Julie de Lespinasse
Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
Julie de Lespinasse

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Julie de Lespinasse

Wenn Du niemals unglücklich warst ob jener Schwäche der starken Seelen, so wird Dich das vorliegende Buch verstimmen, denn es muß Dich ahnen lassen, daß es ein großes Glück gibt, das Du nicht kennst: das Glück der Julie de Lespinasse!
Friedrich von Stendhal, Von der Liebe

Auf der Heimfahrt von einem Ausfluge nach dem Lac de Bourget, im Sommer 1811, unternommen von Madame de Staël mit einigen ihrer Freunde, war schließlich die Unterhaltung eingeschlafen. Da brachte die geistreiche Herrin von Coppet das Gespräch auf ein im Jahre zuvor bekannt gewordenes Buch, und alsbald gerieten die sämtlichen Insassen der Reisekutsche in den allerlebhaftesten Gedankenaustausch. Ein jeder brannte darauf, zum Worte zu kommen, und auch das überschwenglichste Lob fand keine Abweisung. Inzwischen hatte sich ein schwerer Sturm erhoben. Unter Donner und Blitz schlug der Hagel gegen die Scheiben. Niemand beachtete das Unwetter; man war an ganz andere Dinge verloren.

Dieser von Sainte-Beuve geschilderte Vorfall gibt ein anschauliches Beispiel, welchen unerhörten Eindruck, über Frankreichs Grenzen hinaus, die gegen Ende des Jahres 1809 erstmalig gedruckten Briefe einer seltsamen Frau erregten, deren Andenken zwei Jahrzehnte vordem mit der erbarmungslosen Vernichtung der Kultur des ancien régime ausgelöscht zu sein schien. Wer hatte vor kurzem noch eine Ahnung gehabt von der Mademoiselle de Lespinasse, vom Salon der Madame du Deffand, vom General Hippolyte Guibert? Zweihundert vergilbte Briefe hatten urplötzlich die Kraft, den Ruhm und Reiz einer jäh verschütteten Zeit aus den Gräbern zurückzurufen; und ein ebenso reiches wie armes Frauenherz begann durch nichts als durch das Echo ihres Liebesbekenntnisses die Nachwelt auf immerdar zu rühren.

 

Man muß die den Selbstgenuß vergötternde Lebensanschauung der herrschenden Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts kennen, am besten durch die heute uns so reichlich zu Gebote stehenden Denkwürdigkeiten und Briefwechsel jener Tage, um die dunklen Umstände voll zu begreifen, die um Wiege und Kindheit der Frauengestalt ihr Wesen treiben, die unter dem Namen Julie de Lespinasse in der Reihe der Unsterblichen wandelt.

Am 9. November 1732, unter der berüchtigten Regierung Ludwigs XV. (1715-1774), kam in Lyon, im Hause des städtischen Wundarztes Louis Basilac, heimlich ein Kind zur Welt, dessen Eltern der Marquis Gaspard de Vichy und seine Geliebte, die Gräfin Julie d'Albon, waren. Dieser Tatsache entgegen stehen Geburt und Taufe im Kirchenbuche wie folgt verzeichnet:

Am 10. November [1732] ward getauft Julie Jeanne Eleonore de l'Espinasse, gestern geboren, eheliche Tochter von Claude l'Espinasse, Bürger von Lyon, und seiner Ehegattin, Frau Julie geb. Navarra. Pate ist Herr Louis Basilac, Amtswundarzt zu Lyon; Patin Frau Julie Lechot, vertreten durch Frau Madeleine geb. Ganivet, Ehegattin des genannten Herrn Basilac. Besagtes Kind ist im Hause des Herrn Basilac geboren. Der Vater hat wegen Abwesenheit nicht unterzeichnet; zwei Zeugen haben ihn vertreten, zugleich Pate und Patin. Dies beglaubigt
(gez.) Ambroise, Vikar,
(gegengezeichnet) Basilac.

Das in dieser gefälschten Urkunde auftretende Ehepaar Claude und Julie de l'Espinasse ebenso wie die Patin Julie Lechot sind Fabelwesen. Nur der Name l'Espinasse hat einen gewissen Rückhalt. So hieß eines der Landgüter der Gräfin d'Albon.

