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Vor Sonnenaufgang.

Vom Werk des neugebornen Tags erfüllt,
Durchbraust mich ein Gefühl verzückter Kraft.
In tiefe Aufgangsschleier eingehüllt,
Erhebt ein Daseinsrausch sich riesenhaft.
Ein wunderliches schweres Nachtentzücken
Schleift seine Säume in den jungen Tag,
Aus tausend hingesäten Schöpfungsstücken
Pocht ein betörend lauter Herzensschlag.
Vom höchsten Berg möcht ich den Abschied sehn
Von Nacht und Tag. Ob's ist, wie Menschen tun,
Die fremd und hastig sich vorübergehn?
Ob's ist wie Liebe: Blick im Blicke ruhn?
Ob Tag und Nacht in Schöpferfreude weben,
Ob sie mit lässigem Wandeln schweben? –
Da schwimmt am Berg ein glitzernd Wölkchen an –
Nun, meine Seele, frage deinen Tag,
Mit aller Kreaturen Herzensschlag,
Was er an Kraft und Fülle geben kann.


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