Autorenseite

 << zurück weiter >> 

9.

(Lob des Winters.)

Verzeiht, ihr warmen Frühlingstage,
Ihr seid zwar schön, doch nicht vor mich.
Der Sommer macht mir heiße Plage,
Die Herbstluft ist veränderlich;
Drum stimmt die Liebe mit mir ein:
Der Winter soll mein Frühling sein.

Der Winter zeigt an seinen Gaben
Die Schätze gütiger Natur,
Er kann mit Most und Aepfeln laben,
Er stärkt den Leib und hilft der Cur,
Er bricht die Raserei der Pest
Und dient zu Amors Jubelfest.

Der Knaster schmeckt bei kaltem Wetter
Noch halb so kräftig und so rein,
Die Jagd ergetzt der Erden Götter
Und bringt im Schnee mehr Vortheil ein;
Der freien Künste Ruhm und Preis
Erhebt sich durch den Winterfleiß.

Die Zärtlichkeit der süßen Liebe
Erwählt vor andern diese Zeit;
Der Zunder innerlicher Triebe
Verlacht des Frostes Grausamkeit;
Das Morgenroth bricht später an,
Damit man länger küssen kann.

Das Eis beweist beweisen, anzeigen, bedeuten. den Hoffnungsspiegel,
Der viel entwirft und leicht zerfällt;
Ich küsse den gefrornen Riegel,
Der mir Amanden vorenthält,
So oft mein Spiel ein Ständchen bringt,
Und Sait' und Flöte schärfer klingt.

Ich zieh' den Mond- und Sternenschimmer
Dem angenehmsten Tage vor;
Da heb' ich oft aus meinem Zimmer
Haupt, Augen, Herz und Geist empor;
Da findet mein Verwundern kaum
In diesem weiten Raume Raum.

Euch Brüder hätt' ich bald vergessen,
Euch, die ihr nebst der deutschen Treu
Mit mir viel Nächte durch gesessen,
Sagt, ob wo etwas Bessers sei,
Als hier bei Pfeifen und Kamin
Die Welt mitsammt den Grillen fliehn!

Der Winter bleibt der Kern vom Jahre:
Im Winter bin ich munter dran,
Der Winter ist ein Bild der Bahre
Und lehrt mich leben, weil ich kann,
Ihr Spötter redet mir nicht ein;
Der Winter soll mein Frühling sein.


 << zurück weiter >>