reue und selbst durch die That nicht gut zu machen war, doch poetisch zu sühnen. Das schöne Gedicht an Leonore: »Mein Kummer weint allein um dich« (S. 206), worin er sie von ihrem Schwur entbindet und für immer freigibt, setze ich unbedenklich in diese Zeit des Strebens nach Klärung verworrener Seelenzustände. Ich wüßte nicht, wann und wo dasselbe sonst geschrieben sein könnte; gewiß nicht in Lauban, denn von dort aus wandte er sich zuletzt noch mit einer Bitte an sie; nicht nach seiner Rückkehr, denn da empfing sie noch seinen »dritten Schwur«. So bliebe nur die Zeit in Bischdorf übrig. Aber dann wäre bei Günther alles Lüge! Anfangs verlief ja alles in »äußerlicher Gunst«, und an allem zu verzweifeln, lag kein Grund vor. Hätte Günther aber das Gedicht verfaßt, als die Verlobung schon im Gange war oder kurz nachher, so könnte er nur die Absicht gehabt haben, die alte Liebe loszuwerden, und diese Handlung wäre ein Frevel. Das wenigstens lag nicht in seinem Charakter. Er hatte sich gehen lassen, bis er ohne ein energisches Aufraffen nicht mehr zurückkonnte, und das Spiel endlich seinem Herzen Ernst wurde. Leonore war entfernt, und er ließ auch jetzt die Sache gehen, wie sie gehen wollte, die Reue unter Zerstreuungen betäubend. Jetzt konnte er die mahnende Stimme nicht länger überhören. Ob der Absagebrief wirklich an Leonore abgeschickt worden ist, mag unentschieden bleiben; ich glaube es fast. Aber zu der Annahme, daß die Antwort: »Ach liebster Schatz, verdient mein Herz«, von ihrer Hand herrühre, sehe ich nicht den geringsten Grund. Unmöglich hätte sie so antworten mögen und können. Die Annahme, die wir überall ausgesprochen finden, Leonore sei selbst Dichterin gewesen, beruht auf dem Bestreben, dem Kranz von Myrten und Rosen, den die Hand eines Dichters um ihre Stirn geflochten, ein poetisches Lorberblatt hinzuzufügen. Aber nirgends in Günther's Gedichten findet sich auch nur eine Andeutung auf das, was ihn an der Geliebten doppelt glücklich gemacht haben würde, und was er an Marianne Breßler mit beredtem Munde zu rühmen weiß, auch da nicht, wo es so nahe gelegen hätte, in jenem Gedichte, wo er dem Wunsch der Geliebten nach höherm Wissen entgegentritt. Das Gedicht ist ebenso gut wie die Antwort Leonorens beim Abschied in Borau (S. 112) Günther's Eigenthum und nur ein Widerhall dessen, was sein Herz von der noch immer geliebten Frau entgegnet zu hören wünschte. Das Gedicht verräth überdies Günther's Hand und ist unvollendet geblieben.

Das Gedicht an den Vater (S. 210) ist schwerlich an diesen abgesandt worden; ein Brief in Prosa hätte seinen Zweck besser erreicht. Das wußte Günther nur zu gut. Als er von Lauban aus sich an alte Gönner um Hülfe wandte, war er klug genug, an einen Herrn von Richthofen, dessen Frau seine Gevatterin war und der die Ansicht seines Vaters über die Poesie theilte, ein lateinisches Schreiben zu richten. Wir haben darin eben wieder ein poetisches Zusammenfassen dessen zu erblicken, was Günther als die nächste Ursache seines Elends betrachtete, der Verhältnisse, von deren befriedigender Lösung er stets eine bessere Wendung seines Geschicks erwartete, vielleicht auch den Versuch einer Rechtfertigung der Welt gegenüber. Nach dem Vater gedenkt er des Vaterlandes (S. 225), dessen Staub er von den Füßen schüttelt.

Im Herbst 1722 kam er in Jena an. Für die dringendsten Lebensbedürfnisse war gesorgt, da ein leipziger Universitätsfreund, von Eben und Brunnen, ihm Wohnung und Tisch gewährte. Ob er noch ernstlich daran dachte, sich wieder in sein Brotstudium hineinzuarbeiten, ob er überhaupt noch die Kraft dazu besaß, ist zu bezweifeln; der Tod kündigte sich immer drohender an. Gelegenheitsgedichte zeugen noch von der gewohnten Neigung und Fertigkeit. Die letzten Blüten seiner Lyrik sind am Ende unsers vierten Buchs in der Ordnung, die uns die natürliche scheint, zusammengestellt. Das Leben lag hinter ihm; nun treten die wechselnden Gestalten desselben noch einmal vor sein Auge, Vater, Mutter, Schwester, Freunde, Phyllis, vor allem aber Leonore, in deren Schoß er gern sein müdes Haupt gebettet hätte. Zu Ende stehen die »Letzten Gedanken«, die mit ihrer schönen Apotheose der Liebe das Lebensbild eines Dichters befriedigend abschließen.

Christian Günther starb zu Jena am 15. März 1723; Landsleute ließen ihn auf dem Gottesacker vor dem Johannisthor zur Ruhe bestatten.

Zum Erben seines poetischen Nachlasses, »der zerstreuten Schar der Musenkinder«, mit der Bitte, sie zu sammeln, hatte unser Dichter einen Universitätsfreund, einen Mecklenburger, Brandenburg, dessen Name in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts unter den Dichtern des Hamburger Kreises genannt wird, bestimmt. Die erste Sammlung erschien 1723; bis 1735 folgen noch drei Fortsetzungen. An die Reihe von Gesammtausgaben, die seit dem letztgenannten Jahre herauskamen, schloß sich dann noch eine »Nachlese« an, die ebenfalls mehrfach aufgelegt worden ist. Wir verweisen auf Karl Goedeke's »Grundriß« und bemerken nur, daß wir die Ausgabe von 1742, als die erste durch einen Anhang vervollständigte, benutzt haben. Uebrigens stimmen alle Auflagen in den Seitenzahlen überein. Brandenburg scheint verhindert gewesen zu sein, des Freundes Bitte zu erfüllen; denn der Herausgeber der ersten Sammlung nennt sich einen Schlesier. Günther hatte ein vollständiges Verzeichniß seiner Gedichte hinterlassen, das bei den Nachforschungen zu Grunde gelegt werden konnte; dennoch ist manches verloren gegangen.

