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34.

(Bußgedanken.)

Mein Gott! Wo ist denn schon der Lenz von meinen Jahren
So still, so unvermerkt, so zeitig hingefahren?
So schnell fleugt nimmermehr ein Segel durch das Meer,
So flüchtig dringt wohl kaum ein heißes Blei zum Ziele;
Es dünkt mich es dünkt mich, ich erinnere mich. ja noch gut der ersten Kinderspiele:
Wo kommt denn aber schon des Körpers Schwachheit her?

Mein Alter ist ja erst der Anfang, recht zu leben,
Indem mir Raum und Zeit noch manchen Scherz kann geben.
Wie? Ueberspringt dieß nun die Staffeln der Natur,
Mein Geist, der wie die Glut in fetten Cedern brannte,
Verdruß und Traurigkeit aus allen Winkeln bannte,
Und wie der Blitz bei Nacht aus Mund und Antlitz fuhr?

Ich hatte von Geburt viel Ansehn Ansehn, Anschein, Aussicht. auf der Erden,
Nach meiner Väter Art ein starker Geist zu werden;
Der Aeltern kluge Gunst erzog Gemüth und Leib
Durch Uebung, Schweiß und Kunst zu wichtigen Geschäften;
Was andern sauer ward, das war schon meinen Kräften
Ein lustiges Bemühn und froher Zeitvertreib.

Kein Ekel, keine Furcht, kein abergläubig Schrecken
Vermochte mir das Herz mit Unruh anzustecken,
Die Glieder fluchten nicht auf Hitze, Frost und Stein;
Verfolgung, Mangel, Haß, Neid, Lügen, Schimpf und Zanken
Erstickten mir keinmal den Ehrgeiz der Gedanken,
Der Welt durch Wissenschaft ein nützlich Glied zu sein.

Ich sah mich als ein Kind den Wahrheitstrieb schon leiten,
Ich schwatzte durch die Nacht bei Schriften alter Zeiten,
Die Musen nahmen mich der Mutter von der Hand;
Ich lernte nach und nach den Werth des Maro schätzen
Und fraß fast vor Begier, was Wolf und Leibnitz setzen,
Bei welchen ich den Kern der frommen Weisheit fand.

Dabei verschmäht' ich auch kein äußerlich Vergnügen,
Die Liebe wüste mich recht künstlich zu besiegen,
So bald Anacreon in meinen Zunder bließ;
Ich dacht', es zöge mich nur bloß ein nettes Singen,
Und war doch in der That ein zärtliches Bezwingen
Der süßen Eitelkeit, die ihre Macht bewies.

Bei vielem Aergerniß und unter allen Sorgen,
Die mir noch ziemlich jung den Abend wie den Morgen
Mit Drohung und Gefahr empfindlich zugesatzt,
Verdarb ich gleichwohl nicht Gesellschaft, Scherz und Küssen,
Und manch vertrauter Freund wird oft noch sagen müssen,
Wie freudig ihm mein Trost die Grillen ausgeschwatzt.

Allein es ändert sich die Scene meines Lebens.
Ach Gott! Wie ist es jetzt mit mir so gar vergebens!
Was seh' ich zwischen mir und mir für Unterscheid!
Mein junges Feldgeschrei bringt stumme Klagelieder,
Es keimt, es gährt bereits durch alle meine Glieder
Der Same und das Gift geerbter Sterblichkeit.

Die Geister sind verraucht, die Nerven leer und trocken,
Die Luft will in der Brust, das Blut in Adern stocken,
Das Auge thränt und zieht die scharfen Strahlen ein.
Das Ohr klingt fort und für und läutet mir zu Grabe,
Und da ich überall viel Todeszeichen habe,
So zagt dabei mein Herz in ungemeiner Pein.

Nicht etwan, daß mein Fleisch, die abgelegte Bürde,
Aus Abscheu vor der Gruft zuletzt noch weibisch würde;
Dieß hab' ich mir vorlängst bekannt und leicht gemacht;
Nur darum, daß mein Fleisch sich in der Blüte neiget
Und nicht der Welt vorher durch seine Früchte zeiget,
Zu was mich die Natur an dieses Licht gebracht.

Allein wer hat hier Schuld? Ich, leider, wohl am meisten,
Ich, welchen Glück und Wahn mit süßen Träumen speisten,
Als würd' es stets so sein und niemals anders gehn,
Ich, der ich so viel Zeit nicht klüger angewendet,
Gesundheit, Stärk' und Kraft so liederlich verschwendet.
Ach Gott, verzeih' es doch dem redlichen Gestehn!

Nun ist auch dieß wohl wahr, der Himmel wird es zeugen,
Daß Neid und Unglück oft die besten Köpfe beugen,
Und daß ich wider mich gar viel aus Noth gethan.
O, hätte mich die Pflicht des Nächsten oft gerettet,
Und mancher Blutsfreund selbst mir nicht den Fall gebettet betten, den Fall, zu Falle bringen.,
Vielleicht – jedoch genug! Ich klage niemand an.

