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29.

(Auf der Abreise von Dresden in sein geliebtes Schlesien, den 2. Sept. 1719.)

Kommt, tröstet mich, ihr alten Tage,
Und laßt euch einmal wieder sehn,
Sonst muß ich bei so scharfer Plage
Den Tod um Hülf' und Rettung flehn.
Ihr martert mein bedrängtes Herze,
Ihr seid es, was mein Leid verstärkt,
Denn wüst' ich nichts von eurem Schmerze,
So hätt' ich kaum die Noth gemerkt.

Ihr habt mir dort durch Lorchens Küsse
Mund, Sehnsucht und Geschmack verwöhnt,
Sobald mir die geneigten Schlüsse
Den Weg ins Paradies gebähnt.
Auf Zucker wächst des Wermuts Schärfe,
Wie jetzt mein Kreuz auf eurer Lust,
Denn wenn ich dieß in mir entwerfe,
So ächzet die gedrange gedrang, beengt. Brust.

Dort saß ich noch im Rosengarten,
Dort wünscht' ich nichts als Ewigkeit,
Der süßen Arbeit abzuwarten,
Mit der mich Lorchens Gunst erfreut.
Dort spielt' ich mit dem lieben Kinde
Früh, Mittags, Abends, durch die Nacht
Und hielt den Augenblick vor Sünde,
Den ich und sie getrennt vollbracht.

Kein Platz war unserm Lager enge,
Kein Winkel unsrer Lust zu klein;
Wir hatten ganz besondre Gänge
Und nennten Glück und Angst gemein.
Viel Wächter stunden uns im Lichte,
Doch Arglist ward durch List berückt,
Da wurden die verbotnen Früchte
Mit größrer Sehnsucht abgepflückt.

Wie viel vergnügt- und gute Lieder
Geriethen mir an ihrer Hand!
Ich ging die Weistritz auf und nieder,
Bis daß ich sie am Ufer fand;
Hier scherzten wir in allem Wetter,
Oft eh der Tag die Wolken brach,
Und rauschten denn die Erlenblätter,
So ahmten unsre Küsse nach.

Kehrt, güldne Zeiten, kehrt zurücke
Und führt mich gleich persönlich hin,
Da, wo ich mit entferntem Blicke
Und sehnlichen Gedanken bin.
Wie? Hat mein Wunsch ein solch Vermögen?
Ich seh', ihr kommt bereits gerannt,
Doch nein! Ich zieh' euch selbst entgegen
Und seh bereits ins Vaterland.

Dieß ahnt vielleicht dem holden Kinde,
Weil Neigung die Gemüther zieht;
Wer weiß, wie brünstig und geschwinde
Ihr Blick auf alle Straßen sieht;
Mein Engel, laß dich nicht verlangen,
Die Freude bringt das Warten ein,
Es malt sich mir auf deinen Wangen
Des bessern Glückes Morgenschein.

Nun gute Nacht, du edles Sachsen,
Behalt die Thränen meiner Qual!
Wie viel davon schon Gras gewachsen,
Das weiß dein Speck- und Rosenthal.
Ich will dir gern mein Leid vergeben,
Nur gieb dem kleinen Lehnchen Ruh,
Denn weil die Sterne widerstreben,
So sag' ich ihm nur Freundschaft zu.

Du aber, seliges Gefilde,
Sei hunderttausend mal gegrüßt.
Nun seh' ich, wie gerecht und milde
Des Himmels weise Führung ist;
Nunmehr erfahr' ich dessen Freude,
Der dort den Rauch von Ithaca
Nach glücklich überstandnem Leide,
Wie ich mein Striegau, wiedersah.

Du weis- und ewiges Erbarmen,
Das überschwenglich ist und thut,
Vergnüge mich in Lorchens Armen
Und schenk' uns nur ein kleines Gut;
Erhalt mir Weisheit, Kunst und Dichten
Und laß mich, wenn mein Körper fällt,
Kein blind und giftig Urtheil richten;
So neid' ich keinen auf der Welt.


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