Die erste öffentliche Beurtheilung brachten die Leipziger »Deutschen Acta Eruditorum (CI, 344) aus der Feder des alten Gönners Burkhard Mencke. Er hatte eben Postel's Heldengedicht »Wittekind« und Brockes' »Irdisches Vergnügen in Gott« besprochen. Diesen Werken, so meint Mencke, reihen sich die Günther'schen Gedichte würdig an; wenn sie denselben auch an »Gelehrsamkeit, tiefsinnigen Gedanken und in der Ausarbeitung nicht gleichkommen, findet er in ihnen doch einen unvergleichlichen Fleiß, Feuer und etwas ungemein Reizendes«; in jenen mehr Ernst und Realität, in diesen mehr Galanterie und Spielendes. Was er von dem Charakter des Verfassers und von seinem Leben wußte, that seiner Schätzung keinen Abbruch; er sah darin nur die Bestätigung der Erfahrung, daß mancher große Geist im Kampf mit den eigenen Leidenschaften und mit der Noth des Lebens zu Grunde gegangen ist. Er selbst hatte eine Abhandlung »Valerianus«, über die unglücklichen Geschicke der Gelehrten geschrieben. Er konnte aus eigenem Wissen bezeugen, daß bei Günther alles mit leichter Hand, zum Theil aus dem Stegreif, geschrieben war, und dieser würde einer der größten Poeten geworden sein, wäre er nur zur Reife gekommen. Einzelnes rühmte er formell als ein Meisterstück, doch den Mangel an Schamhaftigkeit und »das Spielen mit heiligen Worten« tadelt er scharf. Daß es manchem Gedichte an Vollendung fehlt, und das konnte sich nur auf die Gelegenheitspoesien beziehen, ist ihm zugute zu halten; mußte er doch um das Brot singen. Da war es dem reichen Hamburger Rathsherrn Brockes leichter geworden. – Mit solchen allgemeinen Bemerkungen war über das Wesen der Günther'schen Dichtung nichts ausgesagt. Das große Publikum hatte, ohne sich der Gründe bewußt zu werden, herausgefunden, daß dieser Nachlaß eines jungen Dichters sich doch wesentlich von dem unterscheide, was ihm bisher geboten worden war. Anders verhielt es sich mit dem Urtheil der Gelehrten, der poetischen Kritik. In dieser Zeit nämlich hat der Geschichtschreiber der deutschen Dichtung zum ersten male den Namen dieser neuen Macht im Reiche der Geister zu verzeichnen. Goethe's Wort, daß die Literaturepoche, in der er geboren war, sich aus der vorhergehenden durch Widerspruch entwickelt habe, enthält treffende Wahrheit. Seit dem Einschlafen der poetischen Orden und Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, deren Wirksamkeit vorwiegend in dem die Mitglieder umschließenden gemeinsamen Bande lag und sich nur gelegentlich in einzelnen Schriften, Vorreden und Briefen nach außen hin bethätigte, hatte sich das Bedürfniß nach besondern Organen für gemeinsame wissenschaftliche Zwecke geltend gemacht. Es ist mir gerade ein Beispiel dafür zur Hand. Christian Wernicke spricht in der Vorrede zu seinen »Poetischen Versuchen« die Ansicht aus, »was die französische Schreibart zu der heutigen Vollkommenheit gebracht habe, rühre meistens davon her, daß, sobald ein gutes Buch ans Licht komme, demselben eine sogenannte Critique auf dem Fuße nachfolge«. Der Wunsch ging bekanntlich auch bei uns in Erfüllung. Die Darstellung dieser Verhältnisse liegt uns hier fern, wir erinnern nur an die Züricher Gesellschaft, an Bodmer und Breitinger, deren Wirksamkeit mit den »Discursen der Maler« 1721 beginnt, und ihr Zusammengehen mit Gottsched, solange ihr ästhetischer Standpunkt, der Widerspruch gegen die Manier der sogenannten zweiten Schlesier und die Forderung der Rückkehr zu Opitz, derselbe war.

Der Kampf gegen die abweichende Richtung innerhalb der Schule neigte sich damals dem Ende zu. Die bei Italienern und Franzosen schon eingetretene Reaction gewann auch bei uns mehr und mehr Raum. Die Canitz, Christian Gryphius, Benjamin Neukirch standen schon diesseit der überwundenen Manier. Besonders lehrreich ist das Beispiel des Letztgenannten: er, der Herausgeber einer großen Anthologie, »Herrn von Hofmannswaldau und anderer Deutschen auserlesene Gedichte«, hatte dem Zuge nach Vereinfachung der poetischen Mittel, zunächst angeregt durch die Franzosen Boileau, Bouhours, Fénélon, nicht widerstanden. Wenn nun schon unter den Männern, die ihrem Vaterlande und ihrem speciellen Bildungsgange nach als Schlesier zu bezeichnen sind, die Bewegung um sich griff, so noch mehr unter denen, die kein vaterländisches Interesse und keine Traditionen an das Alte fesselten. Schlesien hörte nun auf vorzugsweise eine Pflanzstätte der deutschen Kunstpoesie zu sein; erst nach der Mitte des Jahrhunderts trat ein gewisser Nachfrühling ein, wie denn überhaupt seit der Uebersiedelung der Frankfurter Universität nach Breslau wieder ein regeres Geistesleben erwachte. Die Dichtung wurde nun mehr ein Gemeingut des gesammten – protestantischen – Deutschlands; im äußersten Süden wie im Norden, in der evangelischen Schweiz und an den Küsten der Nord- und Ostsee begannen junge Kräfte sich bedeutsam zu regen.

