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25.

(Schreiben an seine Magdalis. Von Frankfurt an der Oder, den 15. Nov. 1715.)

Mein Engel, nimm von mir so viel getreue Grüße,
Als Tropfen mir anjetzt aus Kiel und Augen gehn,
Als Seufzer ich vor dich in diesen Brief verschließe,
Als Thränen dir vielleicht auf deinen Rosen stehn!
Die Erde schläft und ruht, ich aber wach' und träume,
Weil deine Liebe mich mit offnen Augen wiegt.
Ich schreib' und weiß nicht was; du siehst es aus dem Reime,
Der nun aus Schweidnitz kommt und lahme Füße kriegt.
Das Joch der Einsamkeit schlägt meinen Leib darnieder,
Dem Nacht und Finsterniß die müde Seite schleußt;
Die ungewohnte Streu fühlt selbst den Schmerz der Glieder,
Die ein verborgnes Weh von ihrem Lager reißt.
Der Mangel deiner Brust bestürmet mein Gemüthe
Und ist ein scharfes Schwert, das durch die Seele dringt;
Gedenk' ich deiner Treu, so wallt mir das Geblüte
Wie ein zerfloßnes Erz, das mit dem Feuer ringt.
Bald schwächt die Ungeduld die Tapferkeit der Sinnen,
Bis der verwegne Mund auf den Geburtsstern flucht;
Bald strafet die Vernunft mein thörichtes Beginnen,
Bald seh' ich was von dir, das mich zu trösten sucht.
Ach, wie vergnügt mich nicht die Arbeit deiner Hände,
Die mir in dem Horaz die Verse abgezählt!
Die Sehnsucht schildert mir dein Bildniß an die Wände,
Dem zu der Aehnlichkeit nichts als das Leben fehlt.
Dieß ist der Lebenslauf, den ich anjetzo führe;
Wer mag wol, werthes Kind, dein Zeitvertreiber sein?
So viel ich rathen kann und aus der Neigung spüre,
So stimmt vielleicht dein Mund zu meinen Klagen ein.
Mich deucht, du schickst den Fuß zur Wehmuth in die Kammer,
In welcher unser Kuß oft sichre Zuflucht fand;
Mich deucht, du klagst bereits dem Fenster deinen Jammer,
Bei dem dein erstes Ja mich an dein Herze band.
Wie aber? Läßt dich auch die Tadelsucht zufrieden?
Es ahnt mir allerdings: Ihr Stachel wird nicht ruhn,
Dir, da des Himmels Hand uns ihr zur Lust geschieden,
Durch das Verläumdungsgift der Lästrer weh zu thun.
Allein Geduld, mein Kind, befiehl nur Gott die Rache,
Thu recht und scheue nichts. Wen das Gewissen schützt,
Der spricht der Misgunst Hohn und hat die beste Sache,
Obgleich der Neider Schwarm auf seine Scheitel blitzt.
Ein solcher Uebergang währt selten in die Länge;
Die Freundin, welche dir so manches beigebracht,
Wird mit der Zeit schon sehn, (ach daß es Gott verhänge!)
Wie endlich allzu scharf das Messer schartig macht.
Die Zeit verhindert mich, dich länger aufzuhalten,
Indessen lebe wohl, bedenke meinen Rath!
Laß die entbrannte Gluth des Herzens nicht erkalten,
Und liebe den, der dich um deine Liebe bat.


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