Ich klage niemand an aus redlichem Gemüthe,
Und wünsche mir vielmehr nach angeborner Güte
Nur so viel Glück und Zeit, den Freunden Guts zu thun;
Und da es in der Welt nicht weiter möglich scheinet,
So thu' es der für mich, vor dem mein Herze weinet,
Und lasse Neid und Groll mit mir im Grabe ruhn!

Nur mich verklag' ich selbst vor dir, gerechter Richter.
So viel mein Scheitel Haar, so viel der Milchweg Lichter,
So viel die Erde Gras, das Weltmeer Schuppen trägt,
So zahlreich und so groß ist auch der Sünden Menge,
Die mich durch mich erdrückt und immer in die Länge
Mehr Holz und Unterhalt zum letzten Feuer legt.

Das Aergste wäre noch, mich hier vor dir zu schämen.
Hier steh' ich, großer Gott! Du magst die Rechnung nehmen.
Ich hör', obgleich bestürzt, das Urtheil mit Geduld.
Wie hab' ich nicht in mich so lang' und grob gestürmet
Und Fluch auf Fluch gehäuft und Last auf Last gethürmet!
Schlag, wirf mich, tödte mich! Es ist verdiente Schuld.

Dein Zorn, brennt nicht so sehr die bösen Sodomskinder,
Die Hölle scheint noch kalt und plaget viel gelinder,
Als mich die Qual und Reu, die in der Seelen schmerzt.
Ists möglich, ach, so gieb, du ewiges Geschicke,
Mir auch jetzund für Blut ein Theil der Zeit zurücke,
Mit der mein Selbstbetrug mein zeitlich Wohl verscherzt!

Wie besser wollt' ich jetzt das theure Kleinod schätzen!
Wie ruhig sollte sich hernach mein Alter setzen
Und, wenn denn meine Pflicht der Welt genug gedient,
Mit Fried' und Freudigkeit und als als, wie. im Rosengarten,
Den Tod und auf den Tod den Nachruf still erwarten,
Ich sei als wie ein Baum nach vieler Frucht vergrünt.

Mein Gott, es ist geschehn, mehr kann ich nun nicht sagen,
Stimmt deine Vorsicht bei, so setze meinen Tagen
(Hiskias weint in mir) nur wenig Stufen zu.
Ich will den kurzen Rest in tausend Sorgen theilen,
Durch That und Besserung das Zeugniß zu ereilen,
Daß ich anjetzo nicht mit Heucheln Buße thu.

Der Ernst macht alles gut; was hin ist, sei vergessen,
Kein Kraut ist ja so welk, man weiß noch Saft zu pressen,
Der, kommt gleich jenes um, den Kranken Heil gewährt.
Manasses mehrt zuletzt die Anzahl frommer Fürsten,
Und Saul kann nicht so stark nach Blut und Unschuld dürsten,
Als eifrig und geschickt hernach sein Geist bekehrt.

Ist deiner Ordnung ja mein längres Ziel zuwider,
So rette, treuer Gott, doch alle meine Brüder,
Die voller Irrthum sind und noch an Jahren blühn,
Und laß sich ihren Geist an meinen Thränen spiegeln,
Eh' Ohnmacht, Schwäch' und Zeit die Gnadenthür verriegeln,
Damit sie mehr Gewinn von ihrem Pfunde ziehn.

Von nun an will ich mich dir gänzlich überlassen
Und um den letzten Sturm den stärksten Anker fassen,
Den uns auf Golgatha der Christen Hoffnung reicht.
Dein Wort, dein Sohn, dein Geist befriedigt mein Gewissen
Und lehrt mich hier getrost der Jugend Fehler büßen,
Bis ihrer Strafen Schmerz mit Wärm' und Athem weicht.

Komm nun und wie du willst, die Erbschuld abzufordern;
Der Leib, das schwere Kleid, mag reißen und vermodern,
Weil dieß Verwesen ihn mit neuer Klarheit schmückt.
Ich will ihm zum Voraus mit freudenreichem Sehnen
Auf Gräbern nach und nach den Schlummer angewöhnen,
In welchem ihn hinfort kein eitler Traum mehr drückt.

O sanfte Lagerstatt, o seliges Gefilde!
Du trägst, du zeigest mir das Paradies im Bilde,
Ich steh', ich weiß nicht wie, recht innerlich gerührt.
Wie sanfte wird sich hier Neid, Gram und Angst verschlafen,
Bis einst der große Tag die Böcke von den Schafen,
Die in die Marter jagt, und die zur Freude führt.

Mein Schatz, Immanuel, mein Heiland, meine Liebe!
Verleih doch, daß ich mich in deinem Wandel übe,
Verdirb mir alle Kost, die nach der Erde schmeckt;
Verbittre mir die Welt durch deines Kreuzes Frieden,
Vertreib, was mich und dich durch mein Versehn geschieden,
Und hüll' in dein Verdienst, was Zorn und Rache weckt.

Soll je mein jäher Fall den Körper nieder stürzen,
So laß mir Zeit und Schmerz auf deiner Brust verkürzen
Und nimm den freien Geist mit Arm und Mitleid auf!
Wem irgend noch von mir ein Aergerniß geblieben,
Dem sei der Spruch ans Herz, wie mir an Sarg, geschrieben:
Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf.


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