In Schlesien wurde diese Thatsache bitter empfunden; man verfolgte mit einer Art von Verstimmung die neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der Poesie, um sie gegen die einheimischen Leistungen abzuwägen. Nun erschien in dem Auftreten Günther's ein mächtiger Zuwachs an Kräften in dem Kampf für die Ehre des Vaterlandes. Die Hast, mit der man alles sammelte und ohne Wahl und Auswahl auf den Markt brachte, ist von diesem Gedanken eingegeben. Die Vorrede zur vierten Auflage hat dessen kein Hehl. Der bekannte Panegyrikus vom »schlesischen Helikon« u. s. w. erschallt auch hier, aber zugleich mit dem Eingeständniß, es gewinne fast den Anschein, »als wenn die deutschen Musen ihren Wohnsitz anderswo aufschlagen wollten«. Das zielte auf Niedersachsen mit den Amthor, Brockes, Richey, Triewald, Weichmann, von denen zu besorgen stand, daß sie den Schlesiern gar einmal den Lorber aus den Händen winden und auf ihre eigenen Häupter setzen könnten. Damit »das aber nicht sobald geschehe«, so legte man nun der Welt die Gedichte eines Schlesiers vor, der, wenn er länger gelebt hätte, den allergrößten Dichtern Deutschlands den Rang streitig gemacht haben würde. Damit hatte man sich den Ausspruch Mencke's mit beiden Händen zugreifend angeeignet. Widerspruch wurde nicht erhoben. Als jedoch die erste Gesammtausgabe erschien, forderte diese in ihrer Ausstattung, innern Einrichtung, Anordnung des Stoffs, vor allem aber durch den Mangel jedes vernünftigen Princips in der Auswahl eine strenge Verurtheilung heraus. Gottsched übernahm dieselbe in der Zeitschrift der Leipziger Deutschen Gesellschaft, den »Beiträgen zur Critischen Historie der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit« (St. 14; S. 169 fg., 1736). Er ging davon aus, daß auch jetzt nicht Günther die Ehre widerfahren sei, die er wirklich verdiene, und deckte die Mängel des Buchs, die in der That unglaublich sind, die Ordnungslosigkeit, die unbegreifliche Albernheit, womit z. B. in den Rubriken »Satiren« und »Briefe« alles mögliche nicht dahin Gehörige zusammengewürfelt ist, ohne Schonung auf. Der Herausgeber hat die »Jugendgedichte« in eine besondere Zugabe verwiesen; Gottsched misbilligte das, denn es klang doch wunderlich, bei einem Manne, der noch nicht 26 Jahre alt war, von solchen zu reden. Scharf getadelt aber wird die Aufnahme des Dramas, der Arbeit eines Schulknaben, die unter der Kritik sei. Bei der Beurtheilung der Gedichte selbst, so meinte Gottsched, hatte der Kritiker ein weites Feld vor sich; aber wer durfte es wagen, diesen Helden, auf den sein Vaterland sich so viel wußte, in seiner poetischen Ehre anzutasten? Den Schlesiern genügte nicht das Aussprechen eines wohlverdienten Lobes, nein, sie wollten ihre Dichter auch in ihren »sonderbaren« Fehlern gelobt sehen. Das war ihre Art so; als die Kritik den Roman Ziegler's, »Die asiatische Banise«, in ihrer Blöße darstellte, da war in seinem Vaterlande Meißen niemand böse geworden, aber eine rücksichtslose Beurtheilung Lohenstein's hatten die empfindlichen Landsleute zur Stunde nicht verschmerzt. So wollte sich denn der Leipziger Professor auf eine allgemeine Charakteristik Günther's beschränken. Er spendet ihm großes Lob: seine natürliche Fähigkeit zum Dichten sei unstreitig eine der allerbesten gewesen, die jemals ein Deutscher gehabt; sein Gedächtniß und seine Einbildungskraft seien so glücklich, so reich und fruchtbar, sein Scharfsinn, sein Witz, seine Belesenheit in gründlicher Wissenschaft, selbst in der Weltweisheit, so groß, wie man sie von einem Dichter nur wünschen könne. Von seinem Standpunkt aus vermißte Gottsched nur die theoretische Vorbildung in den »wahren Regeln« der Dichtkunst und die Herrschaft eines gebildeten Geschmacks über das wilde Feuer der Phantasie. Dieser Mangel bekundet sich in hundert Stellen der Gedichte, die ohne Verletzung des Schamgefühls nicht gelesen werden können, in denen sich sein unordentliches Leben und »der Umgang mit lasterhaften Leuten« abspiegelt. Nicht verdammen will Gottsched den Dichter darum, vielmehr ihn entschuldigen, da es ihm an äußern Hülfsmitteln fehlte, das Gute in ihm selbst herauszubilden. Aber daß seine Freunde nicht so viel Liebe für einen Freund, für einen Landsmann gehabt haben, diese Anstößigkeiten in ewiger Vergessenheit zu begraben, ist unverantwortlich. Günther hätte ein ehrbarer, züchtiger und vernünftiger Dichter heißen können, so aber hat man einen wollüstigen und niederträchtigen Poeten aus ihm gemacht. – An der Günther'schen Technik rühmt Gottsched das Fließende im Silbenmaß wie in der Sprache, aber in vielen Gedichten vermißt er die Einheit des Plans; so hatten die neuern Ausländer und Deutschen, die Boileau, Canitz und Neukirch doch nicht geschrieben! Auch widerstrebt seinem Gefühl die Vermischung des Heiligen mit dem Profanen, z. B. in den »Letzten Gedanken«, und die Stellung des Niedrigen neben das Erhabene. Einem zu erwartenden Angriff der Schlesier tritt er schließlich mit dem Versprechen entgegen, wenn er nächstens versuchen werde, an Lohenstein und Hofmannswaldau, deren Werke gerade neu gedruckt wurden, die Stärke der heutigen Vernunft zu prüfen, so wolle er der Unparteilichkeit zu Liebe auch einen Niedersachsen, Amthor, in seinem Werth oder Unwerth darstellen.

Ein Breslauer, Dr. Steinbach, praktischer Arzt, aber auch mit Arbeiten auf dem Gebiet der deutschen Sprache beschäftigt, ein trockener kümmerlicher Gelehrter, überdies Gottsched's persönlicher Feind, bereitete eine Entgegnung vor, die mehrfach angeführte Biographie Günther's, die namentlich in ihrem zweiten Theile sich als leidenschaftliche Tendenzschrift verräth. Ein Anhänger Gottsched's erwiderte das Nöthige in einem als fliegendes Blatt gedruckten Schreiben (vgl. oben). Das »Gespräch zwischen Günther und einem Ungenannten« griff in den Streit mit überlegenen Waffen ein, indem das, was Gottsched wollte, mit glänzendem Witz und schlagenden Gründen hervorgehoben wurde. Ein Eingehen auf Einzelheiten kann für unsere Leser kein Interesse haben. Die »Beiträge« (St. 17; S. 63 fg., 1737) brachten auch eine Kritik der Günther'schen Ode an Eugen, die dem »schönsten« Gedicht des berühmten Dichters volle Anerkennung zollte. Nicht als altfränkischer Schulfuchs und mit catonischer Stirn wollte der Verfasser auftreten. Er gestand dem Gedicht die »Freiheit« einer Pindarischen Ode zu und sah es nicht als einen Fehler an, daß »die Regeln der Rhetorik« in der feurigen Ausarbeitung etwas beiseite gesetzt seien, hielt vielmehr mit Boileau dafür, daß in dieser Gattung eine schöne Unordnung eine Wirkung der Kunst sei, wie denn dieser Franzose in seiner Ode auf die Eroberung von Namur den beau désordre vortrefflich angebracht habe. Aber einzelne Gedanken Günther's wollte er beleuchten und nachweisen, wie dieselben mehr dem Bathos, dem Niedrigen, als den gesunden Regeln der Poesie anzugehören schienen. Dahin rechnet er auch das Hervortreten der Subjectivität des Dichters in der Einmischung der Jeremiade von seiner Noth, da doch die wahre Würde der Poesie solchen Seufzern keinen Platz in ihren Schranken vergönne. Wir sehen hier das Recht und selbst die Billigkeit auf der Seite Gottsched's. Es war überhaupt nicht seine Art, eine rücksichtslose Kritik zu üben. Neben dem Vorbilde der neuern Franzosen blieb ihm Opitz mustergültig, und er hielt das Ausgehen von ihm für selbstverständlich. Was die deutsche Literatur Gutes besaß, erkannte er bereitwillig an; er wollte überhaupt nicht in den Gang der Dinge eingreifen und hoffte auf einen naturgemäßen Ausgleich entgegengesetzter Ansichten und Manieren. Selbst Hofmannswaldau ließ er in manchen Dingen gelten, nur Lohenstein widerstrebte gründlich seiner französisch geschulten Classicität. Sein »Versuch einer kritischen Dichtkunst« (1730) entnimmt gern Beispiele aus Günther's Gedichten, die Ode auf den Passarowitzer Frieden nennt er geradezu ein Meisterstück, das Tabackslied (S. 53) ein Muster der Gesellschaftspoesie, seine Briefe seien neben denen von Canitz und Neukirch den besten römischen und französischen oft gleich zu schätzen, zuweilen vorzuziehen.