Diese große Dame, der unter anderem der Titel Fürstin von Yvetot zukam, war damals siebenunddreißig Jahre alt. Als Sechszehnjährige hatte sie einen Vetter, den Grafen Claude d'Albon (1687–1771) geheiratet; aber seit einem halben Jahrzehnt lebte die schöne, fabelhaft reiche und lebenslustige, gern schwärmerische Frau getrennt von ihrem Manne, über dessen geistige und seelische Eigenschaften nichts überliefert ist. An seine Stelle war ein anderer Vetter getreten, der ihr gleichaltrige Graf Gaspard von Vichy, ein Edelmann, der zu leben verstand. Die Ranglisten der Armee des Königs von Frankreich verzeichnen ihn in den Jahren von 1716–1743 als Reiteroffizier und Teilnehmer an sieben Feldzügen. Seine Familienangehörigen werden von einem Zeitgenossen mit folgenden Worten charakterisiert: »Allesamt kluge Leute, rassig, wohlerzogen, verführerisch, aber Egoisten, harte herrische Köpfe, zynisch in ihren Worten, bedenkenlos in ihren Taten.« Kein Wunder, daß es Gaspard de Vichy bis zum Feldmarschall gebracht hat.

Seine Liebschaft mit Julie d'Albon war für ihn ein romantisches Zwischenspiel; 1733 hatte es sein Ende, als der polnische Erbfolgekrieg begann. Sechs Jahre später heiratete er, der nunmehr Vierundvierzigjährige, Maria Camilla Diana d'Albon, die legitime Tochter seiner ehemaligen Herzensfreundin, von der er übrigens außer Julien noch einen Sohn hatte: Henri Laurent Hilaire (geboren 1731), dem die geistliche Laufbahn beschieden ward.

Julie d'Albon ist 1748 gestorben. Bis zu ihrem Tode lebte ihr Sündenkind bei ihr im Schlosse d'Avanges (bei Lyon), in Gesellschaft mit ihren anderen Kindern, der ebenerwähnten Diana (geb. 1716) und einem Söhnchen Camille (geb. 1724). Sodann übernahm Gaspard de Vichy Juliens Erziehung, indem er sie auf sein Gut Champrond nahm. Hier wuchs sie weiter auf, zusammen mit den legitimen Kindern ihres Vaters, Abel (geb. 1740) und Alexander (geb. 1743). Abel, zumeist genannt der Marquis de Vichy, hat lebenslang in treuer Freundschaft zu seiner Halbschwester gehalten; erst 1769 erfuhr er schaudernd, wie vielfach er mit ihr verwandt war.

Juliens Erziehung wich insofern – und dies ist von Bedeutung – von der allgemein üblichen Erziehung der vornehmen jungen Damen ihrer Zeit ab, als sie im Familienkreise und nicht in einem Kloster erfolgte. Dadurch bewahrte sie sich die innere Freiheit und blieb unberührt von dem frommen Firlefanz und dem seelenverderbenden Drill beschränkter Nonnen.

Eine Schwester des Grafen Gaspard de Vichy war die in der Literaturgeschichte Frankreichs berühmte Marquise Marie du Deffand (1697–1780). Gaspard besuchte sie jedesmal, wenn ihn Geschäfte oder Vergnügungen nach Paris riefen; ebenso sie ihn, wenn sie gerade einmal Bedürfnis nach Landluft empfand. Seit dem Tode ihres Mannes (1747) lebte sie im Kloster Saint-Joseph (in der Rue Saint-Dominique), das als Asyl der Madame de Montespan (gestorben 1707), der Geliebten des Sonnenkönigs, eine gewisse Berühmtheit hatte.

Die Bedeutung der aristokratischen Klöster im alten Frankreich ist bekannt. Sie waren zugleich die üblichen Erziehungsanstalten und Versorgungshäuser für die jüngeren Töchter der alten Geschlechter und allezeit offene Orte, an denen weltliche Herzen zeitweilig in sich zu gehen versuchten; ferner Zufluchtsstätten junger Witwen, die auf eine Wendung ihres Geschickes warteten; schließlich älteren Damen ein sicherer Hafen, aus dem sie die Gesellschaft, von der sie noch immer nicht ganz lassen wollten und konnten, wenigstens von weitem beobachteten. Die Frömmigkeit war auch hier wie in ganz Frankreich, als einem Lande höherer Zivilisation, nur eine Äußerlichkeit, mit der man sich zwanglos-graziös abfinden durfte.

Die fünfzigjährige, fast erblindete Frau, die ihr Leben voll genossen, hatte mit dem Einzug in dieses Haus auf vieles verzichtet, nur auf eines nicht: geistreich unterhalten zu werden. Eine letzte Illusion, in der Welt etwas zu bedeuten, veranlaßte sie, sich und ihren Salon zu einem Mittelpunkte der erlesensten Zerstreuung – der schöngeistigen Plauderei – zu machen. Sie hatte täglich drei oder vier Personen und häufig zwölf bis dreizehn Gäste an ihrer Abendtafel. An den Sonntagen, später an den Sonnabenden, gab sie große Soupers, zu denen sich die berühmtesten Männer und die vornehmsten Damen einfanden, oft einander Todfeinde, hier vereint, »ohne sich zu befehden oder zu meiden«. Zum Jahresende hielt sie einen noch größeren Empfangsabend ab, das »Mitternachtsmahl«, das auf einer Galerie stattfand, die mit der Klosterkirche verbunden war, so daß die Gäste das Vergnügen genossen, die Mitternachtsmesse zu hören und meisterlicher Kirchenmusik zu lauschen.

