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29.

(An seine Leonore.)

Bist du denn noch Leonore,
Der so manch verliebter Schwur
(Sinne nach, bei welchem Thore!)
Unter Kuß und Schmerz entfuhr,
Ach, so nimm die stummen Lieder
Eben noch mit dieser Hand,
Die mir ehmals Herz und Glieder
Mit der stärksten Reizung band.

Durch dein sehnliches Entbehren
Werd' ich vor den Jahren grau,
Und der Zufluß meiner Zähren
Mehrt schon lange Reif und Thau;
Meine Schwachheit, mein Verbleichen
Und die Brust, so stündlich lechzt,
Wird des Kummers Siegeszeichen,
Der aus unsrer Trennung wächst.

Lust und Muth und Geist zum Dichten,
Feuer, Jugend, Ruhm und Fleiß
Suchen mit Gewalt zu flüchten
Und verlieren ihren Preis,
Weil der Zunder deiner Küsse
Meinen Trieb nicht mehr erweckt,
Und die Führung harter Schlüsse
Ein betrübtes Ziel gesteckt.

Alle Bilder meiner Sinnen
Sind mir Ekel und Verdruß,
Da sie nichts als Gram gewinnen,
Weil ich dich noch suchen muß;
Nichts ergetzt mich mehr auf Erden
Als das Weinen in der Nacht,
Wenn es unter viel Beschwerden
Dein Gedächtniß munter macht.

Jedes Blatt von deinen Händen
Ist ein Blatt voll Klag' und Weh,
Und ich kann es niemals wenden,
Daß kein Stich ans Herze geh;
Die Versichrung leerer Zeilen
Giebt den Leibern wenig Kraft,
Welche Luft und Ort zertheilen.
O bedrängte Leidenschaft!


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