Die Misgriffe in den Ausgaben, vor allem der Mangel an Geschmack und Pietät bei der Auswahl dessen, was doch nun offen vor die Welt trat, trugen in der That die Schuld, wenn dasjenige, um was es sich hätte handeln sollen, gar nicht zur Sprache kam und die Kritik keine Notiz von dem nahm, was Günther über die Schlesier, ja über die gesammte Zeitrichtung erhob. So sollte der arme Dichter von seinem Vaterlande endlich noch die Schmälerung seines Nachruhms erfahren. Es ist mir nur ein einziges Urtheil bekannt geworden, worin sich eine Ahnung seiner höhern Bedeutung verräth. Bodmer in dem »Charakter der deutschen Gedichte« (Zürich 1734, wiederholt in den »Beiträgen«, St. 20; S. 624 fg.) stellt ihn neben Haller; er nennt ihn unmittelbar nach Canitz (641):

Zween andre führt der Ruhm mit ihm auf einen Wagen,
Den hat uns Schlesien, und den die Schweiz getragen.
Gib acht, wie der Affect in Günther's Rede blitzt,
Wiewol ihn die Vernunft mit eisern Waffen schützt.
Wenn er sein Elend klagt, muß jeder sich ergeben;
Nur um des Vaters Herz mußt' Erz und Eisen schweben.

Ihr Stilus sticht hervor nach sehr besondrer Art,
Des Schlesiers ist stark, nachdrücklich, doch was hart,
Dieweil er stets ein Ding, das vor sich nicht bestehet,
Kein eignes Wesen hat und nur mit andern gehet,
Als was Selbständigs malt, mit Geist und Thun beseelt.
Gut, wenn's mit Maß geschieht! Wahr ist es, er erwählt
Ein metaphorisch Bild durch glücklichen Verstand –
Und alles fällt ihm ein und kömmt ihm unbesorget.

Aber Günther's eigenthümliches Wesen ist auch hier nicht erkannt. So war denn auch ein unmittelbares Fortwirken seiner Dichtung unmöglich. Das Schicksal derselben wird uns begreiflich, wenn wir sehen, wie 40 Jahre nach seinem Tode noch nichts von allem dem geschehen war, was die Kritik zur Wiederherstellung seines wahren Werths verlangt hatte. Die letzte Ausgabe (1764) machte nur den mislungenen Versuch, in das Einzelne mehr Ordnung zu bringen. Eine Anzeige des Buchs in der »Allgemeinen Deutschen Bibliothek« (Band 3, 1766; St. 1, S. 253) kommt auf das alte Stichwort von dem frühen Tode Günther's zurück, der ein guter Dichter geworden wäre, wenn er in erleuchtetern Zeiten gelebt hätte: »Jetzt aber sind seine Werke nichts als die ganz schwache Dämmerung eines schönen Tages«; daß man jetzt alle seine Werke wieder druckt, möchte sonderbar erscheinen, denn nur der kleinste Theil werde Leuten von Geschmack erträglich vorkommen; doch könne es sein, daß es, »sonderlich in Schlesien«, noch Liebhaber der Günther'schen Muse gebe, die alles lesen wollten, was dieser unglückliche Dichter geschrieben hat.

Begreiflich hing Günther nicht blos durch seine Geburt, sondern auch durch die Anregungen, die er inmitten der allgemeinen Zeitrichtung empfangen mußte, mit der Schlesischen Schule zusammen. Den Geist, der in ihr lebte, athmete er mit der Luft ein. Er selbst war sich keines andern Einflusses, keiner andern Muster bewußt. Deswegen konnte er einen Freund, der sich für Poesie interessirte (586), auch nur auf die Schlesier verweisen, auf Opitz und Fleming, welche die Früchte des klassischen Alterthums Deutschland angeeignet, auf Canitz, den ältern Gryphius, den gedankenvollen, doch auch auf Hoffmann, der es den Welschen nachgethan, und Neukirch; vor allem aber kommt er immer wieder auf Opitz zurück. Zwar spät waren die Deutschen gekommen, aber nicht unwürdig schlossen sie sich an die Alten und Neuen an, an Petrarca und wenige andere Italiener, welche die rechte Straße wandelten – denn Günther haßte sonst die »hohen Grillen« der Welschen –, später dann auch an die Dichter, die Ludwig's Gnadenglanz in Frankreich aufgeweckt, die Boileau, Racine, Molière. Interessant ist das Bekenntniß, wie er den Entwickelungsgang der Schule in sich selbst im kleinen durchgemacht habe (375. 376). Nicht in rauschendem Flittergold, das war ihm klar geworden, und in schwülstigen Gedanken, noch in sonstigem Puppenwerk, zum Köder für niedrige Seelen bestimmt, bestehe der Schmuck der Kunst. Mit dergleichen Dingen habe er einst selbst sich abgeplagt, zur Zeit als sein Witz noch unreif war und »wie ein siedend Fett den Schaum ausstieß«. Wenn er mancher Magdalis aus Amor's Contrapunkt ein Ständchen vorgepfiffen, habe er Worte und Verstand gegen die Natur gedrechselt; eines schönen Kindes Mund ließ er mit Scharlachbeeren reiben; ein Kerl, den er ums Geld ansang, war ihm ein Orakel der Welt. Auch hatte er seine liebe Noth mit anagrammatischen Spielereien, daß er oft um ein A drei Stunden auf- und ablief; dabei bestahl er Lohenstein und holte seinen Apparat an Steinen, Thieren, Bäumen, Pflanzen und sonstigen Kostbarkeiten selbst über das Meer her. Habe er aber gar ein Maul voll Götter gefangen, sei er vor Freude toll geworden, u. s. w. Jetzt (1721) lerne er sich selbst kennen und lache derer, die ihn solcher Sachen wegen für einen Dichter gehalten. Ueber Theorie der Kunst hatte Günther schwerlich viel nachgedacht; Opitz' Schrift von der Poeterei war ihm natürlich bekannt, und er hatte seinen Horaz und Boileau gelesen. Wollte man einmal einen höchsten Zweck der Poesie haben, so ließ er das Princip des »Nützens und Ergetzens« gelten; die Hauptsache aber ist, den »Phöbus in der Brust zu haben«, Regeln sind Nebensache (S. 117). So war auch er keines Dichters eigentlicher Schüler. Mit der herrschenden Schule blieb er freilich schon durch die Formen, deren auch er sich bedient, im Zusammenhange; und gewiß ist die Form nicht ohne Einfluß auf den Inhalt; dies glauben wir bei Günther namentlich in allem demjenigen zu erkennen, was nach der leidigen Sitte des Jahrhunderts im Dienst der Gelegenheit gedichtet worden ist. Hier klingt namentlich in dem gemessenen Gang und antithetischen Bau des Alexandriners wie in der langen trochäischen Strophe noch vielfach die Manier der Vorgänger wider.