War kein Gast da, so hockte die Marquise mißgelaunt in ihrem Wohnzimmer, das ein zeitgenössischer Stich von Cochin »Die Angorakatzen der Madame du Deffand« verewigt. Wir sehen da eine Kaminecke, neben der sich ein riesiger Lehnstuhl mit Holzfüßen, bäurischen Armlehnen, breiten weichen Kissen spreizt: die berühmte »Tonne«. Unter dem Stuhle lugt ein Garnkörbchen in Form eines Reifrockgestells hervor. Dem Kamin gegenüber steht eine Servante unter einer kleinen Bücherei mit drei Fächern; in der Ecke des Zimmers ein Eckschrank mit etwas Porzellan. An der hinteren Wand mit einfarbigem prunklosem Getäfel öffnet sich eine Glastür, die nach einem dunklen Kabinett führt. Im Alkoven zeigt sich das Kopfende eines Bettes, überzogen mit geblümtem Kattun. Derselbe Stoff schmückt auch die Wand, an der man eine kleine Uhr bemerkt. Als einzige Bewohner des Raumes verraten sich zwei Katzen, die um den Hals breite Seidenbänder tragen.

Zur Wohnung gehörten noch ein Eßzimmer, ein Vorzimmer, ein Stübchen der Kammerfrau und ein ebensolches des Dieners, eines alten treuen Faktotums. Hier lebte die alternde Marquise in eigenwilligster Art, den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage machend, wie dies damals alle Damen der Mode taten; vor sechs Uhr abends verließ sie ihr Schlafgemach nicht.

In dieses Hauswesen kam Julie de Lespinasse in der zweiten Hälfte des Aprils 1754. Am liebsten hätte die Familie d'Albon es gesehen, wenn das lebhafte kluge Mädchen für dauernd in ein Kloster gegangen wäre. Aber dazu war sie nicht zu bewegen. Julie erklärte, sie werde sich von ihren »barbarischen Verfolgern« freimachen und sich ein selbständiges Dasein gründen; zugleich forderte sie von den Albons eine genügende Erhöhung ihres Jahresgeldes, das gemäß dem Testament ihrer Mutter aus Rücksicht auf die Konvenienz die geringe Höhe von dreihundert Franken hatte. Es kam zu heftigen Auftritten, die ihr kein Ergebnis brachten. Um diese Zeit weilte die Marquise du Deffand vorübergehend in Champrond und bot ihr eine Zuflucht in ihrem Pariser Heim an. Julie schlug das Angebot aus und begab sich versuchsweise in ein Lyoner Kloster. Erst als sie die Unerträglichkeit des Lebens daselbst für eine leidenschaftliche und literaturliebende Natur ihrer Art erkannt und in ihren Erbansprüchen nochmals eine schroffe Abweisung erfahren hatte, fügte sie sich dem Winke des Schicksals und folgte dem Rufe der Frau du Deffand, deren Diplomatie alle Gegenbestrebungen der Verwandtschaft zu vereiteln verstand. Damit betrat die Zweiundzwanzigjährige eine neue Welt.

Zu den hervorragenden Persönlichkeiten, mit denen die alte Marquise zu dieser Zeit ihres Lebens Verkehr pflog, gehörten: die Herzogin von Lavallière, die schöne Marschallin von Luxemburg, der Präsident Hénault, d'Alembert, Loménie de Brienne (Erzbischof von Toulouse, später Minister Ludwigs XVI.), der Chevalier d'Aydie, Turgot (der berühmte Ökonomist).

In diesem Kreise geistvoller vornehmer Menschen, die alle Weltkenner und Lebensgenießer waren, wurde Julie aus einer gelehrigen Schülerin sehr bald das, was man an ihr später zu bewundern nicht müde ward. Ein Gedicht, entstanden um 1760, schildert sie:

Stets ist dein Urteil höchst exakt,
Bist Meisterin in Form und Takt,
Hast frohen Sinn und Geist und Witz:
Weltkind und Fee! Man möchte staunen.
Zuweilen freilich zuckt ein Blitz,
Ein kalter Schlag aus deinen Launen.

Bist eine Welle, so bewegt,
Von jedem Windhauch rasch erregt.
Ein Nichts verletzt dich bis zur Pein,
Ein Nichts begeistert dich zu Flammen;
Melancholie und Schelmerein,
Die hast du immerdar beisammen.

Damit dies Bildnis ganz dein Du,
Muß noch ein kleiner Zug hinzu:
Auf Sprachgeschichte viel du hältst,
Gelehrter Düftelei gewogen...
Begnüge dich, daß du gefällst,
Und laß den Kram den Philologen!


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