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Eine Weihnachtsbitte.

Am Weihnachtsabend in der großen Stadt,
Als Glockenklang das liebe Christkind grüßte
Ging ich mit dir. Der eisige Nordwind schnitt
Und machte unsere Augen trüb und blind,
Daß man nicht wußte, ob es Tränen waren,
Die flirrend auf den Augensternen schwammen.
Die Straßen auf, die langen Straßen ab,
Hingst du an meinem Arme wie ein Stein.
Um die Laternen fror ein Glitzerring,
Und unser Atem wehete wie Tücher.
Wir sprachen nichts und gingen ohne Ziel.
Da, als die Glocken, wie emporgerissen,
Vor Glück aufschrieen, daß die Luft erschrak,
Sah ich, wie deine steifgefrorenen Finger
Sich mühvoll langsam ineinanderhakten,
Und deine Lippen, ohne daß sie's wollten,
Hermurmelten das alte Weihnachtslied:
»Heut schleußt er wieder auf die Tür
Zum schönen Paradeis«.
Es klang so schlicht und treu und weihnachtsgolden
Als ob ein harrend Kind das Wort gebetet. –
Und da befiel mich eine irre Angst
Und meine Seele ist zu Gott gekrochen
Mit diesem Schrei, der hart am Mund zerklirrte:
»Gott, du allewiger, der die Herzen hält,
Nimm von uns weg die qualvoll lange Liebe,
Die alle Lichtkraft unsers Lebens trinkt.
Doch ist ihr Wesen allzu eins mit mir,
So laß sie sterben, die hier mit mir geht,
Daß ich sie aller Nöte ledig weiß,
Dem Schlund verfallen, der das Leben frißt.« –
Die Glockenklänge schlichen scheu zusammen,
Als ängste sie die dunkle Weihnachtsbitte.


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