Anders aber verhält es sich mit allem demjenigen, was als freier Ausdruck eigensten Wesens unverkennbar in den Gedichten Günther's uns entgegentritt. Wer den Gang der poetischen Bestrebungen jener Zeit verfolgt hat, wird sich sagen müssen, daß dasjenige, was bei jenen Dichtern nur vereinzelt zum Ausdruck gelangt, bei Opitz selten, am reichsten bei Fleming, erfreulich auch bei Andreas Gryphius, dessen lyrische Dichtung seiner dramatischen ebenbürtig ist, und bei Simon Dach, bei einer Reihe gefeierter Namen gar nicht, hier alles durchdringt: des Dichters Herz mit der Fülle innern Lebens, zu denen er die Vorgänge des äußern Lebens stets in Beziehung zu setzen weiß. In der That handelt es sich hier nicht um eine glückliche Erfindung, ja nicht einmal bei einzelnen Stoffen, sondern um den zusammenhängenden Inhalt eines reichen, einem realen Boden entstammenden Gefühlslebens, nicht um die Kunst geschickter Behandlung, sondern um die Gabe, Gestalten und Ideen durch das Wort zur vollen Erscheinung gelangen zu lassen.

Diese Anerkennung hat sich erst spät und nach und nach bei uns vollzogen, je in dem Maße, als man die Einsicht gewann, daß den persönlichen Beziehungen, die sich ja auch bei andern Dichtern finden, hier eine ganz andere Bedeutung zukomme.

Unter den beifälligen Urtheilen über Günther steht, nicht allein der Zeit nach, dasjenige Goethe's obenan. Die Bemerkung, daß zu jener Zeit das, was der deutschen Poesie fehlte, ein Gehalt war, und zwar ein nationaler, daß an Talenten niemals Mangel war, führte ihn zu Günther (Werke, XXV, 80, 81). Die wenigen Worte über ihn stammen, vielleicht ihm selbst unbewußt, aus einem verwandten Geiste. Ihm ist er ein Poet im vollsten Sinne des Worts, ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtniß, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grade, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unterrichtet. Genug, in ihm fand er alles, was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen und zwar in dem »gemeinen, wirklichen Leben«. Wir bewundern seine große Leichtigkeit, alle Zustände durchs Gefühl zu erhöhen und mit passenden Gesinnungen, Bildern, historischen und fabelhaften Ueberlieferungen zu schmücken. Das Rohe und Wilde davon gehört seiner Zeit, seiner Lebensweise und besonders seinem Charakter oder, wenn man will, seiner Charakterlosigkeit. Er wußte sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten. Hätten Goethe diejenigen Gedichte, welche mit Günther's Leben, namentlich mit seiner Liebe zu Leonoren zusammenhängen, von allem übrigen abgesondert vorgelegen, wäre es ihm überhaupt möglich gewesen, in der verworrenen Masse des poetischen Nachlasses das in dieser Beziehung Bedeutungsvolle zu erkennen, so würde er seinem Lobe vielleicht den Ausspruch hinzugefügt haben, daß dieser Mann in einer Gattung wenigstens, in der lyrischen, den höchsten Leistungen nahe gekommen sei.

Für die epische Dichtung fehlte ihm vor allem eins, die Objektivität der Anschauung, die ihren Standpunkt außerhalb der Dinge, ja über denselben hat. Im Drama liegt nur ein einziger Versuch vor, der überdies einer besondern Veranlassung seine Entstehung verdankt. Es war eine bestellte Arbeit, wie andere Gelegenheitsgedichte. Es ist darüber schon berichtet worden. Im Sommer 1715 war man mit den Vorbereitungen zu den Schlußfeierlichkeiten am Ende des Semesters beschäftigt. Schweidnitzer Künstler und Dilettanten hatten das Mögliche geleistet. Der Theaterbau vor dem Thore war fertig, die Decorationen waren gemalt (1097):

Auf einer stutzt der Pan in einem deutschen Kleide,
Und an der andern sitzt ein Bacchus auf der Weide,
Actäon schießt ein Reh mit einer Flinte todt. –
Dort steht Terentius und zeigt zu dieser Frist,
Wie emsig er das Buch des Molière liest. –
In Summa, kurz gefaßt, Paris und seines gleichen
Muß in der Schauspielkunst vor uns die Segel streichen.

