Julie de Lespinasse
Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
Julie de Lespinasse

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37.

Sonntags, um Mitternacht.

Sie haben also vergessen! Sie haben eine Furie, die ebenso bös wie toll ist, sich selber überlassen! Und hätten Sie sie der Hölle überantwortet, sie hätte sich nicht beklagt. Die Glut, die Unrast des Aufenthalts da ist doch Leben. Aber die Unglückliche hat den ganzen Tag in einer Wüste verbracht, die weder Hölle noch Himmel ist. Der ersehnte Trostengel ist ihr nicht erschienen. Er hatte wahrscheinlich für das Glück und die Wonne irgend eines himmlischen Wesens zu sorgen; er war selber berauscht von überirdischer Glückseligkeit, in einer Stimmung, in der ihn nichts an mich erinnern konnte.

Nun, wenn er in der Tat glücklich ist, so wünsche ich ihm aus tiefstem Herzensgrunde, daß ihn nichts zu mir zurückführe, denn ich wäre gottlos genug, seine Glückseligkeit zu verfluchen und zu beten, daß Reue und Gewissensbisse ihn ewig verfolgten. Noch Schlimmeres wünschte ich ihm: nimmermehr zu lieben und fortan nur Gleichgültigkeit zu finden!

Das wäre das Gebet, der Fluch einer Seele, die so heiß geliebt hat und nun nur noch die Sehnsucht hegt, auf ewig zu erlöschen.

Gute Nacht!


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