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16.

(An Leonoren. Lauben den 29. Februar 1720.)

Die Trennung dient zu größrer Freude,
Drum thu doch nicht so sehr um thun um, klagen. mich!
So weit ich auch von hinnen scheide,
So nah' behalt' und küss' ich dich,
Weil Licht und Nacht in tausend Bildern
Dem Herzen dein Gedächtniß schildern.

Nur liegt mir etwas in Gedanken
Und martert mich so stumm als scharf:
Man kennt des Frauenzimmers Wanken;
Ich weiß nicht, ob ich hoffen darf,
Und ob auch künftig dein Gemüthe
Sich noch mit gleicher Sorgfalt hüte.

Der Zweifel darf dich nicht betrüben,
Er ist ein Zeichen zarter Treu;
Bisher bekenn' ich zwar dein Lieben
Und weiß, wie rein die Flamme sei;
Wer bürgt mir aber vor das Glücke,
Daß keine Zeit das Ziel verrücke?

Ich kann dir keinen Wächter stellen,
Es wäre denn dein eigner Geist;
Doch weil die Macht von manchen Fällen
Die Klügsten aus dem Cirkel reißt,
So laß dir, willst du mein verbleiben,
Die Regeln in das Herze schreiben.

Die Liebe reicht auch in die Ferne,
Und das heißt recht beständig sein.
Verehre die geneigten Sterne,
Und zürnt ihr abgenommner Schein,
So must du mehr durch Flehn als Fluchen
Den Himmel zu versöhnen suchen.

Erwäge stündlich in der Stille
Den Anfang der Zusammenkunft,
Bedenke nur, dein eigner Wille
Beschwur das Bündniß mit Vernunft;
Vergiß auch nicht, was mein Verlangen,
Nur dich zu sehn, oft angefangen.

Vermeide die Gelegenheiten,
Wo viel Gesellschaft spielt und küßt.
Der Scherz kann öfters viel bedeuten,
Man weiß, wie stark die Reizung ist;
Und must du dich der Welt bequemen,
So laß dich andrer Putz beschämen.

Besuche fleißig alle Gänge,
Wodurch ich dich bisher geführt.
Vornehmlich, wo der Birken Menge
Das Ufer und die Wiesen ziert,
Und dorten, wo dein sachtes Küssen
Mich oft im Grünen wecken müssen.

Du weißt und kannst auch überlegen,
Wie kräftig mich der Mond ergetzt,
So daß ich seines Schimmers wegen
Die Nacht dem Tage vorgesetzt;
Besinne dich in solchen Schatten,
Wie viel wir sichre Zuflucht hatten.

Steh freudig auf, geh froh zu Bette,
Doch sieh vorher mein Bildniß an
Und nimm den Ring, die Liebeskette;
Denn ob gleich keines reden kann,
So wirst du doch bei ihren Spielen
Viel Wachsthum sanfter Neigung fühlen.

Dein Absehn must du wohl verhehlen,
Sprich jeden, der mir Gutes gönnt,
Und laß dir stets von mir erzählen
Und liebe das, was mich nur kennt;
Durchblättre meine Vers' und Lieder
Und sing' und leg' und lies sie wieder!

Geh täglich in des Herren Tempel,
Die Andacht kommt der Liebe bei;
Das Alterthum hat viel Exempel
Verliebter Lust und seltner Treu.
Bemüh dich drum und lies und merke,
Wie zärtlich dich ihr Beispiel stärke.

Laß weder Post noch Boten säumen
Und miß Papier und Sylben nicht,
Erzähle mir aus allen Träumen,
Ihr Schatten giebt den Klugen Licht;
Und ist dir aller Zeug der Zeug, der Stoff. benommen,
So schreib mir stets ums Wiederkommen!

Leg' alles, was ich schriftlich sende,
Ohn' Argwohn auf dein Vortheil aus;
Betrachte wohl den Zug der Hände,
Und suche vor das L. heraus,
Ja, halt ein jegliches Gerüchte
Von meiner Untreu vor Gedichte.

Es braucht kein häufiges Geschwätze,
Denn liebst du recht, so liebst du klug;
Ich geb' und halt' auch die Gesetze.
Kind! gute Nacht! Du hast genug.
Soll etwas mir dein Bild entführen,
So muß ich vor mein Herz verlieren.


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