Man wollte den »Cyrus« des französischen Jesuiten Charles de la Rue geben. Die Uebersetzung aus dem Lateinischen und zwar in Versen besorgte Günther; sie machte ihm viel zu thun und beschäftigte ihn wochenlang. Ein zweites Stück hatte Günther selbst verfaßt. Es wurde in Schweidnitz gedruckt und führt den Titel: »Die von Theodosio bereute und von der Schul-Jugend von Schweidnitz den 24. Sept. Anno 1715 vorgestellte Eifersucht.« Die Lektüre des Andreas Gryphius führte ihn bei der Wahl des Stoffs zu einer Quelle, aus der auch dieser geschöpft hatte, der byzantinischen Hofgeschichte. Er folgt der Erzählung eines Ereignisses aus dem Leben des elenden Theodosius II., der seit 414 unter der Vormundschaft seiner energischen Schwester Pulcheria regierte, bei Constantin Manasses, dem Verfasser einer historischen Synopsis bis auf Alexius Comnenus in politischen Versen. Günther scheint dieselbe aus deutschen und französischen Bearbeitungen gekannt zu haben. Den Inhalt des Dramas geben wir ganz kurz mit den Worten des Vorberichts: »Theodosius der Jüngere bekam einst einen schönen Apfel geschenkt, den er aus Liebe seiner Gemahlin Eudoxia übergab. Dazumal lag Paulinus, ein sehr gelehrter und von dem Kaiser und der Kaiserin geehrter Mann, krank danieder, welchem die Kaiserin solchen Apfel zur Erquickung sendete. Dieser aber, nicht wissend, wo solche Frucht anfangs hergekommen, überschickte solche dem Kaiser als eine sonderbare Rarität, der sich dadurch eine geheime Vertraulichkeit seiner Gemahlin mit dem Paulino einbildete und sofort den unschuldigen Mann hinrichten ließ. Dies bewegte die tugendhafte Eudoxia dergestalt, daß sie ihre Unschuld eidlich behauptete, nachmals aber sich unmuthsvoll nach Jerusalem wendete und daselbst ihr Leben Gott widmete.« – Weiter auf den Fortgang der Handlung einzugehen, lohnt nicht die Mühe; die ersten Erfordernisse dramatischer Technik fehlen. Die Hinrichtung geschieht im vierten Act, die Enthüllung der Wahrheit füllt den fünften. Die Verräther machen sich aus dem Staube, dem Kaiser wird durch seine Schwester der Text gelesen. Das scheint zu helfen, denn die auf dem Titel angekündigte Reue beginnt; durch einen auf der Reise nach Jerusalem geschriebenen Brief der Gemahlin wird diese Reue zur Verzweiflung; endlich zur gehörigen Steigerung des Effects erscheint der Geist des Paulinus, um dem Theodosius ein blutiges Ende zu verkündigen. Die gebräuchlichsten dramatischen Mittel fehlen nicht. Traumerscheinungen, allegorische Figuren treten reichlich auf. Einzelne Stellen des Dialogs sind lebhaft und gewandt durchgeführt. Im Aeußern hat Günther seinem Vorbilde manches glücklich abgelauscht; Sentenzen und Stichomythien werden oft geistreich und treffend verwendet. Einige eingelegte komische Scenen verrathen mehr Geschick; der Repräsentant der Komik ist zugleich derjenige, der die Intriguen gegen Eudoxia spinnt, der »lustige Hofrath« Polylogus. Hier verräth sich unzweideutig der Einfluß der Pickelheringsspiele, wie sie als Erbtheil niederländischer und englischer Komödianten auf den Wanderbühnen jener Zeit noch im Gebrauch waren. Alles ist wie mit dem Zimmermannsbeil zugehauen. Daraus begreift sich auch der Abscheu des classisch-französischen Leipziger Professors, der hier Roheit im Verein mit der Lächerlichkeit erblickte. In der That werden wir mit Gottsched lachen, wenn gleich zu Anfang des ersten Acts als Gegenstück zu der Flinte des Actäon der Friede den Oelzweig auf Wall und Mauern »anstatt der Stücke« pflanzt!

Dieselbe Eigenart in Günther's Natur, die ihm das Gebiet der epischen Poesie verschloß, hinderte ihn auch, in einer andern Gattung das zu leisten, was er sonst bei seiner Begabung vermocht hätte, wir meinen in der Satire. Was unter den Gedichten dahin gehört, nimmt weder unter seinen eigenen Produktionen noch unter den verwandten Erscheinungen der Zeit einen hervorragenden Platz ein. Die »Strafgedichte« mögen immerhin als Ausdruck eines scharfen Blicks für Thorheiten und Schwächen und wegen ihres treffenden Witzes und leichten Vortrags den Leser flüchtig erheitern; aber heute bieten sie kein weiteres Interesse, da sie nicht einmal ein allgemeingültiges Bild der Zeit geben, indem sich alles in Einzelheiten verliert, die dem Verfasser gerade nahe lagen. Günther selbst hielt viel von seiner Kunst in dieser Gattung. Und doch trug sie einen guten Theil der Schuld an seinem Unglück. Er machte sich Feinde, die ihm schaden konnten. Schon in Schweidnitz verwickelte sie ihn in eine literarische Fehde mit dem Herausgeber einer Wochenschrift: »Vergnügung müßiger Stunden«, die sich bis in die Wittenberger Studentenzeit hineinzog. Er wußte sehr wohl, wie sehr er selbst das Urtheil der Welt herausforderte, aber auch das ist ein immer wiederkehrender Zug seines Charakters, daß er einer aufsteigenden Entrüstung nicht Herr zu werden vermag. So nahm er niemals Rücksicht (485): jung und alt aus allen Ständen mußte daran, und »seine Latte stieß an alle Schellen an«; wenn Rad und Galgen darauf gestanden, so hätte er den Vorwitz nicht zwingen können, sich den freien Mund in Schriften zu verbrennen. Wenn er sich nun gar an Männer in hoher Stellung und an geistliche Würdenträger wagte, die er als Stellenjäger und Simonisten brandmarkte, so hatte er es am Ende sich selbst beizumessen, wenn man ihn, wie er naiv genug eingesteht, wie einen tollen Hund scheute. Er konnte nun einmal fühlen lernen, daß die Wahrheit dem, der ihre Geige streicht, kein Brot bringt. Schon die Gewohnheit Günther's, stets nur Personen anzugreifen, rückt die meisten seiner »satirischen« Expectorationen ganz aus der Sphäre der Poesie. Hätte nur einmal die persönliche Gereiztheit über kleine Einzelheiten in den Hintergrund treten und seine Kunst freigeben wollen für die Darstellung dessen, was dem großen Ganzen gebrach! Hinlänglich erkannt hatte er das. Es schien ihm hohe Zeit, die Augen aufzuthun, wo Lieb' und Wahrheit aus dem Lande gejagt waren, Fürsten und Unterthanen der Pflicht vergaßen (Nachlese 7): Nach Gewinn rennt groß und klein, ein Nachbar ist des andern Teufel, die Lehrer zeugen Zweifel und Zank, Wucher treiben Kirche, Recht und Amt – und niemand hört die Stimme des rächenden Gottes! Harmloser und erfreulicher dagegen ist Günther's Witz überall da, wo er sich auf dem Gebiete bewegt, das ihm am nächsten liegt. Wir haben gesehen, mit welchem Humor er den marinistischen Geschmack seiner eigenen Erstlingspoesien darstellt. Er hatte damals schon das große Publikum gründlich verachten gelernt (386); die Menge hatte überhaupt keine Ahnung von geistiger Arbeit und ihrem Werth; man pflegte »kahl und obenhin zu lesen« ohne Achtung für den Geist, der in den Gedanken lebt, für die Kraft und die Angemessenheit »des Ausdrucks und der Ordnung«. Den Werth der Dichter wägt man nach ihren Namen ab; ein jeder weiß zu tadeln und verlangt dies und das, je nach seinem Geschmack, selbst Possen und Zoten. Und dann gar die Ansprüche der Leute, wenn sie Gelegenheitsgedichte bestellen! Da soll man Flavien erbärmlich vorleiern, wie, da sie gestern spät das Sonntagszinn gescheuert, ihr aufgestreifter Arm die Schwanenhaut entblößt, daher in seiner Brust ein neuer Aetna brennte, dem selbst ihr Schüsselfaß die Glut nicht löschen könnte. So stellte man allerhand wunderliches Begehren, wie an jenen Maler, der gegen billige Bezahlung den großen Goliath auf einen Dreier malen sollte!

Die Frage, durch welche diese Ausführungen eigentlich veranlaßt worden sind, ob Günther jemals die höchsten Ziele der Dichtkunst erreicht haben würde, wenn sein Leben sich anders gestaltet hätte, soll hier nur flüchtig berührt werden. Goethe hat die Frage ebenfalls erwogen, doch nur von einem Standpunkte aus. Zwei Möglichkeiten gab es, Günther zum geordneten und sorgenfreien Leben zurückzuführen, entweder die Rückkehr zur Brotwissenschaft, oder eine Stellung, wie sie einmal in Dresden in Aussicht stand. Goethe hat nur die letzte ins Auge gefaßt. Auf das, worum es sich hier handelte, »den Hoffestlichkeiten Schwung und Zierde zu geben und eine vorübergehende Pracht zu verewigen«, legt er großes Gewicht. »Dies Glück« hatte Günther »durch ein unfertiges Betragen verscherzt«. König war glücklicher, indem er die Stelle eines Hofpoeten mit Würde und Beifall bekleidete. Wir verstehen die Neigungen und Gewohnheiten, die diesem Ausspruch unsers Altmeisters zu Grunde liegen. Er meint ja: in allen souveränen Staaten komme der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter; deshalb konnte er ein Ereigniß wie das Lustlager bei Mühlberg, das König poetisch schildern sollte, den ersten würdigen, wo nicht nationalen, doch provinziellen Gegenstand nennen, der vor einem Dichter auftrat. Merkwürdig, Goethe gibt zu, daß dieser Gegenstand einen innern Mangel habe, da er nur Prunk und Schein war, aus dem keine That hervortreten konnte. Dies und die vielen Rücksichten, die zu nehmen waren, indem immer der Hof- und Staatskalender zu Rathe gezogen werden mußte, sollen dann der Grund gewesen sein, daß König über den ersten Gesang nicht hinauskam. Und an solchen Stoffen – denn die andern Feste und Feierlichkeiten waren doch nicht weniger Prunk und Schein – seine Kraft vergeuden zu müssen, sollte ein Glück sein? Was Günther auf diesem gefährlichen Gebiete zu leisten verstand, das hat er durch seine Ode auf Eugen gezeigt; ob er sich aber dauernd mit dem Berufe eines Hofdichters abgefunden haben würde, ist doch zu bezweifeln. Wir haben jedenfalls dem Geschick zu danken, das unsern Dichter da beließ, wo er die Wurzeln seiner Kraft hatte, im bewegten freien Leben. Lassen wir überhaupt alle Muthmaßungen darüber, was unter geneigterm Gestirn aus ihm hätte werden können, die nur im Stande wären, uns den Genuß dessen, was wir durch ihn besitzen, zu verkümmern. Und dieser Genuß wird auch für unsere Leser ein hoher sein, nicht blos wegen der rein menschlichen Theilnahme für ein reiches Dichterleben, sondern auch wegen der Befriedigung, die eine vollkommene Harmonie des Inhalts und der Form vom künstlerischen Standpunkt aus gewähren muß.

Wie Günther die heroischen Jamben und Trochäen von seinen Vorgängern übernommen hat, ohne sich durch dieselben beengt zu fühlen, so fand er bei ihnen auch eine reiche Mannichfaltigkeit lyrischer Formen vor, die ihm die freieste Bewegung gestatteten. Neues ergab sich leicht und glücklich, wo er die Stoffe unmittelbar wirken ließ. Einfache Combinationen von Versfüßen und Reimen sind ihm die liebsten, manches klingt an die Weisen des Volks- und Gesellschaftsliedes an, einzelnes ist sogar bestimmten Melodien untergelegt; durch alles aber geht belebend und erwärmend ein feines Gefühl, ein Wohllaut, ein inniges Verständniß dafür, daß die Mittel der Musik auch in der Poesie zu verwenden sind (346). Auch Worte können Musik werden:

Hört doch, hört! die reinen Saiten
Zittern, wechseln, jauchzen, streiten,
Ihre Herrschaft zwingt die Brust
Bald zum Hasse, bald zum Leide,
Bald zur Liebe, bald zur Freude,
Bald zum Kummer, bald zur Lust.

Darum wird auch zuweilen, selbst als Umkleidung eines lyrischen Gedankens oder einer einfachen Situation die musikalische Kunstform der Cantate gewählt, die in ihrer Vertheilung der Stimmen sich dem Drama nähert. Was Günther in dieser Art verfaßt hat, ist zum Theil wirklich componirt und mit Instrumentalbegleitung aufgeführt worden.

Was in Günther's Charakter als Mensch Ungeordnetes war, darin erblicken wir eine pathologische Erscheinung, deren Grund unschwer zu erkennen ist. Auch in diesen Blättern sind seine Schwächen schonungslos aufgedeckt. Wir sahen, wie sein Herz durch den Verlust seiner Liebe verdüstert und seine Energie gelähmt wurde zu einer Zeit, wo er sie am nöthigsten hatte. Als dann die Leidenschaften erwachten, wurden ihm alle Mittel der Befriedigung entgegengetragen. Dem Begehren versagte sich selten der Genuß, dem Wunsch folgte der Besitz, und dieser erschien niemals nur in der Ferne, etwa als Erfolg ernsten Strebens, als Lohn der Arbeit in der Zukunft. Hindernisse, die dazwischentraten, wurden besiegt, und dem Entbehren folgte abermals das Genießen; so gingen die Tage hin, um mit der Zerrüttung aller Verhältnisse zu enden. Dazu aber kommt noch die Schuld des Vaters, auf den eine schwere Verantwortung fällt; denn nicht blos um ein Versagen der Hülfe handelt es sich hier, sondern um das Verstoßen eines Kindes, das reuig in das Aelternhaus zurückkam, nun aber vor der verschlossenen Thür verbittert umkehrte, um sich wieder von dem Strom des Lebens treiben zu lassen. Geistig darin unterzugehen, davor bewahrte ihn das Bewußtsein der edlern Kräfte, der besondern Gaben, die ihn über die Alltagsmenschen zu stellen schienen. Für diese hatte er die Abfertigung (Nachlese 38):

Was schnitzt ihr unbesonn'nen Richter
Den Umstand meines Theils nach euch?
So mancher Mensch, so viel Gesichter,
Und doch ist keins dem andern gleich:
Nicht anders ist zum Stehn und Fallen,
In Lust und Leid,
Bei jeglichem und auch bei allen
Ein allgemeiner Unterscheid.

Ueber die Noth, selbst da, wo er als ein Liebeswerk seinen Freunden empfahl, ihm den Tod zu wünschen, erhob ihn, wenn endlich auch sein glücklicher Humor ihn verließ, der Beruf, in dem bei ihm alles aufging. Seiner festen Ueberzeugung nach hatte die Poesie in sich selbst ihren Lohn, was freilich denen sonderbar vorkomme, die nicht wissen, daß es Geister gibt, die den Nachruhm höher anschlagen als irdische Güter. Dieser aber war ihm gewiß, das glaubte er zu fühlen. Das war es auch, was er als höchsten Lohn der Liebe zu bieten hatte: wie einst Petrarca, das Andenken seiner Geliebten der späten Nachwelt überliefern zu können. Dann werde noch manches Herz Trost aus seinen Liedern ziehen. Aber noch mehr; trotz aller Verirrungen wußte er sich im Zusammenhang mit dem höchsten Wesen. Wollte auch die Poesie keinen Trost mehr verleihen, dann richtete er sein Denken auf Welt und Natur; das führte ihn zu sich selbst zurück; er vermochte wieder, die Ruhe da zu suchen, »wo jeder suchen soll«. Dann begriff er, daß er nicht das Fernglas zum Himmel zu richten brauche; er sah die Wunder der Erde, die größten aber in seiner Brust (413). – Wer es vermocht hat, schon in der wünschenden und hoffenden Kraft der Jugend seinem Leben die Harmonie zu geben, die als das Endziel aller Geistesarbeit das höchste Gut ist; wem es gelungen ist, nach dem schönen Platonischen Gleichniß den Zügel des einen wilden Rosses stets mit starker Hand zu halten, der werfe den ersten Stein auf ihn. Sein Leben ist ihm zerronnen, aber nicht seine Dichtung, denn in ihr bleiben die Gedanken und Empfindungen eines edeln Geistes verewigt.

Durch das stete Zusammengehen von Wahrheit und Dichtung in Günther's Leben und Wirken sind uns die für die Auswahl maßgebenden Grundsätze vorgezeichnet worden. Die Vergleichung der dürftigen Nachrichten Steinbach's mit den Gedichten selbst in ihrer dem Leser schon bekannten unglaublichen Verwirrung ergab zunächst einige feste Punkte, von denen aus eine Orientirung in der Fülle des hier niedergelegten biographischen Materials möglich war. Als solche Punkte, die eine weitere Aussicht gewährten, dürfen wir bezeichnen: Zeitereignisse, Namen bekannter Männer, mit denen Günther in Berührung kam, Orte, wo er sich in bestimmten Lebensperioden aufgehalten hat. Eigene Berichte über gewisse Erlebnisse, Beziehungen und Anspielungen auf Vergangenes und Gegenwärtiges, Mittheilungen über Absichten und Hoffnungen, ganz individuelle Stimmungen führten dann weiter. So konnte eine chronologische Zusammenstellung der Gedichte versucht und endlich wirklich erreicht werden. Hin und wieder kam dann noch – zuweilen zu unserer Freude, daß wir richtig gerechnet – die Bezeichnung einzelner Stücke mit Jahr und Tag, besonders in den ersten Ausgaben, hinzu. Solche bestimmte Angaben ließen freilich auch zuweilen die Bestimmung der Entstehungszeit, die sich aus einem Gedichte selbst, und zwar nicht allein dem Ton und der Färbung des Ganzen nach, sondern aus der Erwähnung besonderer, sonst schon bekannter Verhältnisse ergeben hatte, als irrig erscheinen. Wären uns z. B. nur die Gesammtausgaben seit 1735 zur Hand gewesen, so hätten wir angenommen, das schöne Gedicht: »Eleonore ließ ihr Herze nicht länger unempfindlich sein«, rede die Sprache eines jungen, von dem Glück des ersten Besitzes der Geliebten überströmenden Herzens. Wir würden dasselbe in die Zeit des Schweidnitzer Schülerlebens versetzt haben, denn dahin weisen überdies die persönlichen Beziehungen: die Zusammenkunft bei den Gräbern der Aeltern, die Sorge, die sich selbst in den Genuß des Augenblicks hineindrängt, und zuletzt noch die Hindeutung auf eine tröstlichere Zukunft. Das Gedicht hätte also im ersten Buch, etwa nach Nr. 9 – denn hier ist Günther der Liebe Leonorens, die vielleicht schon einem andern angehört, noch nicht sicher – seine Stelle finden müssen und würde somit eine unwillkommene Lücke ausgefüllt haben. Nun fand sich aber im ersten Druck, außerdem durch eine Bemerkung Steinbach's bestätigt, für dasselbe das Datum: 26. Juni 1719. Es gehört also jener Zeit in Leipzig an, wo die Hoffnung auf Wiederkehr des ersten Liebesglücks den Dichter zur poetischen Gestaltung dessen drängte, was Leonore ihm einst gewesen war. Die Stimmung Günther's, der sein Herz nicht binden will, um nur der Freiheit zu leben, in Nr. 20 des zweiten Buchs, könnte uns glauben lassen, ihm sei das Gefühl der Liebe noch fremd gewesen, und das Gedicht wäre dann eins der frühesten. Dagegen aber sprechen die Vollendung der Form und eine ganz bestimmte Hinweisung auf die Zeit nach der Eroberung Belgrads (V. 31 und 32). Also auch hier liegt eine poetische Apperception zu Grunde, durch welche Günther gegen den Schmerz über das Verlorene ankämpft.

Wo solche Anhaltspunkte fehlen, da mußte in einigen Fällen unentschieden bleiben, ob ein gewisses Gedicht als unmittelbarer Ausdruck der Empfindung, oder als eine spätere poetische Vergegenwärtigung vergangener Seelenzustände zu betrachten sei. Für uns ist dieser Unterschied von keiner Bedeutung; unsere Auswahl will wie ein poetisches Tagebuch des Dichters Leben begleiten. Diesem Zwecke gemäß sind die mitgetheilten Gedichte in vier Bücher abgetheilt, die den Perioden der frühen Jugend und ersten Liebe, des Studentenlebens mit seinem Schluß in Dresden, des erneuerten Liebesglücks und des beginnenden Elends, des Abfalls von Leonoren und des heimatlosen Wanderlebens bis zum Ende entsprechen.

Die Sammlungen der Günther'schen Gedichte bringen in einer besondern Abtheilung auch eine Anzahl »geistlicher Oden oder Lieder«, von denen jedoch nicht alle des Dichters Eigenthum sind. Eine Reihe von Liedern über bestimmte Bibeltexte ist während des Aufenthalts in Breslau auf Veranlassung eines durchreisenden hohen Herrn aus dem »Christlichen Jahr« des Franzosen de Sacy übersetzt. Nur diese sind für die Gemeinde oder für die häusliche Erbauung bestimmt. Alles übrige entstammt derselben Quelle wie die gesammte Lyrik Günther's. Einige dieser Gedichte schienen als religiöse Stimmungsbilder der Aufnahme werth, mußten jedoch, da sie sich jedem Versuch einer Zeitbestimmung entziehen, in einen besondern Anhang verwiesen werden.


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